Zweisprachige Schüler Was Deutschland von den Finnen lernen kann

Migrantenkinder sollen endlich richtig Deutsch lernen - ihre Muttersprache gilt in deutschen Schulen eher als Ballast. Finnische Lehrer und Bildungspolitiker dagegen haben längst die Zweisprachigkeit als große Bildungschance entdeckt.

Von Liisa Niveri


Festliche Stimmung in der Finnischen Seemannskirche am Hamburger Hafen - zu Besuch kam Donnerstag Finnlands Staatspräsidentin Tarja Halonen, die Freitag das Hafenfest eröffnet. Thema ihrer Ansprache: die Zweisprachigkeit. Rund 90 Kinder bekommen in den Räumen der Gemeinde Finnisch-Unterricht, unterstützt von der Regierung in Helsinki. "Eine Muttersprache zu haben, ist fein, aber mehrere Muttersprachen sind ein außergewöhnlicher Reichtum. Zwei Muttersprachen bedeuten doppelte Heimat", so Halonen.

Finnische Präsidentin Halonen (in Hamburg): "Doppelte Heimat"
DPA

Finnische Präsidentin Halonen (in Hamburg): "Doppelte Heimat"

Sprachkompetenz gehört auch in der deutschen Bildungsdebatte zu den meistdiskutierten Themen. Kaum jemand bezweifelt die Vorteile der Zweisprachigkeit: Wie von selbst weitet sich der Horizont, die Kinder gewinnen auch intellektuell. Sie reflektieren früh über sprachliche Bedeutungen und kulturelle Unterschiede, lernen leichter weitere Sprachen und haben weniger Schwierigkeiten mit dem Umschalten von einer Tätigkeit zur anderen - mit "Multitasking". Pädagogen und Bildungsexperten machen sich zunehmend Gedanken darüber, ab welchem Alter und wie Kinder am besten Englisch lernen. Viele Eltern schicken ihre Kinder in teure Privatschulen oder heuern sogar ein chinesisches Kindermädchen an.

Andererseits: Ausgerechnet denen, die von Haus aus die besten Voraussetzungen für eine funktionierende Zweisprachigkeit hätten, nämlich den Migrantenkindern, sagt man, sie sollten in erster Linie Deutsch lernen. So hat Bayern 2004 beschlossen, muttersprachlichen Unterricht zugunsten der Deutschförderung abzuschaffen. Auslaufende Verträge mit ausländischen Lehrkräften werden nicht mehr verlängert. Stattdessen setzt Bayern nun auf von Konsulaten organisierten Unterricht, was aber mit viel Zeitaufwand und Mühe für die Eltern verbunden ist - echte Wertschätzung für die Muttersprache zugewanderter Kinder sieht anders aus.

"Zweisprachigkeit ist ein endloser Schatz"

"Es ergibt wenig Sinn, im Kindergarten dem Kind Englisch beizubringen, wenn die Sprache nicht Bestandteil des Alltags des Kindes ist", sagt Hans Rudolf Leu vom Deutschen Jugendinstitut in München. Ohne Umschweife gelingt dies aber in einer zweisprachigen Familie, in der sich beide Elternteile konsequent jeweils in ihrer Muttersprache an das Kind wenden. "Meine Zweisprachigkeit ist ein endloser Schatz, aus dem man sein Leben lang schöpfen kann. Man lernt andere Sprachen schneller", so die Deutsch-Finnin Laura Kristiina Diehl, 26, "vor allem muss man nicht lernen, im Kopf zwischen den Sprachen umzuschalten."

Sie kann in fünf Sprachen fließend parlieren, war die beste Abiturientin ihres Jahrgangs und hat in Finnland, Deutschland und Spanien studiert. Ob Finnisch eher eine unnütze Sprache ist? Diehl antwortet mit einem Augenzwinkern: "Für die Zweisprachigkeit ist Finnisch die nützlichste Sprache der Welt. Wenn man nämlich die deutsche und die finnische Grammatik verstanden hat, dann sind Englisch, Französisch, Spanisch wunderbar leicht dagegen. Selbst Latein, das Deutschen mit dem Ablativ oft Probleme bereitet, ist kinderleicht. Dativ, Genetiv, Akkusativ, Ablativ - das ist wirklich nichts gegen Partitiv, Inessiv, Elativ, Illativ, Adessiv, Allativ, Essiv, Translativ, Abessiv, Instruktiv und Kominativ."

Kinder können sogar drei Muttersprachen haben, wie die hessische Familie Minovgidis zeigt. "Meine Kinder sprechen Griechisch, Deutsch und Finnisch als Muttersprache. Nur: Von selbst läuft es nicht. Wir haben von Anfang an beide systematisch in unserer Muttersprache mit den Kindern gesprochen, später haben die Jungs einmal in der Woche nachmittags griechische und finnische Grammatik gepaukt", so Issidoros Minovgidis.

Die finnisch-griechische Familie hat einfach nicht auf den Kinderarzt gehört - der hatte geraten, beim zweiten Kind zumindest eine Fremdsprache wegzulassen. Eine kroatische Nachbarin der Familie wiederum redete immer gebrochenes Deutsch mit ihrem Sohn. Und jetzt hat der Junge einen Akzent, obwohl er hier geboren und aufgewachsen ist.

Zweisprachigkeit ist wichtig: Die Einsicht ist verbreitet, bei der Förderung indes hapert es indes an den meisten Schulen und Kindergärten gewaltig. Es fehlt an gut ausgebildetem Personal, die Kindergarten-Gruppen sind viel zu groß. Außerdem erhalten ausländische Eltern von Kinderärzten, Lehrern und Erziehrinnen allzu häufig den Rat, mit ihrem Kind Deutsch statt ihre Muttersprache zu sprechen.

Aus den Fehlern anderer Länder lernen

Einer der beliebten Erklärungsversuche für Finnlands Erfolg bei Pisa ist, dass das Land nicht so viele Ausländer hat. Mit 2,3 Prozent ist die Ausländerquote in der Tat eine der geringsten in Europa. Trotzdem ist Finnland ein Einwanderungsland und jeder zehnte Schüler in Helsinki inzwischen ein Migrant; die Zahl der ausländischen Schüler hat sich im ganzen Land in 15 Jahren verdreifacht. Das gerechte Bildungssystem und die Tatsache, dass Finnland nie eine Klassengesellschaft war, bieten einen stabilen Boden für eine gelungene Einwanderungspolitik.

Russisches und indisches Mädchen in finnischer Schule: "Man kann die Motivation riechen"
Liisa Niveri

Russisches und indisches Mädchen in finnischer Schule: "Man kann die Motivation riechen"

Als junges Einwanderungsland kann Finnland aus den Fehlern anderer Nationen zu lernen. "Wir setzen auf die Vorteile der multikulturellen Gesellschaft, indem wir zum Beispiel die Bedeutung der Muttersprache verstanden haben", sagt Johanna Suurpää, Minderheitenbeauftragte im Innenministerium. Muttersprachenunterricht gibt es laut Bildungsministerium in 50 verschiedenen Sprachen in 70 verschiedenen Gemeinden. In den Schulen läuft zweieinhalb Stunden Muttersprachenunterricht pro Woche, die Kinder bekommen auch ein ausführliches Zeugnis dafür. Ziele des Unterrichts: das Interesse des Kindes an der Muttersprache wecken, sein Denken fördern, Identität und Selbstbewusstsein stärken. Die Muttersprache ist das A und O für das Erlernen der Zweitsprache.

Zudem erhalten alle Eingewanderten, die noch nicht Finnisch können, vorbereitenden Unterricht - nach indviduellen Plänen, die in Zusammenarbeit zwischen Eltern, Schule und Kind entstehen. "Vor allem russische Eltern wundern sich häufig, dass es so wenig Hausaufgaben gibt. Ich sage ihnen immer, das Kind ist den ganzen Tag in einer fremden Umgebung und sollte sich deshalb zu Hause erholen", so Reija Klutse-Toikka, Lehrerin an der Roihuvuori Schule in Helsinki. "Ich habe jetzt ein thailändisches Mädchen in die Klasse bekommen und mich sofort nach ihrer Muttersprache erkundigt. Falls sie Schwierigkeiten mit Finnisch bekommt, weiß ich besser, ob sie eine Lernschwierigkeit hat oder ob es mit ihrer Ursprungssprache zu tun hat." Nirgendwo habe sie so motivierte Schüler gesehen wie in der vorbereitenden Klasse - "man kann die Motivation regelrecht riechen".

Verantwortung bei Lehrern oder Eltern?

Die meisten Einwanderer wechseln nach einem Jahr in die Regelklasse, besuchen den Unterricht in Fächern wie Handwerk, Sport und Kochen zusammen mit den anderen Kindern. Auch später können sie sich auf Unterstützung verlassen. Findet der vorbereitende oder der Muttersprachenunterricht nicht statt, dann liegt es nie am Geld, sondern daran, dass man keinen Lehrer für diese Sprache gefunden hat. Bildungsministerium und Gemeinden finanzieren den Unterricht. In Finnland werden 7,8 des Bruttoninlandprodukts für Bildung aufgewandt, in Deutschland sind es 4,8 Prozent.

In Deutschland gilt zwar seit dem Pisa-Schock 2001 mehr denn je das Credo: Alle Kinder müssen in der Schule von Anfang an Deutsch sprechen. Doch für einen systematischen Deutschunterricht fehlt es an Geld und pädagogischen Fachkräften. Und so schieben Lehrern oft die Verantwortung dafür, dass ihre Schüler gut genug Deutsch sprechen, weitgehend den Eltern zu - keine gute Idee, wenn Vater und Mutter damit selbst Schwierigkeiten haben.

Dabei wissen auch deutsche Experten längst, welches Potenzial in der konsequenten Förderung zweisprachiger Kinder steckt: "Entweder Deutsch oder Muttersprache, das ist meiner Meinung nach keine Alternative. Nur beides geht und ist eine gute Chance - für uns alle", sagt die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Ursula Neumann.

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.