"Zwölf Stämme" Sektenmitglieder verlassen Deutschland

Deutsche Behörden haben einige Familien der Sekte "Zwölf Stämme" aus den Augen verloren: Die umstrittenen Urchristen sind, so sieht es aus, nach Österreich ausgewandert, um Kontrollen zu umgehen.

"Zwölf Stämme"-Mitglieder (Archiv): Weg aus der Bundesrepublik?
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"Zwölf Stämme"-Mitglieder (Archiv): Weg aus der Bundesrepublik?


Nach einem Polizeieinsatz bei der umstrittenen Sekte "Zwölf Stämme" in Schwaben und Mittelfranken sollen mehrere Eltern mit ihren Kindern Deutschland verlassen haben. Fünf Jugendliche aus der Glaubensgemeinschaft in Klosterzimmern bei Deiningen seien nach Österreich umgemeldet worden, teilte das Landratsamt Donau-Ries mit. Die deutschen Behörden hätten keinen Kontakt mehr zu den Familien. Zwei weitere Mädchen seien aus Heimen geflüchtet. Ob sie wieder bei ihren Familien sind, sei nicht bekannt.

Im vergangenen September hatte die Polizei wegen Prügelvorwürfen rund 40 Kinder aus den Gemeinschaften in Deiningen und in Wörnitz geholt. Seitdem gab es zahlreiche Verfahren bei Familiengerichten; viele Eltern wehrten sich gegen die Unterbringung ihrer Kinder in Pflegefamilien und Heimen. Einige Kinder durften zurück.

Von dem Umzug der umgemeldeten fünf Jugendlichen wurde das Kreisjugendamt Ende April informiert. "Es wurden dem Landratsamt keine Adressen benannt, sodass nicht bekannt ist, ob und gegebenenfalls wo sich die Kinder derzeit in Österreich aufhalten", hieß es in einer Erklärung des Amtes.

Schläge als legitimes Erziehungsmittel

Bereits im vergangenen September sollen die "Zwölf Stämme" mehrere Kinder ins Ausland gebracht haben. Die Gemeinschaft hatte nicht nur die beiden Anwesen in Bayern, im Sommer 2013 zog ein Teil der Gemeinschaft nach Dolchau, Sachsen-Anhalt. Nachbarn und ehemalige Sektenmitglieder hatten berichtet, dass etwa zehn Jungen und Mädchen im Alter zwischen rund 7 und 16 Jahren von dort verschwunden waren. Die letzten Kinder sollen Dolchau kurz nach dem Großeinsatz in Klosterzimmern und Wörnitz verlassen haben. Angeblich haben die Sektenmitglieder die Kinder ins Ausland gebracht - vermutlich um sie dem Zugriff der deutschen Jugendämter zu entziehen.

Seit Jahren wehren sich Sekten-Familien dagegen, ihre Kinder in öffentliche Schulen zu schicken, 2004 versuchten die Behörden in Bayern sogar, die Schulpflicht mit Erzwingungshaft durchzusetzen. Vor knapp acht Jahren erlaubten sie der Sekte schließlich eine eigene Schule, zogen die Genehmigung aber im vergangenen Jahr zurück.

Die Mitglieder der "Zwölf Stämme" sehen körperliche Züchtigung als legitimes Erziehungsmittel, das ist ebenfalls seit Längerem bekannt. Im vergangenen Jahr hatte ein RTL-Reporter dann mit versteckter Kamera gefilmt, wie Sektenmitglieder Kinder mit der Rute schlagen. Das Landratsamt Donau-Ries erklärte damals, man habe "neuerliche Hinweise auf erhebliche und dauerhafte Kindesmisshandlung" in der Sekte erhalten.

  • SPIEGEL ONLINE
    Sie wurde in eine Sekte geboren und dort von klein auf geschlagen, mehrmals am Tag. Mit 16 Jahren stieg Amitsa bei den "Zwölf Stämmen" aus. Begegnung mit einer jungen Frau, die ausbrach, um ins Leben zu finden. mehr...

fln/otr/dpa

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 37 Beiträge
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dsd333 04.06.2014
1. Eltern und Kinder trennen ist für alle die schlechteste Lösung
Natürlich ist das Schlagen von Kindern falsch. Schlimm wäre auch, wenn diese in Angst gehalten werden. Genau das macht leider das deutsche Jugendamt, es versetzt selbst die besten Eltern in Angst und Schrecken, siehe diverse Berichte, z. B. auf Youtube. Es ist für Kinder und Eltern sehr schlimm, voneinander getrennt zu werden, dies ist keine Lösung, es gibt immer eine bessere Lösung, da muß man aber sich etwas bemühen, das Jugendamt/Familiengericht will aber offensichtlich lieber ein absolutistischer Herr über die deutsche Familie sein, obwohl Familien laut Grundgesetz Art. 6 geschützt sind, auch vor dem Staat und finanziellen Interessen Dritter wie Heimbetreiber etc..
namlob1 04.06.2014
2. Wieso
Was hat das Verhalten der Sektenmitglieder mit "Urchristentum" zu tun? Das Prügeln von Menschen ist vom Herrn Jesus Christus nirgends befohlen worden. Sadisten sind keine Christen.
Gregor Gerland 04.06.2014
3. Reisende soll man nicht aufhalten!
Gewalt gegen Kinder aber, @gernurlauber, ist bereits verboten. Auch die Republik Österreich kann sich keine "urchristlichen" Parallelgesellschaften leisten. Es wird eng für die Bibeltreuen.
jacktoast 04.06.2014
4.
Nach wie vor frage ich mich, wovon diese Spinner eigentlich leben. Arbeiten die außerhalb ihrer Sektenmauern in normalen Berufen ? Kaufen die ihr Brot beim Bäcker um die Ecke ? Sind die irgendwie in die Gesellschaft integriert ? Oder sind das alles Millionäre, die es sich leisten können, sich abzuschotten oder mal eben auszuwandern ? Schade, ich wüsste gern mehr über die Hintergründe.
quietschbär 04.06.2014
5. Ich weiß nicht
Irgendwie werde ich mißtrauisch, wenn religiöse Gemeinschaften das Prügeln von Kindern zum Glaubensartikel erheben.
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