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04. November 2013, 18:33 Uhr

Christen-Sekte "Zwölf Stämme"

Zwei Kinder aus Pflegefamilie verschwunden

Bereits seit Mitte September sind zwei Kinder der umstrittenen Christen-Sekte "Zwölf Stämme" verschwunden. Die zehn und 17 Jahre alten Mädchen waren nach der Schule nicht zu ihrer Pflegefamilie zurückgekehrt.

Donauwörth - Bereits kurz nach der Razzia bei der Christen-Sekte "Zwölf Stämme" im September sind offenbar zwei Kinder von "Zwölf Stämme"-Anhängern aus der Obhut ihrer Pflegeeltern verschwunden. Die beiden Mädchen waren in der Obhut des Jugendamtes Donau-Ries und kehrten nach der Schule nicht zu ihrer Pflegefamilie zurück.

Man gehe davon aus, dass sich die Kinder mit ihren Eltern in der Schweiz aufhalten, teilte das zuständige Landratsamt im bayerischen Donau-Ries am Montag mit. Das Landratsamt verständigte Polizei und Staatsanwaltschaft und steht inzwischen auch mit den Schweizer Behörden in Kontakt.

Ob die Kinder freiwillig zu ihren Eltern zurückgekehrt sind oder ob sie von ihren Eltern gegen ihren Willen mitgenommen wurden, konnte eine Sprecherin des Landratsamts nicht sagen. Das sei Gegenstand der laufenden Ermittlungen.

"Zwölf Stämme" sehen Züchtigung als Erziehungsmethode

Die zehn und 17 Jahre alten Mädchen gehörten zu den 40 Kindern, die die Behörden wegen Prügelvorwürfen Anfang September aus der Glaubensgemeinschaft auf dem Gutshof Klosterzimmern im schwäbischen Deiningen und im mittelfränkischen Wörnitz geholt hatten. Die beiden Mädchen stammen ursprünglich aus der Wörnitzer Gemeinde.

Die Gruppe "Zwölf Stämme" hatte mehrfach eingeräumt, dass sie ihre Kinder züchtigt. Dies hatte zuletzt der Fernsehsender RTL dokumentiert. Den Eltern wurde per Gerichtsbeschluss das Sorgerecht entzogen. Die meisten Kindern sind derzeit in Pflegefamilien. Allerdings gab es schon länger Anzeichen dafür, dass die Sekte versucht, sich mit den Kindern ins Ausland abzusetzen. Seit Juli hatte ein Teil der Gemeinschaft in einer Ortschaft in Sachsen-Anhalt gelebt. Von dort sollen mehrere Jungen und Mädchen im Alter zwischen rund sieben und 16 Jahren auf einen Hof der "Zwölf Stämme" in Tschechien gebracht worden sein.

Die bibelfrommen Christen sind sehr umstritten: Aussteiger warfen den rund hundert Bewohnern des Gutshofes Klosterzimmern im schwäbischen Deiningen im vergangenen Jahr vor, ihre Kinder mit der Rute zu misshandeln. Die Gemeinschaft wies die Vorwürfe damals zurück.

Erst die Recherchen des Fernsehreporters Wolfram Kuhnigk, der mit Unterbrechungen knapp zwei Wochen auf Gut Klosterzimmern lebte, lieferten offenbar Beweise, die den Behörden bislang fehlten: Seine verdeckt angefertigten Aufnahmen zeigten weinende Jungen und Mädchen, denen eine Frau mit einem Stock auf den Po schlägt. Die Aufnahmen lösten einen Großeinsatz der Polizei aus, die die Kinder der Sekte entzog. Ob sie wieder in die Familien und damit in die Gemeinschaft zurückkehren werden, ist bislang Gegenstand mehrerer Verfahren.

"Zwölf Stämme" wurde in den USA gegründet, seit fast 15 Jahren leben einige Familien in Bayern, zuvor wohnten sie in Pennigbüttel, nördlich von Bremen: Die Gemeinschaft hatte sich Anfang der Neunziger dort niedergelassen. Die Mitglieder bauen Gemüse und Getreide an, halten Tiere und produzieren ihren eigenen Strom. Die Frage, wie sie dort weitgehend abgeschottet von der modernen Welt ihre Kinder großziehen, beschäftigt die Behörden schon länger.

fto/dpa

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