Christensekte "Zwölf Stämme" 17-Jährige kehrt zu ihren Eltern zurück

Rückkehr in die umstrittene Sekte: Ein 17-jähriges Mädchen darf laut Amtsgericht zu seinen Eltern zurück. Es ist eines der 40 Kinder, die nach Misshandlungsvorwürfen aus der Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" geholt wurden. Die anderen Verfahren laufen weiter.

Benedikt Lauer

"Bei den Zwölf Stämmen ist heute ein großes Fest. Ihr seid herzlich willkommen!", hieß es am Donnerstag auf der Website der umstrittenen Christensekte "Zwölf Stämme". Der Anlass des großen Festes: "Eva K. ist endlich frei!" Freude unter den Lesern des Blogs: "Bald kommen auch die anderen 'Verschleppten' Kinder zu ihren Leiblichen Eltern zurück!!", kommentierte einer.

Eva, 17 Jahre, ist eines der 40 Kinder, die von den Behörden wegen Prügelvorwürfen Anfang September aus der umstrittenen Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" auf dem Gutshof Klosterzimmern im schwäbischen Deiningen und im mittelfränkischen Wörnitz geholt wurden. Das Amtsgericht Nördlingen hatte wegen "neuerlichen Hinweisen auf erhebliche und dauerhafte Kindesmisshandlung durch die Mitglieder" einen vorläufigen Sorgerechtsentzug angeordnet.

Nun hat das Gericht die erste Teilaufhebung des Sorgerechtsentzuges vom September beschlossen: Eva durfte zurück zu ihren leiblichen Eltern, die mit anderen "Zwölf Stämme"-Mitgliedern zusammenleben. Die Erlaubnis zur Rückkehr hat laut Helmut Beyschlag, Direktor vom Amtsgericht Nördlingen, vor allem einen Grund: Evas Alter. Die Jugendliche werde demnach in wenigen Monaten volljährig und habe den deutlichen Wunsch geäußert, zu ihren Eltern zurück zu wollen. "In diesem Alter hat der eigene Wille ein höheres Gewicht als bei jüngeren Kindern", sagte Beyschlag. Bei ihrer neunjährigen Schwester werde der Beschluss vom September hingegen "voll aufrechterhalten" - sie bleibt also in der Pflegefamilie. Aussteiger hingegen bezweifeln, dass die Kinder überhaupt noch einen eigenen Willen haben.

"Züchtigungen hören in diesem Alter auf"

Zudem sieht das Gericht keine Gefahr für die 17-Jährige: "Laut dem Bericht hören in diesem Alter die Züchtigungen auf", sagte Beyschlag. Mit dem "Bericht" ist eine Reportage des Fernsehsenders RTL gemeint. Die Gruppe "Zwölf Stämme" hatte mehrfach eingeräumt, dass sie ihre Kinder züchtigt. Erst die Recherchen des Fernsehreporters Wolfram Kuhnigk, der mit Unterbrechungen knapp zwei Wochen auf Gut Klosterzimmern lebte, lieferten offenbar Beweise, die den Behörden bislang fehlten: Seine verdeckt angefertigten Aufnahmen zeigten weinende Jungen und Mädchen, denen eine Frau mit einem Stock auf den Po schlägt.

Die Aufnahmen lösten einen Großeinsatz der Polizei aus, die die Kinder aus der Sekte holte. Den Eltern wurde im Eilverfahren das Sorgerecht entzogen, die meisten Kinder leben derzeit in Pflegefamilien. Im Rahmen dieses einstweiligen Anordnungsverfahrens vom September wurden Eltern und Kinder zunächst nicht angehört. Dies holen die Behörden Beyschlag zufolge jetzt nach. Einige der Beschlüsse wurden demnach bestätigt und gehen nun in Hauptverfahren über; im Falle von Eva wurde der Beschluss vom September jedoch aufgehoben.

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Urchristen "Zwölf Stämme": Kinder verschwunden

In der Zwischenzeit hatten auch andere Kinder versucht, zu der Sekte zurückzukehren. Erst an diesem Mittwoch tauchte eine 12-Jährige am Nachmittag nicht wie erwartet in ihrer Pflegefamilie auf. Die Pflegemutter benachrichtigte daraufhin die Polizei. Donnerstagvormittag gegen 8.00 Uhr meldeten sich die leiblichen Eltern bei den Behörden und teilten mit, das Kind sei bei ihnen. Das Mädchen kam daraufhin zurück in die Obhut des Jugendamts.

Auch zwei andere zwischenzeitlich als vermisst gemeldete Kinder aus der Wörnitzer Gemeinde der umstrittenen Sekte sind inzwischen wieder aufgetaucht. Mitte September waren die Mädchen, die bei einer Pflegefamilie im Raum Ansbach untergebracht waren, nach der Schule nicht dorthin zurückgekommen. Sie wurden daraufhin zur Fahndung ausgeschrieben. Anfang November teilten die Behörden mit, die Mädchen seien in der Schweiz.

Allerdings gab es schon länger Anzeichen dafür, dass die Sekte versucht, sich mit den Kindern ins Ausland abzusetzen. Seit Juli hatte ein Teil der Gemeinschaft in einer Ortschaft in Sachsen-Anhalt gelebt. Von dort sollen mehrere Jungen und Mädchen im Alter zwischen rund sieben und 16 Jahren auf einen Hof der "Zwölf Stämme" in Tschechien gebracht worden sein.

"Zwölf Stämme" wurde in den USA gegründet, seit fast 15 Jahren leben einige Familien in Bayern, zuvor wohnten sie in Pennigbüttel, nördlich von Bremen. Dort hatte sich die Gemeinschaft Anfang der neunziger Jahre niedergelassen. Die Mitglieder bauen Gemüse und Getreide an, halten Tiere und produzieren ihren eigenen Strom. Die Frage, wie sie dort weitgehend abgeschottet von der modernen Welt ihre Kinder großziehen, beschäftigt die Behörden schon länger.

lgr

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