Zickenkrieg im Web "Geh dich aufhängen!"

Getuschel auf dem Schulhof war früher. Heute tragen vor allem Mädchen ihren Psycho-Zoff im Netz aus. Obszönes auf der Pinnwand, Demütigungen im Chat - schon Zwölfjährige sticheln hinterhältig und hemmungslos gegen Mitschüler. Für die Mobbing-Opfer geht oft eine Welt unter.

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Als Yelina Moric*, 16, zur Mittelstufensprecherin gewählt wurde, freuten sich nicht alle Mitschüler ihres Gymnasiums in Hessen mit ihr. Das merkte Yelina, als sie sich nach der Wahl in ihren Account bei SchülerVZ einloggte: Ein Mädchen aus der Unterstufe hatte dort auf ihrer öffentlichen Pinnwand geschrieben, Yelina habe die Wahl nicht verdient, sei außerdem doof und hässlich. "Das Mädchen war zwei Köpfe kleiner als ich. Nie im Leben hätte sie mir so etwas ins Gesicht gesagt. Die wusste überhaupt nicht, was sie da tat", erzählt Yelina.

Online-Mobbing: Eine Belastung rund um die Uhr
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Online-Mobbing: Eine Belastung rund um die Uhr

Und Yelina rächte sich. Sie bat ihre 200 virtuellen Freunde, die Jüngere aufs Übelste zu beschimpfen - und löste einen regelrechten Hass-Mob aus. "Innerhalb von vier Stunden hatte das Mädchen 244 Nachrichten im Gästebuch", erzählt Yelina. "Schlampe" und "Du Opfer!" schrieben unbeteiligte Schüler der Zehnjährigen. Sie drohten: "Ich fick dein Leben und mache dich fertig", andere Mitschüler forderten: "Geh dich aufhängen."

Für eine Zehnjährige ist sowas ein Weltuntergang.

Was noch vor wenigen Jahren mit Gezänk in der Pause verbunden gewesen wäre, wird heute mit digitalen Waffen ausgefochten. Und die heißen SchülerVZ oder Lokalisten.de, Kwick oder Knuddels. Millionen Schüler haben bei SchülerVZ etwa fünf Millionen Interessengruppen gegründet und über 200 Millionen Fotos hochgeladen. Neben Neugier finden dort auch Rachegelüste und niederträchtiger Spaß einen idealen Nährboden.

Der Feind in meinem Netzwerk

Im Jugendportal Kwick richtete zum Beispiel eine siebte Klasse eines Stuttgarter Gymnasiums ein Forum ein, in dem sich die Mädchen gegenseitig nach "Charakter" und "Aussehen" mit Schulnoten bewerteten. Dort stand dann über Alexandra, 14, etwa: "Schaut euch mal die Haare an, langt die denn jeden Tag in die Steckdose?". "Das war ganz schön verletzend", sagt die Schülerin, "es gab eine Zeit lang richtig Stress in der Klasse."

Belästigungen und Beleidigungen, Gerüchte und Ausgrenzung - sicher, den Mitschüler als Hassobjekt gab es unter Teenagern immer schon. Die Online-Variante des Mobbings jedoch ist perfider als der Klassendruck von früher. Es belastet die Mädchen rund um die Uhr auch außerhalb der Schule, das Publikum ist unüberschaubar groß, die Inhalte verbreiten sich extrem schnell.

Zudem geht den Tätern online leicht jede Beißhemmung flöten. Im Schutz der Anonymität wird sogar das Mauerblümchen hinterhältiger, als es sich im wahren Leben je trauen würde. Und wer die Tränen seiner Opfer nicht miterlebt, kennt kein Erbarmen.

"Es gibt keinen Rückzugsraum mehr"

Was neu und qualvoll ist: Die sichere Zone schrumpft. Wer ehedem gemobbt wurde, fand wenigstens nach Schulschluss eine andere Welt vor. Das ist vorbei. "Es gibt keinen Rückzugsraum mehr", sagt Medienpädagoge Markus Gerstmann, der in Schulen Workshops zur Privatsphäre im Netz abhält. Zuhause gehen die Schmähattacken weiter.

Unter Mädchen zieht sich der Psycho-Zoff oft wochenlang hin. Auch Jungs stänkern im Netz - und werden dann schneller handgreiflich. "Nach ein paar Beleidigungen auf SchülerVZ verabreden wir uns mit der ganzen Clique zum Prügeln", sagt Christopher, 15, der ein Gymnasium eines vornehmen Hamburger Stadtteils besucht.

Das kann blutig enden, wie ein aktuelles Beispiel aus Hamburg zeigt: In der Nacht zum Samstag trugen zwei Jugendliche äußerst brutal einen Streit aus, den sie zuvor in einem Chat begonnen hatten. Sie verabredeten sich am Bahnhof im Hamburger Stadtteil Barmbek, beide kamen mit Freunden. Dann schlugen die Gruppen aufeinander ein - und griffen zu Waffen: Ein 15-Jähriger wurde mit einem Messer in den Bauch gestochen, einem 16-Jährigen eine Bierflasche auf dem Kopf zertrümmert.

Bloß nicht als Petze dastehen

Die Welt der Internetportale und Chat-Programme bleibt vielen Lehrern fremd. Aber Cyber-Mobbing sehen sie zunehmend als Problem. Manche Lehrer versuchen, per Schein-Account ihre Schüler zu überwachen und die Sticheleien im Zaum zu halten. Auch sich selbst wollen sie so vor Lästereien schützen: Wenn ein Schüler Mitglied von Gruppen mit Namen wie "Frau Stelzer ist scheiße" wird, muss er Konsequenzen durch die Schulleitung fürchten.

Ein Lehrer aus Nordrhein-Westfalen druckte alle SchülerVZ-Profile seiner Schüler auf Papier aus und hängte sie auf dem Schulflur aus, berichtet Birgit Kimmel, pädagogische Leiterin der Organisation Klicksafe, die sich gegen Cyber-Mobbing engagiert. Die Schüler reagierten empört: Der Lehrer dürfe das nicht, das sei Privatsache. "Den Jugendlichen ist die Öffentlichkeit des Internets gar nicht bewusst", sagt Kimmel, "ebenso wenig wie die Dimension, die eine Demütigung bekommt."

Ein Viertel der befragten Jugendlichen von zwölf bis 19 Jahren waren bereits in einem sozialen Netzwerk von Mobbing betroffen, ergab die aktuelle Jugendstudie JIM des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest. Und 40 Prozent der Jugendlichen gaben an, dass Fotos von ihnen ohne ihr Wissen online gestellt wurden.

Auf Druck der Europäischen Union haben große Anbieter sozialer Netzwerke wie Facebook, Netlog und SchülerVZ Anfang dieses Jahres eine Verpflichtungserklärung unterschrieben. Kritische Inhalte können über einen Alarmknopf sofort gemeldet werden. Doch viele Jugendliche zögern, den Knopf zu benutzen - schließlich wolle keiner gern als Petze dastehen, sagt Birgit Kimmel. Wie oft Mobbing auf diese Weise gemeldet und wie schnell reagiert werde, darüber könne SchülerVZ keine Angaben mache, sagt Sprecher Dirk Hensen. Er ist sich sicher: "Mobbing entsteht im echten Leben, nicht im Netz."

Passwort abfangen? Auch kein Problem

Mehr noch als soziale Netzwerke entziehen sich Instant Messenger wie ICQ der Kontrolle durch Erwachsene. Messenger zählen zu den Hauptmedien für Online-Konflikte. "Es ging bei uns um Kleinigkeiten, meistens um Jungs", erzählt Gymnasiastin Carolin, 16, aus Nordrhein-Westfalen. "Entweder haben sich zwei Gruppen gezankt - oder alle gegen eine. Da sind Sätze gefallen, die wir uns persönlich nie gesagt hätten, das war richtiges Mobbing."

Auch gefälschte Profile in Netzwerken sind ein Problem. Etliche Videos im Internet zeigen schülergerechte Anleitungen, um etwa Passwörter bei SchülerVZ abzufangen. Schon Elfjährige verändern so die Profilseiten ihrer Mitschülerinnen. "Das ist einer Freundin in der Unterstufe passiert", erinnert sich Yelina. Als diese sich eines Tages eingeloggt habe, habe in ihrem Profil "Ich treib's mit jedem" gestanden. Dutzende Schülerinnen hätten mit weiteren Obszönitäten geantwortet.

Der dramatischste Fall ist der von Megan Meier: Das US-amerikanische Mädchen nahm sich mit 13 Jahren nach perfidem Cyber-Mobbing das Leben. Sie war im Jahr 2006 bis über beide Ohren in eine Internetbekannschaft verliebt gewesen, als ihr virtueller Freund sie plötzlich verschmähte und die Online-Gemeinschaft MySpace gegen sie aufhetzte. Das Profil des Jungen war in Wahrheit von einer ehemaligen Freundin und deren Mutter geschaffen worden, um sich an Megan zu rächen. Nach Megans Tod wurden Online-Bösartigkeiten im US-Bundesstaat Missouri weltweit erstmalig zum Straftatbestand erklärt.

Yelina, die erst im Web angegangen wurde und dann selbst nach Kräften mobbte, will ihr Konto bei SchülerVZ löschen. Als sie sich mit 14 Jahren zum ersten Mal anmeldete, fand sie es witzig, ein cooles Profil von sich zu gestalten. Sie wollte dazu gehören, schließlich waren nur zwei Schüler aus ihrem Bekanntenkreis nicht Mitglied im Schülerportal.

"Mittlerweile finde ich die Sache beängstigend", sagt Yelina. "Ich will nicht mehr, dass Leute auf meinem Profil herumspuken. Und diese Selbstdarstellung ist widerlich."

(*Name geändert)

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 93 Beiträge
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Seite 1
chrome_koran 11.08.2009
1. Die folgenden Fehler traten bei der Verarbeitung auf:
Wer freiwillig seine persönlichen Daten im Netz preisgibt, arf sich nicht wundern, wenn jemand anders diese bei der nächsten Gelegenheit als Angriffsfläche missbraucht. Das galt "schon immer": im Usenet, später in den Foren. Mit den ganzen "Sozialnetzwerken" nahm die Sache aber eine ganz neue, nie dagewesene Dimension an - schließlich bauen diese Netzwerke darauf, dass die Mitglieder möglichst viel über sich selbst publik machen. Ich bin alles andere als Feind der Neuen Medien (im Gegenteil, ich lebe davon, diese zu kreieren), aber diese Sache mit den Netzwerken - mit Verlaub - stinkt zum Himmel. Leider sind solche Strukturen, einmal erschaffen, nicht mehr aus der digitalen Welt zu schaffen. Egal wie sehr (und sinnlos) sich die Politik anstrengt. Da hilft nur noch, bei jungen Leuten, Aufklärung, Aufklärung und nochmals Aufklärung. P.S. wann wird hier endlich der Bug behoben, der einen zwingt, einen Titel einzgeben? Nervkram.
Daniel Freuers, 11.08.2009
2. Neue Technologien erforden adäquate Gesetze
"Nach Megans Tod wurden Online-Bösartigkeiten im US-Bundesstaat Missouri weltweit erstmalig zum Strafbestand erklärt. " Online Beleidigungen sollten auf jedenfall ernsthafter von der Justiz betrachtet werden. Die Heranwachsenden müssen lernen das das Internet kein rechtsfreier Raum ist. Es ist die Pflicht jenes Staates auch neue Technologien jederzeit vernünftig zu bewerten und angemessen zu reagieren. Das Online Strafrecht reagiert in meinen Augen nicht nur mit Verzögerung auf die neuen Medien, es reagiert auch recht hilflos und technisch betracht außerordentlich inkompetent. Das ist sehr gut am neuen Anti-Kinderporno-Gesetz von Frau von der Leyen sichtbar geworden.
aintnostyle 11.08.2009
3. man sollte
vielleicht aufhören so zu tun als hätte "das netz" mobbing erfunden... so ein quatsch.. schon mal auf nem schulhof gewesen? na also
edelheidi 11.08.2009
4. Bevorzugtes Mobbing-Opfer...
beim Spiegel ist offensichtlich vor allem das Web. "NETZ OHNE GESETZ" - eine glatte Lüge. Das Internet braucht keine neuen Regeln. Es ist bereits den gültigen Gesetzen unterworfen. Aber das ist wohl zu langweilig, lieber wird von den "etablierten" Medien mit Schmutz geworfen. Auch hier ist die Ursache wohl Neid: ausgelöst durch den Verlust von Meinungsführerschafts- und Marktanteilen. Zum Thema Mobbing in der Schule: das gab es schon zu meiner Jugendzeit (vor 35 Jahren).
Sandygirl 11.08.2009
5. Das böse Internet
Niemand würde auf der Straße herum gehen und überall seine privaten Bilder herumzeigen und anderen Leuten ungefragt seine Hobbys und Ängste erzählen. Aber die mangelnde digitale Bildung der Deutschen macht es möglich. Aber Facebook&Co ist nicht das ganze Problem. Keiner stört sich an den Kameras, die überall hängen. Keiner stört sich an den Stasi-Brücken, die jedes Auto fotografieren. Keiner stört sich an den Kreditkarten oder "Kundenkarten", die jeden Einkauf registrieren und dem digitalen Profil hinzufügen. Eine Ministerin (!) versucht Zensur in Deutschland einzuführen und das unter fadenscheinigen Gründen und mit Falschbehauptungen (wir haben das damals noch Lügen genannt). Das Kernproblem ist, dass wir noch immer an den Symptomen herum-doktoren, obwohl die Kur längst bekannt ist. Unser Kinder brauchen eine gute mediale Ausbildung und ein Bewusstsein für die subtile Verbindung von Datenschutz und Demokratie.
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