BWL-Ranking Fast 300 Professoren steigen aus

Welcher BWL-Professor hat die längste Artikelliste? Die Antwort will das "Handelsblatt"-Ranking geben. Weil darin nur der Forschungs-Output zählt, kommt nun Kritik von knapp 300 Hochschullehrern. Pikant: Ein junger Star-Professor des Rankings von 2009 soll seine Publikationslisten frisiert haben.

Uni Mannheim: Laut "Handelsblatt" ein Hort der BWL-Exzellenz
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Uni Mannheim: Laut "Handelsblatt" ein Hort der BWL-Exzellenz


"Eindimensional" und "mangelhaft" - mit diesen Worten kritisieren rund 300 BWL-Professoren das BWL-Ranking des "Handelsblatt". In einem offenen Brief erklären sie außerdem, warum sie die neue Ausgabe der Bestenliste, die am 10. September erscheinen soll, boykottieren wollen. Sie wollen der Wirtschaftszeitung untersagen, sie in der neuen Liste namentlich aufzuführen.

Das wichtigste Argument der Kritiker: "Personenrankings sind kein geeignetes Instrument, die Qualität von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu messen", schreiben sie in dem Boykottbrief, den sie auch in einem Blog veröffentlicht haben.

Trotz der Kritik will das "Handelsblatt" weiterhin die Neuauflage des BWL-Rankings veröffentlichen. Bereits auf die erste Rangliste hätten viele Professoren "sehr sensibel" reagiert, schrieb die Zeitung damals. Einige hätte sogar mit Klage gedroht.

In dem Ranking will die Zeitung die Publikationen aller Universitätsprofessoren im Fach Betriebswirtschaftlehre erfassen. Im Jahr 2009, als die letzte Rangliste des "Handelsblatts" erschien, waren das 2100 Hochschullehrer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Berücksichtigt werden Aufsätze in Fachzeitschriften, aber keine Bücher. Anschließend gewichten die Macher der Rangliste die Publikation nach dem Renommee der Fachzeitschrift, in der sie erschienen ist. Auf dieser Basis küren sie anschließend die forschungsstärksten Professoren.

Bislang haben 291 Professoren der Betriebswirtschaftslehre die Protestnote unterzeichnet, einer der Initiatoren ist der ehemalige Mannheimer BWL-Professor Alfred Kieser, der heute an der privaten Zeppelin Universität in Friedrichshafen lehrt. Kieser und Kollegen kritisieren fünf zentrale Punkte: Sie finden, das Ranking…

  • …ist eindimensional, weil es sich nur auf die Menge der Publikationen konzentriere und nicht auf die Qualität der Artikel. Die Forschung ist alles, die Lehre zähle nicht, das werte Tätigkeiten außerhalb der Forschung ab.
  • …ist methodisch mangelhaft, weil der gute Ruf einer Fachzeitschrift nur bedingt etwas über die Qualität der einzelnen Beträge aussage. So entstehe ein unzutreffendes Bild der Forschungsleistungen.
  • …behandelt einzelne Fachgebiete nicht neutral. Im ersten Ranking hätten gerade Professoren der Steuerlehre und des Rechnungswesens schlecht abgeschnitten. So entstehe der Eindruck, Vertreter dieser Bereiche seien "weniger gute Wissenschaftler".
  • … setzt Anreize, die der Wissenschaft schaden. Wissenschaftler würden nicht mehr interessengeleitet forschen, sondern so, dass es Ranking-Punkte bringt. Außerdem verleiteten Rankings Berufungskommissionen dazu, nicht auf die Qualität der Bewerber zu achten, sondern auf deren Platz in der Rangliste.
  • ...setzt falsche gesellschaftliche Anreize. Die Fachzeitschriften, auf denen die Rangliste basiere, interessierten sich nicht ausreichend für lokale Probleme. Damit verhindere das Ranking die Suche nach notwendigen Antworten auf gesellschaftliche Fragen.

Das "Handelsblatt" hat in seinem eigenen Blog auf die Vorwürfe geantwortet und die Liste gegen Kritik verteidigt. Die Methode des Rankings sei "eine in den Wirtschaftswissenschaften international gängige Vorgehensweise zur Evaluierung von Forschungsleistung". Auch die Konzentration auf veröffentlichte Aufsätze sei in der internationalen Wirtschaftswissenschaft gängig, schließlich gebe es bei Fachzeitschriften - anders als bei Büchern - noch eine externe Qualitätskontrolle durch unabhängige Gutachter.

"Shootingstar" soll Publikationsliste aufgehübscht haben

In dem Ranking werde bewusst nur die Forschungsleistung gemessen, weil sie "eine der Kernaufgaben schlechthin von Hochschullehrern" sei. "Das Ranking erhebt zudem nicht den Anspruch, die 'besten' Betriebswirte zu benennen, sondern nur die 'forschungsstärksten'."

Den Unterzeichnern des Boykottbriefs kommt das "Handelsblatt" entgegen und will sie nicht gegen ihren Willen in die neue Rangliste aufnehmen. Wer nicht dabei sein wolle, für den geben es eine "Opt-Out-Möglichkeit", schreibt das Handelsblatt in seinem Blog und verlinkt dort auf das Portal Forschungsmonitoring, das die Liste für die Wirtschaftszeitung erstellt. Für das Ranking der Hochschulen würden die Ergebnisse der nicht namentlich genannten Professoren allerdings mitgezählt.

Die Ranking-Saison 2012 steht für das "Handelsblatt" auch aus einem anderen Grund unter keinem guten Stern: Vor drei Jahren belegte der Mannheimer Ökonom Ulrich Lichtenthaler, 33, in der Rangliste den 8. Platz. Unter den forschungsstärksten Betriebswirte unter 40 schaffte er es sogar auf Rang eins.

Jetzt steht der "Shootingstar" ("Handelsblatt") Lichtenthaler unter Verdacht, "seine Publikationsliste mit unlauteren Mitteln aufgebläht zu haben", wie das "Handelsblatt" selbst über Lichtenthaler schreibt. Die Uni Mannheim hat im Fall Lichtenthaler eine Untersuchungskommission einberufen, die eine "größere Anzahl" seiner Arbeiten prüft, wie eine Sprecherin der Uni mitteilte. Ergebnisse werden für Ende 2012 erwartet.

Erst kürzlich hatten sich Deutschlands Soziologen gegen eine andere Rangliste ausgesprochen: das Hochschulranking vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Es erscheint regelmäßig im Studienführer des "Zeit"-Verlags, Tausende Studienbewerber orientieren sich Jahr für Jahr an den Ergebnissen. Der Deutschen Gesellschaft für Soziologie missfällt das: Sie sprach von "gravierenden methodischen Schwächen und empirischen Lücken" und forderte die soziologischen Institute der Hochschulen auf, das Ranking zu boykottieren.

fln

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Seite 1
tschierva 03.09.2012
1. Es ist unverständlich ...
... warum sich die zitierten 291 Professoren der BWL über die Kriterien des Rankings beschweren. Die Punkte 1-4 bilden die Hauptkriterien bei den allermeisten Berufungen im deutschen Hochschulsystem. Die Beschwerdeführer beklagen sich also de-facto darüber, dass sie nun selbst nach denselben Kriterien bewertet werden, die sie als Mitglieder in Berufungskommisionen auf den wissenschaftlichen Nachwuchs anwenden. Eine Art der Bewusstseinsspaltung. Die Kritik an der absoluten Gültigkeit der Kriterien für die Bewertung von Wissenschaft und Lehre ist jedoch durchaus gerechtfertigt. Das einzige Kriterium, das fehlt ist die Höhe der eingeworbenen Drittmittel. Hierbei Gewichten viele Professoren und Rektorate gerade an den klassischen "Voll-Universitäten" Drittmittel staatlicher Forscungsorganisationen (DFG etc.) höherwertig als solche aus der Industrie. Im ersten Fall handelt es sich schliesslich um die wahre, vollwertige Forschung, im zweiten Fall lediglich um Auftragsforschung, gleichzusetzen mit "höherem Handwerk". Diese Sichtweise ist weit verbreitet.
dmjr 03.09.2012
2. Einseitige Darstellung
Zitat von tschierva... warum sich die zitierten 291 Professoren der BWL über die Kriterien des Rankings beschweren. Die Punkte 1-4 bilden die Hauptkriterien bei den allermeisten Berufungen im deutschen Hochschulsystem. Die Beschwerdeführer beklagen sich also de-facto darüber, dass sie nun selbst nach denselben Kriterien bewertet werden, die sie als Mitglieder in Berufungskommisionen auf den wissenschaftlichen Nachwuchs anwenden. Eine Art der Bewusstseinsspaltung. Die Kritik an der absoluten Gültigkeit der Kriterien für die Bewertung von Wissenschaft und Lehre ist jedoch durchaus gerechtfertigt. Das einzige Kriterium, das fehlt ist die Höhe der eingeworbenen Drittmittel. Hierbei Gewichten viele Professoren und Rektorate gerade an den klassischen "Voll-Universitäten" Drittmittel staatlicher Forscungsorganisationen (DFG etc.) höherwertig als solche aus der Industrie. Im ersten Fall handelt es sich schliesslich um die wahre, vollwertige Forschung, im zweiten Fall lediglich um Auftragsforschung, gleichzusetzen mit "höherem Handwerk". Diese Sichtweise ist weit verbreitet.
Es ist richtig, dass die Publikationen eine entscheidende Rolle spielen. Ich habe aber noch keine Berufungskommision erlebt, die versucht aus den Publikationslisten eine Punktewertung zu erstellen, um so den Besten zu ermitteln. Keiner der Unterzeichner wird der Aussage widersprechen, dass viele Publikationen wichtig sind.
sirisee 03.09.2012
3. ... bewußtseinsspaltung
Ist noch zu freundlich: Jeder der Herrschaften wirbt auf seiner Internetseite mit Publikationen, ist eifrig darum bemüht, möglichst viel zu publizieren und sich möglichst viel zuarbeiten zu lassen, das man unter eigenem Namen verwenden kann... Sie sind so wie Kinder, die man beim Griff in die Bonbondose erwischt, und die jetzt weinen, nur viel bösartiger, denn keiner von denen hätte ein schlechtes Gewissen, andere im Elend stehen zu lassen, nur weil sie keine Publikationsliste haben...
kapitaennemo 03.09.2012
4. Überhaupt nicht unverständlich ...
denn alle Argumente der Professoren treffen voll zu. Und wenn Berufungskommissionen nach solch dünnen Kriterien arbeiten würden, könnte man sie getrost durch ein simples Java-App ersetzen. Tatsächlich - auch wenn es unbeteiligte nicht glauben - setzt man sich dort sehr ernsthaft mit den Bewerbern und ihren Arbeiten inhaltlich auseinander. Berufungen entscheiden maßgeblich über die Zukunft von Universitäten und derart flaches Vorgehen wäre mehr als fahrlässig. Statistiken wie die aus dem Handelsblatt schaden eher als dass sie nutzen, sie verbreiten nur flache Fehlinformation durch Vergleich von Äpfeln, Birnen, Kirschen, usw.
criticalsitizen 04.09.2012
5. BWL ist doch wohl kaum Wissenschaft, es bedeutet unkritisches Auswendiglernen von Dok
Diese "Wissenschaft" schafft Probleme, statt Weiterkommen und Lösen von Problemen.
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