Kinofilm übers Referendariat "Alles, was Spaß macht, ist verboten"

Wer Lehrer werden will, muss nach dem Studium eine harte Zeit überstehen: das Referendariat. Jakob Schmidt hat einen Dokumentarfilm darüber gedreht - und Schüler und Lehrer getroffen, die am System verzweifeln.

Ralf, Referendar an Gymnasium in Berlin, und Protagonist in "Zwischen den Stühlen"
Weltkino Filmverleih

Ralf, Referendar an Gymnasium in Berlin, und Protagonist in "Zwischen den Stühlen"

Ein Interview von


Mit dem Studium ist die Ausbildung nicht vorbei. Angehende Lehrer müssen sich danach in der Schule bewähren - als Referendare. Drei von ihnen hat Jakob Schmidt, 27, für seine Abschlussarbeit an der Filmuniversität Babelsberg zwei Jahre lang begleitet: an einer Grundschule, einer Gesamtschule und einem Gymnasium in Berlin.

Das Ergebnis: der 100-minütige Film "Zwischen den Stühlen", der schon einige Preise abgeräumt hat. An diesem Donnerstag kommt er nun in deutsche Kinos.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schmidt, wie sind Sie darauf gekommen, dass das Referendariat genug Dramatik für einen Kinofilm bietet?

Jakob Schmidt bei der Preisverleihung des Leipziger Dokumentarfilmfestivals
Weltkino Filmverleih

Jakob Schmidt bei der Preisverleihung des Leipziger Dokumentarfilmfestivals

Schmidt: Ich bin Lehrerkind und mein Vater hat oft erzählt, wie er im Referendariat gelitten hat. Ich erinnere mich außerdem an eine Referendarin aus meiner Schulzeit, die uns im normalen Unterricht für das Fach Deutsch wirklich entflammen konnte, in ihren Prüfungen aber immer sehr nervös war. Einmal hat sie eine Lehrprobe mit uns vorher fast wie ein Theater inszeniert: Wer meldet sich wann? Wer sagt was? Absurd.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Film vermittelt den Eindruck, dass Theorie und Praxis in der Lehrerausbildung heute noch immer nicht zusammen passen. Zum Beispiel in dieser Szene:

Katja, Referendarin an einer Berliner Gesamtschule, schärft den Schülern kurz vor einem Unterrichtsbesuch ein, dass sie auf jeden Fall zu zweit arbeiten und sich austauschen müssen, weil die Gutachter "kooperative Lernformen" sehen wollen. Die Schüler lenken sich gegenseitig eher ab. In der Klasse klettern einige über Tische und Bänke.

Schmidt: Ja, das ist so ein Beispiel. Was in der Theorie funktioniert, klappt in der Praxis nicht immer, jedenfalls nicht mit allen Schülern. Ich glaube, dieser Widerspruch ist ein Grund dafür, dass Referendare unter so einem riesigen Druck stehen. Dazu kommt, dass angehende Lehrer im Studium leider zu wenig darauf vorbereitet werden, was sie in der Schule wirklich erwartet, auch wenn sich da schon viel getan hat. Manche werden ziemlich ins kalte Wasser geworfen.

Vereidigung der Referendare
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Vereidigung der Referendare

SPIEGEL ONLINE: Der Film wirft aber auch die Frage auf, welche Menschen überhaupt als Lehrer geeignet sind und welche nicht.

Die Referendarin Anna wirkt oft unsicher, schüchtern. Sie arbeitet mit einem Coach, um ihre Stimme und Körperhaltung zu verbessern und vor der Klasse selbstbewusster aufzutreten. Sie möchte als Lehrerin aber "menschlich und verwundbar" bleiben - und droht im Referendariat zu scheitern.

Welche Persönlichkeit müssen Lehrer haben?

Schmidt: Das Spannende ist, dass Menschen völlig unterschiedlich sein können und trotzdem allesamt für den Lehrerberuf geeignet. Das zeigen die drei Referendare. Es gibt nicht die eine Schablone, in die jeder Lehrer passt. Wie ein guter Lehrer sein muss, bewerten auch nicht alle Menschen gleich. Ich spoiler hier mal: Im ersten Anlauf wird Anna aufgrund ihrer Vornoten nicht zur Prüfung zugelassen und muss die Schule wechseln. Beim Abschied ist zu sehen, wie sehr die Kinder an ihr hängen. Die hätten Anna sicher anders bewertet als die Prüfer.

Anna, Referendarin an einer Berliner Grundschule
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Anna, Referendarin an einer Berliner Grundschule

SPIEGEL ONLINE: Teilweise scheinen Referendare aber sehr verzweifelt. Der Film zeigt wenige Momente, in denen Lehrer-sein Spaß macht, sondern öfter Stress, Druck.

Katja: "Die ganze Zeit fragen mich Leute, ich müsste doch jetzt total glücklich sein. [...] Aber irgendwie bin ich nach der Prüfung in so'n Loch gefallen. Ich bin dauernd traurig und müde und fertig."

Schmidt: Die Referendare, die ich begleitet habe, arbeiten heute alle begeistert in ihrem Beruf, auch Katja. Aber ich wollte schon zeigen: Sich jeden Tag vor eine Klasse zu stellen und guten Unterricht zu machen, ist eine Herausforderung. Referendare stehen noch dazu dauernd unter Prüfungsdruck. Damit gehen alle anders um. Das Referendariat und später das Lehrersein ist sicher weniger schmerzhaft, wenn man die Ansprüche an sich selbst herunterschraubt und in Einklang bringt mit den Möglichkeiten, die man hat.

SPIEGEL ONLINE: So wie der Referendar Ralf?

Der sagt: "Wenn ich jeden Tag vor 30 Schülern stehe und eine realistische Chance habe, dass die alle so werden, dass man sich in späteren Jahren nicht um sie sorgen muss, und dass man sich nicht vor ihnen zu fürchten braucht, weil sie alle die wichtigsten Werte dieser Gesellschaft verstanden haben, dann mache ich doch ne tolle Sache. Wenn man das als Herstellung systemrelevanter Zahnrädchen bezeichnen will, gut."

Schmidt: Vielleicht hilft es Ralf, dass er seinen Beruf etwas pragmatischer angeht.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als müssten angehende Lehrer im Referendariat auch lernen, sich an das System Schule anzupassen, "systemrelevante Zahnrädchen" herzustellen und dafür den eigenen Idealismus zumindest teilweise aufgeben. Anna dagegen stellt das System sehr deutlich in Frage:

"Öfter habe ich auch den Eindruck, dass vom politischen System her der Anspruch ist, dass das System verwertbares Humankapital erzeugt. Das ist für mich eine Missachtung derjenigen, mit denen wir es zu tun haben."

"Man hat das Gefühl, alles, was Spaß macht, ist verboten. Die Schüler dürfen nicht rennen, nicht toben. Dann dieses Still sitzen im 45-Minuten-Takt. Das ist wahnsinnig brutal und nicht angemessen, finde ich."

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Schmidt: Mich hat bei den Dreharbeiten überrascht und beeindruckt, wie viele Menschen in diesem riesigen System Schule als Lehrer, Schulleiter oder Ausbilder arbeiten und dieses System kritisch sehen. Sie werden aber nicht zum Berufszyniker, sondern wollen gerne etwas ändern. Nur wie, das ist nicht immer klar.

SPIEGEL ONLINE: Die Berufszyniker gibt es aber auch, wie in einer Lehrerzimmer-Szene mit zwei Kollegen zu hören ist.

"Da kommt nur die Hälfte der Klasse."
"Na, da hab ich nichts dagegen."

Schmidt: Ja, solche Lehrer gibt's natürlich auch.

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Offizieller Kinostart: 18. Mai 2017



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fiftysomething 15.05.2017
1. Ich empfehle als Vergleich
die dreiteilige Langzeitdokumentation über eine Waldorfschulenklasse „Guten Morgen, liebe Kinder“, "Eine Brücke in die Welt" und "Auf meinem Weg". Der dritte Teil läuft am Dienstag, 16. Mai 2017 um 22.30 Uhr im BR Fernsehen. Die anderen sind bestimmt noch in der Mediathek. Am besten von Anfang an gucken. Ich habe nach den ersten Teilen schon verstanden, was nach meiner Meinung an unseren "normalen" Schulen grundsätzlich falsch läuft: Die Kinder werden nicht als Persönlichkeiten, die sich auf dem Weg ins Erwachsenendasein befinden, wahrgenommen. Es wird Unterricht durch Wertung statt durch Entdecken der Welt durch Beobachtung gemacht, den Kindern wird Wissen eingetrichtert, in dem man Ihnen die Freude nimmt, sich und die Welt, so wie sie sie wahrnehmen, zu entdecken und nicht, wie andere meinen, wie sie beschaffen ist. Durch eigenes Erfahren lernen und nicht durch Widerkäuen.
snoook 15.05.2017
2. Mag sein. In diesem System ist wohl vieles Wahnsinn...
Allerdings habe ich angehende Mathe-Lehrer getroffen, die kein Mathe konnten. Und auch in anderen Fächern sah es nicht besser aus. Die Referendare waren zwar beliebt, aber wirklich gelernt hat man bei denen nichts. Und: Das Referendariat kommt viel zu spät. Wer dann erst merkt, dass er sich nicht durchsetzen kann, hat umsonst studiert. Aber deswegen auf diese Prüfung verzichten, bevor man die Lehrer auf Kinder loslässt?
Boesor 15.05.2017
3.
Zitat von snoookAllerdings habe ich angehende Mathe-Lehrer getroffen, die kein Mathe konnten. Und auch in anderen Fächern sah es nicht besser aus. Die Referendare waren zwar beliebt, aber wirklich gelernt hat man bei denen nichts. Und: Das Referendariat kommt viel zu spät. Wer dann erst merkt, dass er sich nicht durchsetzen kann, hat umsonst studiert. Aber deswegen auf diese Prüfung verzichten, bevor man die Lehrer auf Kinder loslässt?
Nein, nicht darauf verzichten. Aber die Prüfung und die Anforderungen realistisch gestalten. Es macht überhaupt keinen Sinn in den Besuchsstunden irgendwelchen künstlichen Blödsinn zu zeigen den man so nie wieder unterrichtet. Das wäre ein Fortschritt.
Kerze der Freiheit 15.05.2017
4.
Problematisch ist ja, dass die Referndare von ihren Ausbildern nichts lernen, so dass sie sich alles selbst beibringen müssen. Dies ist derart zeitaufwendig, so dass sie bisweilen mehrere Tage hintereinander nur drei Stunden Schlaf pro Nacht bekommen. Dies beeinträchtigt natürlich nicht nur den Unterricht, sondern macht die Referendare auch noch zu einer Gefahr im Straßenverkehr.
wekru 15.05.2017
5. obrigkeitsstaatliches System
Bei fast jeder privaten Lehrveranstaltung gibt es im Anschluss Bewertungsbögen. Das spornt die Lehrenden zumindest an die Lernenden da abzuholen wo sie sich befinden. In staatlichen Schulen werden häufig jene Lehrer in die Schulämter versetzt und gehen in die Lehrerausbildung, die im Unterricht vor Schülern als "problematisch" gelten. Die Lehramtsanwärter werden nur in glücklichen Fällen von Lehrern beurteilt und angeleitet die ihrerseits gut beurteilt werden und engagiert sind. Als Quereinsteiger Im Schuldienst bin ich um das Referendariat herum gekommen, wurde aber dennoch bei Unterrichtsbesuchen bewertet. Also habe ich in einem Fach, in dem das passte, mit den Schülern Bewertungsbögen für die Unterrichtsqualität entwickelt. Es gab eine Reihe professionell agierender Kollegen die besser bewertet wurden als ich, aber witzig an der Auswertung war, dass jene, die für die Bewertung meines Unterrichtes zuständig waren, selber gar nicht gut abschnitten. Und dann der Aufstand im Nachhinein, wie man nur auf die Idee kommen könne die Qualität des Unterrichts von Schülern bewerten zu lassen und darüber die Kollegen "bloß zu stellen". Da herrscht noch echter Korpsgeist und eine Grundhaltung im System, bei der der Staat als Dienstleister nicht existiert. Jede Gemeindeverwaltung ist um Lichtjahre weiter weg vom alten Kaiserreich als die öffentlichen Schulen. Bei aller Freude mit den Schülern und auch im Kollegium, ist mir das System Schule rasch so weit auf den Keks gegangen, dass ich nach quer rein wieder quer raus bin. Es gibt wirklich viele sehr gute Lehrer die ihre Arbeit ernst nehmen, aber das System als solches ist völlig fern von jeglicher professionellen Organisation eines Lehrbetriebes und bis auf die Knochen reformunfähig, beispielsweise weil das Parteibuch und das außerschulische Engagement in einer Partei darüber entscheidet wer leitende Positionen in diesem System einnimmt und es völlig verpufft wenn es in diesem System auch genial gute Lehrer gibt. Niemand fragt sich warum die gut sind, niemand sogt für die Verbreitung dessen was gut ist, niemand kümmert sich um das was schlecht ist. Wozu auch? Es läuft wie es schon immer lief und dazu gehört eben auch, dass die Schüler sich anzupassen haben, nicht die Lehrer oder das System Schule. Mein größtes Mitleid aber galt stets den Referendaren, die all das üble Zeug aus der Lehrerausbildung über sich ergehen lassen mussten, einschließlich einer fast schon abartigen Demutshaltung gegenüber den Ausbildern und der Verleugnung jeglichen gesunden Empfindens für Situationen zugunsten methodischer Sollvorgaben. Die Lehramtsausbilder coachen ihre Schützlinge nicht, sondern brechen sie. Sie können auch niemandem etwas positiv vor machen sondern nur an anderen rummeckern. Selbstverliebt und autoritär habe ich sie erlebt und niemals selbstreflektierend, souverän und erfahren. Der Fisch stinkt in diesem System vom Kopfe her, also zu vorderst den politischen Parteien die da ihre Leute mit Ämtern versorgen, den Schulbehörden und allem was da mit dran hängt. Gute Lehrer gäbe es genug, nur verheizt man die, immer schön auf dem Dienstweg, von oben nach unten getreten, niemals vom Schüler aufwärts entwickelt.
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