Der SPIEGEL

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15. April 2000, 01:00 Uhr

Afrikaner in Studentenverbindung

"Ich bin nicht allein"

Der Medizinstudent Christian Fahé aus Kamerun findet in einer Greifswalder Verbindung Schutz vor Ausländerhass.

Das zartrosa Hemd sitzt perfekt über dem breiten Kreuz. Die gestickten Initialen C.F. auf der Brusttasche verraten Understatement, die dunkle Anzughose ist exakt gebügelt, und die schwarzen Lederschuhe sind schlicht elegant. Der junge Mann sieht nicht gerade aus wie ein Student im dritten Semester. Doch da sind noch zwei Dinge, die an Christian Fahé, 21, auffallen: Das schwarz-goldgrüne Bändchen der Verbindung Alemannia und die Hautfarbe: Schwarz.

Der Mann aus Kamerun studiert Medizin in Greifswald - in einem für Ausländer dunklen Landstrich. Sie leben in Vorpommern gefährlich, zumal wenn sie als Fremde zu erkennen sind. Christian Fahé jedoch lässt solche Ängste nicht an sich heran. Beleidigungen wie "Scheiß Neger, was machst du hier?" will er nicht als Bedrohung empfinden, "damit es mir besser geht". In Greifswald habe er halt sehr viele Leute getroffen, "die noch nie einen Schwarzen gesehen haben".

Mit 14 hatten ihn seine Eltern nach Frankreich geschickt, in die Nähe von Toulouse, "wegen der besseren Schulen". In 5000 Kilometer Entfernung von zu Hause zu leben war hart, aber er gewöhnte sich daran. Schließlich waren auch seine Geschwister in Europa ausgebildet worden. Fahés Vater ist hoher Beamter im kamerunischen Verteidigungsministerium, die Mutter erfolgreiche Geschäftsfrau - da war früh klar, dass den Kindern auch Wege außerhalb des zentralafrikanischen Staates offen standen.

Studieren wollte Christian in Deutschland. Nach siebenmonatigem Sprachkurs im Winter 1996/97 an der TU in Clausthal-Zellerfeld - "ich konnte auf Deutsch vorher nur zählen" - bewarb er sich an allen 35 deutschen Hochschulen mit dem Studienfach Medizin, "denn der Bedarf an Ärzten ist groß in Kamerun". Die erste positive Antwort kam nach dreieinhalb Monaten aus Greifswald. "Ich war ein bisschen enttäuscht, denn ich wollte gern nach Tübingen", sagt er. "Und Greifswald ist sehr weit weg von Frankreich und Italien, wo meine Geschwister studieren." Als er dann im fernen Osten aus dem Zug stieg, war das "ein Schock für mich".

Der Bahnhof war ein einziges Baugerüst, die Stadt an der Ostsee wirkte fremd und abweisend. Das Erstsemesterprogramm, die intensive Betreuung der Greifswalder Studienanfänger, tröstete jedoch "über die Kälte der Stadt hinweg".

Im ersten Semester wohnte Fahé in einer Wohnung, die ihm das Studentenwerk vermittelt hatte. Eine Anzeige am Schwarzen Brett machte ihn dann aufmerksam auf die "Katholische Deutsche Studentenverbindung Alemannia", auch wenn er gar nicht wusste, was "Verbindung" heißt - "ich sah nur: Zimmer frei!".

Das erste Treffen verlief unspektakulär, die dunkle Hautfarbe spielte für die Verbindungsbrüder keine Rolle. "Wir sehen vielmehr zu, dass neue Mieter katholisch und männlich sind", sagt Helmut Beike, 29, Pharmaziestudent aus Dortmund. Als Fahé dann auch noch sagte, wo er bislang wohne, "war vor allem wichtig, dass er aus der alten Wohnung rauskam", so Beike. "Die lag schließlich in der ausländerfeindlichsten Ecke der Stadt."

Fahé selbst spricht nicht über Rassismus oder Ausländerhass. Er möchte möglichst unauffällig bleiben, so studieren wie jeder andere auch. Das ist verständlich, doch kann ein Schwarzer normal leben in einer Ecke Deutschlands, wo die meisten Jugendlichen kurze Haare und kurze Jacken tragen?

Immerhin sei er in Greifswald "vorsichtiger als woanders", gehe zum Beispiel abends nicht allein durch die Stadt. Neulich habe ihn ein kleines Mädchen angestarrt, dessen Mutter dann unbedingt wollte, dass es ihn begrüßt. "Ich denke einfach, dass die Leute neugierig sind." Diese Sicht ändere er erst, "wenn ich persönlich angegriffen werde".

In dem Verbindungshaus fühlte sich Fahé schnell wohl, "das war das erste Mal in Greifswald, dass ich auch außerhalb der Uni mit Menschen zu tun hatte". Es gab keinerlei Zwang, in die Verbindung einzutreten. Anfangs fand er die jungen Männer "mit Mütze und Band sehr erstaunlich"; als er seiner Mutter davon erzählte, fürchtete die, er sei in einer Sekte gelandet. "Du musst da raus!", rief sie ihm durchs Telefon zu.

Doch er blieb, und nach sechs Wochen trat er ein. Heute kann er sich ein Leben in Greifswald ohne die Verbindung nicht vorstellen. Wenn er die Verbindungsfarben trägt, die "Couleur", fühlt er sich "sicher", "dann weiß ich, ich bin nicht allein". Auch die Disziplin und das Leben in Hierarchien gefällt ihm, sagt er, denn das bereite auf später vor: "Ich lerne hier, zu führen und geführt zu werden."

Als Consenior war er im Wintersemester verantwortlich für alle offiziellen Veranstaltungen der Verbindung. Das passte ganz gut, denn außer Biochemie stand nichts weiter im Stundenplan.

Er fühlt sich inzwischen wohl, und ganz nebenbei rutscht ihm plötzlich raus: "Ich habe ziemlich viel unter Kontrolle hier!" Das ist kaum ausgesprochen, da muss er laut lachen. Ja, er sei einfach "viel selbstbewusster" geworden durch das Verbindungsleben, die Alemannia sei seine "zweite Familie" geworden.

Unlängst war die Verbindung bei einer Burschenschaft zur Cocktailparty eingeladen. Der Barkeeper, Mitglied der Gastgeber, beschwerte sich mit Blick auf Fahé, er habe keine Lust mehr auf seinen Job, den könne doch jetzt "der Sklave" machen. Die Verbindungsbrüder verließen sofort geschlossen das Fest. Ein paar Tage später versuchte der rechtsgesinnte Student, sich bei Fahé zu entschuldigen.

Der nahm die Entschuldigung an.

FLORIAN GLESS

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