"Zwölf Stämme" Mit Gitarre und Gesang gegen die Schulpflicht

Rund 50 Mitglieder der "Zwölf Stämme" haben mit Transparenten und Musik dagegen demonstriert, dass sieben Familienväter in Erzwingungshaft sitzen. Die bibelfromme Glaubensgemeinschaft boykottiert die Schulpflicht, das bayerische Kultusministerium versucht jetzt eine vorsichtige Annäherung.


Protest gegen Haft: Lieder für die Glaubensgenossen
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Protest gegen Haft: Lieder für die Glaubensgenossen

Sie hatten Gitarren, Flöten und Transparente wie "Hört Euer Gewissen" dabei: Etwa 50 Mitglieder der Religionsgemeinschaft "Zwölf Stämme" zogen am Donnerstag vor das Landratsamt in Donauwörth und protestierten friedlich und mit Gesang gegen die Erzwingungshaft, mit der die bayerische Justiz die Erfüllung der Schulpflicht durchsetzen will. Die Gemeinschaft schickt ihre derzeit 34 schulpflichtigen Kinder seit Jahren nicht in staatliche Schulen und unterrichtet sie selbst. Am Montag waren sieben Familienväter festgenommen worden, nachdem sie am Freitag nicht freiwillig zum Haftantritt im Augsburger Gefängnis erschienen waren.

Die Väter ließen sich widerstandslos verhaften. Das bärtige Septett sitzt nun zwischen 6 und 16 Tagen in Haft; anschließend sollen auch noch Mütter ins Gefängnis. Zuvor hatte die Gemeinschaft hohe Buß- und Zwangsgelder nicht bezahlt. Sie beruft sich auf religiöse Gründe und will die Kinder vor allem vor der Evolutionslehre und dem Sexualkundeunterricht an öffentlichen Schulen schützen.

Die Männer seien in Einzelhaft untergebracht und würden unter dem Verlust ihrer Freiheit sehr leiden, sagte Robert Pleyer, Sprecher der "Zwölf Stämme". Von den Angestellten der Justizvollzugsanstalt würden sie aber "sehr nett" behandelt und von Kriminellen ferngehalten.

Ministerium will "echten Dialog"

Inzwischen bemüht sich das bayerische Kultusministerium um Deeskalation und bot der Gemeinschaft bereits am Mittwoch einen "echten Dialog" an, um den Konflikt zu entschärfen. Ein Sprecher von Ministerin Monika Hohlmeier (CSU) sagte, eine Annäherung der unterschiedlichen Standpunkte könnte sich durch die Überprüfung des Leistungsstandards der Kinder durch die staatliche Schulaufsicht ergeben.

Solche regelmäßigen Tests würde die "Zwölf Stämme" unter bestimmten Bedingungen akzeptieren, entgegnete Robert Pleyer. Die Gemeinschaft wünsche den Dialog und habe große Hoffnung, mit den Behörden zu einer Lösung zu kommen.

"Zwölf Stämme" vor Journalisten: "Kinder vor schlechten Einflüssen schützen"
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"Zwölf Stämme" vor Journalisten: "Kinder vor schlechten Einflüssen schützen"

Nach Darstellung des Ministeriums hatte die Gemeinschaft bisher "nach ausführlichen Gesprächen auch eine Abfrage des leistungsmäßigen Bildungsstandes der Kinder durch Schulpsychologen und Vertreter der Schulaufsicht verweigert". Auch das Angebot, eine Privatschule einzurichten, sei abgelehnt worden.

Ein Sprecher des Landratsamtes Donauwörth hat bereits weitere Bußgelder angekündigt; so soll der staatliche Anspruch gesichert und eine Verjährung verhindert werden. Die bisherigen Zwangsgelder belaufen sich auf rund 90.000 Euro, die Bußgelder auf 40.000 Euro. Als letztes Mittel zur Durchsetzung der Schulpflicht käme für die Eltern auch der Entzug des Sorgerechts in Betracht, sagte Stefan Rößle (CSU), zuständiger Landrat in Donauwörth.

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