"Zwölf Stämme" Verfahren gegen Christen-Sekte beginnen

Die "Zwölf Stämme" beschäftigen jetzt ein Gericht, denn Angehörige der Christen-Sekte sollen ihre Kinder schlagen. Die Verfahren beginnen mit außergewöhnlichen Maßnahmen: Zeugen werden per Video gehört, sie halten sich an geheimen Orten versteckt.

Mitglieder der "Zwölf Stämme": Verfahren haben begonnen
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Mitglieder der "Zwölf Stämme": Verfahren haben begonnen


Unter ungewöhnlichen Bedingungen haben die Gerichtsverfahren gegen Mitglieder der umstrittenen Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" begonnen. Wegen der Prügelvorwürfe wurden am Freitag zunächst beim Amtsgericht Ansbach in Bayern fünf Elternpaare und ihr Anwalt gehört. In dem nicht öffentlichen Verfahren wurden auch per Videoschalte Aussteiger zu den Erziehungspraktiken der Sekte als Zeugen vernommen. "Die sechs Aussteiger halten sich während ihrer Aussage an einem geheimen Ort auf", berichtete Amtsgerichtsdirektorin Gudrun Lehnberger.

Ehemalige Sektenmitglieder hatten darüber berichtet, dass Jungen und Mädchen bei der Sekte geschlagen werden. In der vergangenen Woche hatten deshalb auf Anordnung des Gerichts mehr als hundert Polizisten die Kinder aus zwei deutschen Gemeinschaften der "Zwölf Stämme" geholt und an Pflegefamilien übergeben. Für die Eltern von 40 Kindern und Jugendlichen gilt ein vorläufiger Entzug des Sorgerechts.

Das Ansbacher Amtsgericht verhandelt nun über den Sorgerechtsentzug im Fall von zehn Kindern. "Alle Eltern fordern die Aufhebung der gerichtlichen Beschlüsse", sagte Lehnberger. Wann der Richter über die Anträge entscheidet, sei noch unklar. Am kommenden Mittwoch starten die Verfahren wegen der weiteren 30 Kinder beim Amtsgericht Nördlingen.

Bereits seit langem gibt es Vorwürfe gegen die "Zwölf Stämme", dass sie ihre Kinder mit Schlägen züchtigen. Es geht um Kinder und Jugendliche im Alter von wenigen Monaten bis 17 Jahre, die bislang in den Gemeinschaften der Sekte im mittelfränkischen Wörnitz und auf dem schwäbischen Gutshof Klosterzimmern in Deiningen lebten.

Das Gericht hat den Eltern das Sorgerecht weitgehend entzogen, weil nach den bisherigen Erkenntnissen "die konkrete Gefahr bestand, dass es zu einer erheblichen Schädigung der Kinder kommen würde, wenn diese bei ihren Eltern verbleiben würden". Die "Zwölf Stämme" sind insbesondere in den USA vertreten. Die Gerichte schauen sich deshalb auch das englischsprachige Kindererziehungshandbuch der Sekte an. Dort gehe es in einem Kapitel auch um "die Züchtigung der Kinder mit der Rute", berichtete Lehnberger.

Beim Amtsgericht Nördlingen sind wegen der "Zwölf Stämme" insgesamt 17 Verfahren anhängig. "Das wird ein bis zwei Wochen dauern", berichtete Direktor Helmut Beyschlag über die bevorstehenden Elternanhörungen. Trotz aller Eilbedürftigkeit dieser Familienverfahren müsse der normale Betrieb des Gerichts weitergehen.

Die "Zwölf Stämme" haben die vorläufige Gerichtsentscheidung zum teilweisen Sorgerechtsentzug scharf kritisiert. Auf der Homepage der Gemeinschaft wird die Polizeiaktion in Klosterzimmern und Wörnitz als "staatlicher Kinderraub" bezeichnet. Wegen der Prügelvorwürfe ermittelt auch die Staatsanwaltschaft gegen Mitglieder der Sekte. Ein erstes Ermittlungsverfahren war vor wenigen Wochen zunächst eingestellt worden.


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otr/dpa

insgesamt 12 Beiträge
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fenslau 13.09.2013
1. Jaja..
Das war doch schon in den 60er jahren in katholischen Kinderheimen üblich... Da haben die Behörden auch nichts gemacht. Schläge gehör(t)en doch in Bayern zu den akzeptierten Erziehungsmethoden. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Behörden gerne mal keine Beweise haben und Verfahren einstellen...
nichtpazifist 14.09.2013
2. Verhältnismäßigkeit
---Zitat--- Das Gericht hat den Eltern das Sorgerecht weitgehend entzogen, weil nach den bisherigen Erkenntnissen "die konkrete Gefahr bestand, dass es zu einer erheblichen Schädigung der Kinder kommen würde, wenn diese bei ihren Eltern verbleiben würden". ---Zitatende--- Das kommt mir doch ziemlich seltsam vor. Die Kinder waren ihr ganzes bisheriges Leben lang bei ihren Eltern. Aber dass sie nun *zwei weitere Wochen* (solange soll das Verfahren laut Artikel ja dauern) bei ihren Eltern verbleiben, ist angeblich eine "konkrete Gefahr [zur] erheblichen Schädigung der Kinder"? Und zwar erheblicher, als die Schädigung der Kinder die daraus resultiert plötzlich gewaltsam ihren Eltern entrissen zu werden und nicht zu wissen wann (und ob) sie sie wiedersehen dürfen? Ich denke, Jugendamt und Justiz sind da oft etwas einseitig was vermutete "Schädigung von Kindern" anbelangt. Dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit hätte man denke ich eher entsprochen, wenn man mit dem gewaltsamen Entzug des Sorgerechtes bis zum Ausgang des Verfahrens in zwei Wochen gewartet hätte - *falls* es denn zu einem Schuldspruch kommt.
Miere 14.09.2013
3. Spinnerei
Religion - egal welche - ist eine Geisteskrankheit. Sein Leben danach auszurichten, was eine erfundene Wesenheit vor Jahtausenden irgendeinem Typen gesagt haben soll, ist dämlich genug, aber Kindern das reinzuprügeln geht gar nicht.
Betroffen 14.09.2013
4. Sehr richtig
Zitat von fenslauDas war doch schon in den 60er jahren in katholischen Kinderheimen üblich... Da haben die Behörden auch nichts gemacht. Schläge gehör(t)en doch in Bayern zu den akzeptierten Erziehungsmethoden. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Behörden gerne mal keine Beweise haben und Verfahren einstellen...
Es hat sich nicht so viel geändert in diesen Heimen, geschlagen wird nicht mehr, aber der psychische Druck, welcher aufgebaut wird, ist ebenso grausam. Und das passiert, wie sie richtig schreiben, in katholischen und evangelischen Einrichtungen.
Venus cloacina 14.09.2013
5. Gottesbild und Züchtigung
Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. (vgl. §1631 BGB) Und die ganz große Mehrheit christlicher und andersgläubiger Eltern in Deutschland schlägt ihre Kinder nicht. Dass autoritäre Erziehung zu einem angstbesetzten Gottesbild führt, ist vor Jahrzehnten von der religionspädagogischen Psychologie nachgewiesen worden. Wer hier der Geisterfahrer ist, steht fest.
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