Zukunfts-Planspiel Eine Zeitreise ins Jahr 2020

Technik? "Laaangweilig", finden viele Jugendliche. Darum laden Unternehmen überall in Deutschland Schüler zum Planspiel ein. Sie sollen sich das Jahr 2020 ausmalen und bei Projektwochen auch neue Produktideen entwickeln, etwa für Getränke, die im Dunkeln leuchten.

Von Katrin Schmiedekampf


Lisa, Alina, Miriam und Antonia haben sich in die S-Bahn nach Potsdam gesetzt und sind in der Zukunft gelandet, im Jahr 2020, um genau zu sein.

Ausgestiegen sind sie dort, wo alle aussteigen, die zum Hasso-Plattner-Institut wollen: an der Haltestelle Griebnitzsee. Dann haben sie die Tür zum Seminarraum B-E 2 aufgemacht - und sind in einer Zeit angekommen, in der es einen Schminkkoffer gibt, der seine Besitzerin in Styling-Fragen berät, eine Funkausstellung nur für Frauen und ein Schulfach, das Kinder schon ab der ersten Klasse auf den späteren Beruf vorbereitet.

"Jugend denkt Zukunft" heißt das Planspiel, bei dem die Schülerinnen mitmachen. Über 310-mal wurde es bereits gespielt, mehr als 240 Firmen waren beteiligt. Das Prinzip ist immer gleich: Ein Unternehmen übernimmt die Patenschaft für eine Schüler-Projektwoche. Es zahlt 6000 Euro für die Organisation, stellt Mitarbeiter und Räume zur Verfügung. Außerdem gibt es ein Thema vor, mit dem sich die Schüler fünf Tage lang beschäftigen sollen.

Diesmal diskutieren 22 Schülerinnen des Schadow-Gymnasiums in Berlin-Zehlendorf eine Frage, über die sich Uni-Professoren, Politiker und Unternehmer seit geraumer Zeit den Kopf zerbrechen: Wie lassen sich Mädchen für IT-Berufe begeistern? "17 Prozent unserer Studenten sind weiblich. Weil das immer noch zu wenig ist, bin ich sehr gespannt auf die Ideen der Schülerinnen", sagt Christoph Meinel, Direktor des Hasso-Plattner-Instituts für Software-Systemtechnik.

Die gehen in die 10. Klasse und sitzen jetzt im Schneidersitz auf dem türkisfarbenen Boden des Seminarraums und hantieren mit bunter Pappe, Pritt-Stiften und Scheren. Die Heizungen sind ein wenig zu hoch gedreht, und es riecht nach Pausenbroten und Apfelspalten aus der Tupperdose.

Für Technik haben sie sich bisher kaum interessiert. "Laaaangweilig", fand eine, "viel zu kompliziert" eine andere. Einige konnten sich unter Technik "einfach nichts vorstellen" - das alles haben sie auf ein großes Plakat geschrieben, das an einer Wand des Seminarraums klebt.

Natürlich kann jedes der Mädchen mit dem Computer umgehen, und auch ein eigenes Handy hat jede von ihnen in der Hosentasche. Doch wie die Geräte genau funktionieren? Das war ihnen bisher egal.

Dies änderte sich während der Projektwoche, unter anderem weil die Schülerinnen Besuch von Studentinnen der TU Berlin bekamen. "Ich habe Druck- und Medientechnik studiert, weil ich etwas gesucht habe, wo ich etwas Praktisches tue und zugleich auch kreativ sein kann", erzählte ihnen die Diplom-Ingenieurin Julia Treisch, 24.

"Es war spannend zu hören, dass man gar nicht nur ein Fach wie zum Beispiel Physik oder Biologie studieren muss, sondern auch was ganz anderes machen kann", sagt die 15jährige Larissa Schneider. Sie findet: "In der Schule lernt man einfach zu wenig darüber, was ein Ingenieur genau macht, und was es alles für Berufe gibt."

Mit einem neuen Schulfach, das schon ab der ersten Klasse unterrichtet wird, wollen die jungen Berlinerinnen das ändern. "Naturwissenschaftliche Zukunftsvorbereitung", kurz "NZV" werde es heißen. Einmal in der Woche soll es 90 Minuten lang über Technik- und Ingenieurberufe informieren. "Da kommen dann Studenten in die Schule und erzählen von ihrem Studium", sagt Larissa. Und die Schüler würden Exkursionen machen zu Firmen. "Außerdem bekommt man da beigebracht, wie man Bewerbungen schreibt und wird auf ein Auslandsjahr oder ein Praktikum vorbereitet." Durch das neue Fach, da ist Larissa sicher, würde das Technikinteresse der Frauen schlagartig geweckt.

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Lisa Garczarek, Alina Klein, Miriam Schartner und Antonia Groß finden es wichtig, "dass man den Frauen zeigt, was mit Technik alles möglich ist". Deshalb haben sie "Cosmik, den digitalen Schminkkoffer" erfunden. Es gibt ihn bisher nur auf dem Papier.

Statt in einem Spiegel kann sich die Besitzerin des Köfferchens in einem Display betrachten. "Er scannt die Gesichtszüge ein und berechnet, was einem gut steht. Außerdem filmt er die ganze Zeit, so dass man sich mit Freundinnen über das neue Outfit beraten kann", erklärt Lisa. Die 15-Jährige trägt schwarze knielange Stiefel über der Röhrenjeans. "Glamour" steht in goldenen Buchstaben auf ihrem T-Shirt geschrieben.

Eine dritte Mädchenarbeitsgruppe malt sich unterdessen etwas ganz anderes aus: "Frauen fänden IT spannend, wenn es eine Internationale Funkausstellung nur für sie gäbe - weil dort Themen behandelt werden, die uns wirklich interessieren", sagt Netti Aettner, 15. Gemeinsam mit drei Klassenkameradinnen hat sie das Konzept für eine solche Messe ausgetüftelt. "Dort soll ein Stand stehen, an dem man sein Handy aufpimpen kann. Außerdem berät einen ein Computer, was man mit den Produkten im Kühlschrank kochen kann - und wie viele Kalorien das Essen genau hat."

Ob es das neue Schulfach, die Frauenmesse oder den digitalen Schminkkoffer eines Tages tatsächlich geben wird? "Das ist nicht auszuschließen", sagt Mareike Rückziegel vom Institut für Organisationskommunikation (IFOK). Ihre Firma organisiert die Schüler-Projektwochen, die es seit dem Jahr 2004 gibt. "Und in dieser Zeit sind schon eine ganze Reihe der Schülerideen tatsächlich umgesetzt worden", sagt Rückziegel.

So gibt es im Raum Rhein-Neckar seit dem Februar 2006 eine Bankfiliale für Jugendliche - ganz wie es sich die Neuntklässler der Feudenheim Realschule in Mannheim in einer "Jugend denkt Zukunft"-Projektwoche ausgedacht haben. Dort finden die Kunden Internet-Terminals, gemütliche Sofaecken, ein buntes Wandbild, Snacks, einen Getränkeautomaten und eine junge Filialleiterin, die kein Kostüm trägt, sondern Jeans und Polohemd. Das scheint gut anzukommen: "Wir denken darüber nach, noch mehr Jugendfilialen zu eröffnen", sagt Holger Schmitt von der VR-Bank Rhein-Neckar.

Vielleicht wird es eines Tages auch Getränkeflaschen geben, die im Dunkeln leuchten. "Unsere Entwicklungsarbeit prüft derzeit die Idee der Neuntklässler von der Geschwister-Scholl-Realschule", sagt Coca-Cola-Marketing-Mann Markus Seitz. In ein bis zwei Jahren werde eine Entscheidung gefällt.

"Und auch noch zwei weitere Erfindungen der Schüler werden auf ihre Machbarkeit untersucht", sagt Seitz. Da gebe es einmal die Emotion-Flasche, die durch ihre Farbe verrät, in welcher Stimmung sich der Trinkende gerade befindet: Rot steht für temperamentvoll, Blau für schlechtgelaunt, Gelb für neutral. "Eine dritte Gruppe hat sich in der Projektwoche ein neues Getränk ausgedacht", sagt Seitz. Es bestehe aus zwei Flüssigkeiten, einer süßen und einer sauren, die sich beide getrennt voneinander in einer Z-förmigen Flasche befinden und sich erst beim Trinken mischen. "So kommt es zu einem ganz besonderen Geschmackserlebnis."

"Von den 'Jugend denkt Zukunft'-Spielen profitieren alle", sagt IFOK-Mitarbeiterin Rückziegel. Den Schülern winkten Praktikums- und Ausbildungsplätze, außerdem könnten sie sich das Berufsleben nach der Projektwoche viel besser vorstellen. "Und die Firmen freuen sich, dass nicht ihre Mitarbeiter darüber grübeln müssen, wie die Zukunft eines Produkts aussehen wird - sondern die Zielgruppe tut dies selbst."

Nicht nur Entwicklungsabteilungen scheinen darüber dankbar zu sein. Harald Mier, Schulleiter des Schadow-Gymnasiums in Berlin-Zehlendorf, wird plötzlich sehr wach, als ihm seine Schülerinnen bei der Abschlusspräsentation von dem neuen Unterrichtsfach erzählen. "Wir haben tatsächlich über ein neues Fach nachgedacht. Es war interessant zu erfahren, wie ihr es gern hättet", sagt er zu den Mädchen.

Diese können sich nach der Projektwoche "schon eher vorstellen, was Technisches zu studieren". Der kleine Ausflug ins Jahr 2020 hat sie neugierig gemacht.



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