"Zwölf Stämme" Christen-Sekte soll Kinder ins Ausland gebracht haben

Bei einem Großeinsatz holte die Polizei 40 Kinder aus den Fängen der Sekte "Zwölf Stämme" in Bayern. Nach SPIEGEL-Informationen lebten Mitglieder der urchristlichen Gruppe aber auch in Sachsen-Anhalt. Dort sind nun mehrere Kinder verschwunden.

SPIEGEL ONLINE

Hamburg - Die umstrittene Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" hat mehr Standorte als bislang bekannt: Nach SPIEGEL-Informationen waren sie nicht nur in den zwei Anwesen in den bayerischen Dörfern Klosterzimmern und Wörnitz sesshaft. Seit Juli lebt ein Teil der Gemeinschaft auch in einer Ortschaft in Sachsen-Anhalt. Nach Angaben von Nachbarn und ehemaligen Sektenmitgliedern sollen etwa zehn schulpflichtige Kinder seit vorvergangener Woche aus der Ortschaft Dolchau verschwunden sein. Die Jungen und Mädchen im Alter zwischen rund 7 und 16 Jahren sollen auf einen Hof der "Zwölf Stämme" in Tschechien gebracht worden sein - vermutlich um sie dem Zugriff der deutschen Jugendämtern zu entziehen.

Vor zwei Wochen hatten bayerische Behörden 40 Kinder aus den Gemeinschaften in Klosterzimmern und Wörnitz geholt. Es habe "neuerliche Hinweise auf erhebliche und dauerhafte Kindesmisshandlung durch die Mitglieder" gegeben, teilte das Landratsamt Donau-Ries damals mit. Der neue Standort der "Zwölf Stämme" in Sachsen-Anhalt war den Behörden offenbar nicht bekannt.

Reporter löste Großeinsatz aus

Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Misshandlung Schutzbefohlener und schwerer Körperverletzung. Die Erwachsenen der Gemeinschaft sollen die Kinder mit Weidenruten schlagen.

Die bibelfromme Gemeinschaft ist sehr umstritten: Aussteiger warfen den rund hundert Bewohnern des Klosters im vergangenen Jahr im "Focus" vor, ihre Kinder mit der Rute zu misshandeln. Die Gemeinschaft wies die Vorwürfe damals zurück und erklärte: "Wir sind eine offene und transparente Gemeinschaft, die keine Form von Kindesmisshandlung duldet."

Nun hatte sich der Fernsehreporter Wolfram Kuhnigk in die Gemeinschaft eingeschlichen, er lebte mit Unterbrechungen knapp zwei Wochen auf Gut Klosterzimmern. In mehreren sogenannten Bestrafungsräumen im Keller des Guts installierte er Kameras und Mikrofone. Seine Aufnahmen schockieren: Sie zeigen weinende Jungen und Mädchen, denen eine Frau mit einem Stock auf den Po schlägt. Damit lieferte er offenbar die Beweise, die den Behörden bislang fehlten, und löste so den Großeinsatz der Polizei aus. Am Freitag begannen dann erste Verfahren vor dem Amtsgericht Ansbach in Bayern.

"Zwölf Stämme" wurde in den USA gegründet, seit fast 15 Jahren leben einige Familien in Bayern, zuvor wohnten sie in Pennigbüttel, nördlich von Bremen: Anfang der neunziger Jahre hatte sich die Gemeinschaft dort niedergelassen. In Bayern bauen sie Gemüse und Getreide an, halten Tiere und produzieren ihren eigenen Strom. Die Frage, wie sie dort weitgehend abgeschottet von der modernen Welt ihre Kinder großziehen, beschäftigt das Jugendamt und die Staatsanwaltschaft Augsburg schon länger.

Streit gab es auch um die Schule der Gemeinschaft: Die Mitglieder der "Zwölf Stämme" hatten sich geweigert, ihre Kinder in staatliche Schulen zu schicken. Unter anderem wegen des Sexualkundeunterrichts, der ließe sich nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren. Vor knapp sieben Jahren hatten dann die Behörden die Schule zunächst widerstrebend genehmigt. Zum 31. Juli hatte das Kultusministerium die Genehmigung wieder entzogen; die Schule hatte Probleme, qualifizierte Lehrer zu finden. Inzwischen haben die "Zwölf Stämme" erneut eine eigene Schule beim Ministerium beantragt.

Aber selbst wenn das Ministerium eine neue Schule genehmigen sollte, so würde doch - nach derzeitigem Stand - das Wichtigste fehlen: die Schüler. Denn ob sie wieder in die Familien und damit in die Gemeinschaft zurückkehren werden, ist bislang unklar.

aki/fln

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insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
taglöhner 15.09.2013
1.
Natürlich muss man Kindesmisshandlung verhindern. Im Vergleich zur Behandlung von Eltern, die ihren Kindern die Genitalien Verstümmeln lassen, erscheint der Zugriff dennoch hart.
ivanogor 15.09.2013
2. @taglöhner
Die Genitalverstümmelung ist ein einmaliger Schmerz und hat bleibende Schäden. Verprügeln ist ein regelmäßig wiederkehrender Schmerz. Man kann das schlecht vergleichen, ich als Kind hätte immer wiederkehrenden Schmerz als wesentlich unerträglicher empfunden. Der Zugriff ist genau richtig.
joachim_m. 15.09.2013
3.
Zitat von taglöhnerNatürlich muss man Kindesmisshandlung verhindern. Im Vergleich zur Behandlung von Eltern, die ihren Kindern die Genitalien Verstümmeln lassen, erscheint der Zugriff dennoch hart.
Das ist eben der quantitative Unterschied: Wenn eine religiöse Gruppe groß genug ist, wird Kindesmisshandlung legalisiert, damit man deren Wählerstimmen bekommt, sind sie klein, wird durch die Strafjustiz zugeschlagen, damit die selben Politiker anschließend angeben können, sie würden etwas gegen Kindesmisshandlung tun. So ist das in einem Land, die von Christenbrüder regiert wird, die auch auf die Stimmen von Muslim- und Judenbrüder angewiesen sind, damit sie ihrer eigenen Kirchen weiterhin ungestört Privilegien und Geld zuschustern können. Und wer jetzt nur an die C-Parteien denkt: Weit gefehlt, die geben es nur offen zu, eine Religionspartei zu sein, die Grünen, wenn sie ehrlich wären, müssten sich inzwischen sogar zur evangelisch-grünen Partei umbenennen, gegenüber denen ist selbst die CDU noch kirchenfeindlich, soweit es die EKD betrifft.
wurzelbär 15.09.2013
4. Der Staat muß, denn er ist
verpflichtet, diesen selbst nachwachsenden Rohstoff für seinen Unterhalt und seine Existenz in kontrollierten Verhältnissen aufwachsen, arbeiten zur Zwangsabgabenleistung, zu lassen. Diese störenden Elemente müssen in den vorgegebenen Rahmen sich einpassen, oder werden dazu gezwungen. Das ist die ehrenwerte Demokratie, die von denen so wieso keiner versteht.
ruskiymuson 15.09.2013
5.
Die Kommentatoren haben Recht! Über den Eingriff kann man reden. War er zu hart oder auch nicht? Bitte vergesst nicht, dass noch vor nicht all zu langer Zeit Kinder in Deutschland in Schulen von Lehrer mit Stöcken geschlagen wurden. Ich denke die Nachrichtenagentur SPON übertreibt mal einwenig. Vor allem der Gebrauch des Wortes "Sekte" ist nicht mal begründet. Noch vor einer Woche war es eine Glaubensgemeinschaft und nur Klatschzeitschriften benutzten das Wort Sekte.
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