Ex-Mitglied in Haft Nazi-Vorwurf gegen Raczek-Burschenschaft

Neuer Ärger für die Burschenschaft der Raczeks: Ein ehemaliger Bundesbruder sitzt derzeit in Haft. Der Vorwurf: Mitgliedschaft in der kriminellen rechtsextremen Vereinigung Aktionsbüro Mittelrhein. Mindestens sieben weitere Raczek-Burschen sollen Rechtsextremisten nahestehen.


Zwar gibt sich die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn auf ihrer "Netzseite" betont deutschlandfreundlich, jede Form des Extremismus "und damit auch den Rechtsextremismus" weisen sie jedoch stets von sich. Interne Dokumente, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, belegen nun aber eine direkte Verbindung der Raczeks zur rechten Szene.

Im Zusammenhang mit mehreren Razzien gegen eine rechtsextreme Vereinigung wurde Anfang März Cornelius D. festgenommen. Die Staatsanwaltschaft Koblenz wirft dem Bonner die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Landfriedensbruch und versuchte Körperverletzung vor. Er sitzt zurzeit in Haft.

D. war bis mindestens Ende 2011 Mitglied der Burschenschaft der Raczeks. Neben D. ermittelt die Staatsanwaltschaft derzeit gegen 25 weitere Personen, unter anderem wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und der Beteiligung an Straftaten. Laut der 800 Seiten starken Anklageschrift handelt es sich bei der Vereinigung um das rechtsextreme Netzwerk Aktionsbüro Mittelrhein, dem zum Beispiel Gewalt gegen Mitglieder der linken Szene und Hakenkreuz-Schmierereien angelastet werden. Seit 2009 gilt das Aktionsbüro als radikal.

Hat Verdächtiger D. weiter Kontakt zu Raczeks?

Aus den Dokumenten geht nun hervor, dass D. neben seinen Aktivitäten bei dem Aktionsbüro Mittelrhein für mindestens drei Jahre auch Mitglied der Raczeks war. In einer internen Mailingliste aus dem Dezember 2011 wird D. als "Conkneipant" der Burschenschaft geführt. Conkneipanten sind verdiente Personen, die zwar keine Studenten oder Akademiker sind, die aber trotzdem in die Gemeinschaft integriert werden sollen.

Außerdem stellte sich D. im Mai 2009 in einem Bundesbrief der Raczeks als neues Mitglied vor. Darin schreibt D., er sei von der Burschenschaft "sehr angetan, da nicht nur die politischen Interessen der Raczeks mit meinen übereinstimmen, sondern auch der Gedanke an unsere deutsche Heimat und die Traditionen der Burschenschaft hochgehalten werden". Den Raczeks sei er außerdem bereits im Dezember 2008 als "Schülerfux" beigetreten.

Im Dachverband Deutsche Burschenschaft tobt seit längerem ein Streit wegen rechtsextremer Ausfälle in Reihen des Verbands. Den Burschenschaftern der Bonner Raczeks kommt in dieser Auseinandersetzung eine Schlüsselrolle zu. Schon im vergangenen Jahr sorgten Raczeks-Anträge auf dem Burschentag für Aufsehen, weil darin verbandsweit rassistische Aufnahmekriterien vorgeschlagen wurden. Seitdem wächst der Widerstand liberaler Bünde innerhalb der Deutschen Burschenschaft.

Weitere Einblicke in das Innenleben der Raczeks lieferte Anfang Juli zudem ein Gerichtsverfahren, in dem sich zwei Burschenschafter der deutschnationalen Verbindung beharkten: Der einflussreiche Burschenschaftsfunktionär Norbert Weidner wollte seinem Verbindungsbruder Christian J. Becker die Aussage verbieten lassen, Weidner sei "einer der Köpfe einer rechtsextremen Bewegung aus Burschenschaften, NPD und Kameradschaften".

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Burschenschafter-Prozess: Bruderzwist vor Gericht
Das Landgericht Bonn entschied anschließend, Beckers Vorwürfe seien überwiegend vom "Grundgesetz geschützte Meinungsäußerungen, welche die Grenze zur Schmähkritik nicht überschreiten". Eine Berufung ist allerdings von beiden Seiten noch möglich.

Neben D. sollen mindestens sieben weitere Mitglieder der umstrittenen Burschenschaft "sehr engen Kontakt" zur rechten Szene haben, heißt es in einem Fernsehbeitrag des WDR, der zuerst über die Verbindung zwischen den Raczeks und dem Aktionsbüro Mittelrhein berichtete.

"Politisch nicht auffällig"

In einer Stellungnahme teilte die Bonner Burschenschaft dem WDR mit, dass D., "nachdem er sich für einen Ausbildungsberuf entschieden hatte", bereits "zum Jahreswechsel bei uns gestrichen" wurde. Man wisse außerdem nicht, was ihm konkret vorgeworfen werde. "Bei seinen Besuchen war er politisch nicht auffällig", heißt es in der Erklärung. In einer Rundmail eines führenden Raczek-Mitglieds an die "Alten Herren" und "Aktiven" aus dem April 2012 wird D. jedoch weiterhin über den E-Mail-Verteiler der Raczeks mit angeschrieben.

"Das Gefährliche an der Entwicklung bei den Raczeks ist, dass es hier tatsächlich eine Verknüpfung zwischen akademischem und militantem Rechtsextremismus zu geben scheint", sagt die Politikwissenschaftlerin und Burschenschafts-Expertin Alexandra Kurth dem WDR. Die Burschenschaft bleibt hingegen bei ihrer offiziellen Darstellung, wonach man "Extremismus entschieden ablehnt und das Eintreten gegen diktatorische und verbrecherische politische Systeme ausdrücklich befürwortet".

fdi/otr

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