Europäisches Gericht Jugendämter durften den "Zwölf Stämmen" Kinder wegnehmen

Jahrelang schlugen Mitglieder der Sekte "Zwölf Stämme" ihre Kinder, bis die Behörden ihnen das Sorgerecht entzogen. Dagegen klagten vier Familien vor dem Gerichtshof für Menschenrechte - ohne Erfolg.

Früherer Standort der "Zwölf Stämme" im bayerischen Klosterzimmern
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Früherer Standort der "Zwölf Stämme" im bayerischen Klosterzimmern


Vier deutsche Familien, die zur Sekte "Zwölf Stämme" gehören, hatten vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte geklagt: Der Staat habe ihr Grundrecht auf Schutz des Familienlebens verletzt, als er die Kinder vorübergehend in Pflegefamilien und Kinderheimen unterbrachte. Nun haben die Straßburger Richter die Beschwerden der Eltern abgewiesen.

Deutsche Gerichte waren zuvor zu dem Schluss gekommen, dass in den Niederlassungen der Sekte, wo auch die Klägerfamilien lebten, Rutenschläge als legitime Erziehungsmethode angesehen wurden. Deshalb habe das Risiko "einer systematischen und regelmäßigen körperlichen Züchtigung von Kindern" bestanden.

Die Gerichte seien damit sogar verpflichtet gewesen, die Kinder in Obhut zu nehmen, urteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) am Donnerstag. Die deutsche Justiz habe damit eine "unmenschliche oder erniedrigende Behandlung" verhindern wollen, die laut der Europäischen Menschenrechtskonvention verboten sei.

Rutenschläge für Zweijährige

Seit die Religionsgemeinschaft in den Siebzigerjahren in den USA gegründet wurde, fiel sie immer wieder mit gewalttätigen Erziehungsmethoden auf. Auch bei den deutschen Ablegern im schwäbischen Klosterzimmern und im mittelfränkischen Wörnitz wurde diese Praxis vermutet. Aussteiger hatten berichtet, dass Kinder von ihren Eltern, Lehrern oder anderen Sektenmitgliedern geschlagen und misshandelt wurden.

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Als ein Reporter dann vor einigen Jahren auf dem Gut Klosterzimmern heimlich filmte, hatten die Jugendämter eine Handhabe, um einzuschreiten. Sie ordneten 2013 die Unterbringung von rund 40 Kindern in Pflegefamilien oder Heimen an.

Geklagt hatten dagegen nun je zwei Familien aus den "Zwölf-Stämme"-Gemeinschaften in Klosterzimmern und Wörnitz, und zwar gegen praktisch alle Schritte der deutschen Behörden.

Der EGMR hält jedoch das gesamte Vorgehen der Ämter sowie die folgenden Gerichtsverfahren für rechtmäßig. Zwar sei es ein schwerwiegender Eingriff, wenn Behörden die Trennung von Eltern und Kindern erzwingen. Doch sie hätten hier dringend weiteren Schaden von den Kindern fernhalten müssen. Die Beweislage dafür sei belastbar und immer seien die Gerichte bemüht gewesen, die Interessen aller zu berücksichtigen.

"Bedingungslose Unterordnung"

Mehrere Sektenmitglieder wurden bereits wegen Misshandlungen verurteilt. Die härteste Strafe erhielt eine Frau, die als Lehrerin an der Schule der Sekte gearbeitet hatte. Sie wurde zu zwei Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. Sie hatte demnach Prügelstrafen verhängt, wenn Schüler gestottert oder schlecht vorgelesen hatten.

Die Sekte beschloss schließlich, sich in der Tschechischen Republik niederzulassen, wo Prügelstrafen nicht gänzlich verboten sind. Ihre letzten Mitglieder verließen Bayern Anfang vergangenen Jahres. Viele der Kinder, die in Obhut genommen wurden, sind mittlerweile zu ihren Familien zurückgekehrt - weil sie inzwischen volljährig sind oder weil die Eltern das Sorgerecht zurückbekamen, nachdem sie die Sekte verlassen hatten.

mamk/afp/dpa

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