Zeugen Jehovas gegen Jugendbuch Angst vor "Krabat"

In der Verfilmung von Otfried Preußlers Jugendbuch "Krabat" sahen die Eltern eine spirituelle Gefahr: Als Zeugen Jehovas sei ihnen der Umgang mit schwarzer Magie verboten, ihr Sohn sollte den Film nicht sehen - auch nicht als schulische Pflichtveranstaltung. Ein Gericht gab ihnen jetzt recht.

Preußlers Jugendbuch "Krabat": Nichts für Zeugen Jehovas
Thienemann

Preußlers Jugendbuch "Krabat": Nichts für Zeugen Jehovas


Otfried Preußlers Jugendbuchklassiker "Krabat" wird an den Schulen in Nordrhein-Westfalen viel gelesen. Ein Bocholter Gymnasium hätte den Jungen aber nicht zwingen dürfen, sich auch die Verfilmung des Romans anzusehen - die Eltern des Jungen gehören den Zeugen Jehovas an und hatten beantragt, ihren Sohn vom Filmbesuch zu befreien. Das entschied am Donnerstag das nordrhein-westfälische Oberverwaltungsgericht (OVG) in Münster.

Das Buch stand auf dem Deutsch-Lehrplan für die siebte Klasse des Jungen. Der Kinobesuch war als verbindliche Schulveranstaltung angesetzt worden. Die Eltern hatten daraufhin beantragt, ihren Sohn davon zu befreien. Das lehnte der Schulleiter ab, um keinen Präzedenzfall zu schaffen. Die Eltern zogen vor Gericht, verloren allerdings in erster Instanz vor dem Verwaltungsgericht Münster.

Der Schulleiter hätte den Antrag der Eltern nicht zurückweisen dürfen, urteilte nun das OVG. Die Eltern hätten nachvollziehbar und überzeugend dargestellt, dass ihre Religion ihnen alle Berührungspunkte mit Spiritismus und schwarzer Magie verbiete. Die Argumentation erinnert an jene fundamentalistischen Christen, die gegen die "Harry Potter"-Reihe wetterten: Sie befürchteten durch die Buchreihe über den Zauberlehrling aus Hogwarts Verführung zum Satanismus, Verhöhnung des Christentums und Verharmlosung von Okkultismus.

Da im aktuellen Fall des Kindes der Zeugen Jehovas ein Kompromiss wie das Zuhalten von Ohren und Augen bei strittigen Szenen nicht praktikabel gewesen sei und ihr Sohn an der Besprechung des Buchs im Unterricht vor und nach dem Kinobesuch normal teilgenommen habe, "müsse der staatliche Bildungs- und Erziehungsauftrag im vorliegenden Einzelfall ausnahmsweise zurücktreten", so das OVG.

Eine neuerliche Revision ließ das OVG nicht zu. Das Land Nordrhein-Westfalen als Beklagte kann diese aber eventuell durch eine erfolgreiche Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht erzwingen.

Aktenzeichen: 19 A 610/10

otr/dpa/AFP

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