Afrikas Hochschulen Klar im Abseits

Afrika hat ein großes Potential - die Jugend. Viele kommen aus der Schule und fragen: Was soll aus uns werden? International sind die Hochschulen Afrikas abgehängt, berichtet das Hochschulmagazin "duz". Wer klug ist, wandert aus. Und meist kehren die besten Absolventen nie mehr zurück.

Von Marc Engelhardt

Kinder in Monrovia (Liberia): Zur Schule gehen sie, der spätere Weg zur Uni lohnt kaum
Unesco/ Glenna Gordon

Kinder in Monrovia (Liberia): Zur Schule gehen sie, der spätere Weg zur Uni lohnt kaum


Die Universität von Bangui erinnert an eine vergessene Volkshochschule irgendwo in der tiefsten deutschen Provinz. Der Campus ist von rotem Staub bedeckt, der von den Autos der nahen Hauptstraße aufgewirbelt wird. Die Farbe an den Institutsgebäuden ist abgeblättert, die wenigen Computerräume sind mit alten Geräten voll gestellt, deren Abluft die staubige Luft noch einmal aufheizt. In der Bibliothek stehen vergilbte Bände, die aus Frankreich stammen und sich kaum mit Afrika beschäftigen.

Die Bedingungen für Lehre und Forschung sind alles andere als ideal. Und doch ist die 1969 eingeweihte Université de Bangui für vier Millionen Einwohner der Zentralafrikanischen Republik die einzige Möglichkeit, in ihrer Heimat einen Hochschulabschluss zu erlangen.

"Hier ist die altertümliche Paukschule noch Realität", sagt der Frankfurter Universitätsprofessor Dr. Jürgen Runge. Der physische Geograf kennt das Land seit Jahren von zahlreichen Forschungsreisen. Derzeit ist er für Projekte bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) GmbH in der Zentralafrikanischen Republik freigestellt.

Lohnende Aufgaben, die keiner übernimmt

"In der Geografie fangen hier 400 Studenten an, nach vier Jahren sind vielleicht noch 30 übrig." Vor allem die Praxisferne ist es, die Runge an der Universität kritisiert. "Die Studenten wissen später vielleicht viel über das Zentralmassiv in Frankreich, aber nicht im Geringsten, wie Gesteinsformationen im eigenen Land aussehen. Gelernt wird nur im Hörsaal, Exkursionen oder Feldversuche gibt es praktisch nicht." Dabei wäre es wirtschaftlich interessant, die zentralafrikanische Geomorphologie zu untersuchen. Das Land, so groß wie Frankreich und Belgien zusammen, ist reich an Rohstoffen. Wo genau sie liegen, ist unklar.

Im vergangenen Sommer wurde in Bangui die erste Promotion seit Gründung der Universität abgenommen. Runge, der im Prüfungsausschuss saß, schwitzte im unklimatisierten Audimax mit dem Doktoranden um die Wette. "Es ging vor allem um das Einhalten von Formalitäten, eine wirkliche wissenschaftliche Debatte mit dem Promovenden fand nicht statt."

Die Uniformität des Studiums äußert sich auch im Berufswunsch der meisten Studenten: Ihr Ziel ist der Staatsdienst, der einzige sichere Arbeitgeber im Land. An der Universität bleibt kaum jemand. Wer außergewöhnlich begabt oder ausreichend begütert ist, studiert im Ausland, sei es im Nachbarland Kamerun oder in Paris. 1,4 Prozent ihres knappen Staatshaushalts gibt die Zentralafrikanische Republik nach Schätzungen für den gesamten Bildungssektor inklusive Volksschulen aus. Für die Hochschule bleibt da kaum etwas übrig.

Ganz Afrika schafft so viele wissenschaftliche Papers wie Holland

Die Universität von Bangui ist nur ein Beispiel für die Malaise, in der sich Afrikas Hochschullandschaft befindet. Die im April veröffentlichte Studie "Global Research Report: Africa" des Medienkonzerns Thomson Reuters zieht für den Forschungssektor eine erschreckende Bilanz: Zwischen 1999 und 2008 wurden in allen 53 afrikanischen Staaten mit mehr als einer Milliarde Einwohner im Jahresdurchschnitt weniger als 30.000 Papers veröffentlicht. Das entspricht etwa dem Niveau der Niederlande. Noch brisanter ist die Lage, wenn man berücksichtigt, dass das Gros der Veröffentlichungen aus den drei Nationen Südafrika, Nigeria und Ägypten stammt.

"Afrikas gesamte Forschungsaktivität ist viel zu gering, um eine positive Auswirkung auf die Bevölkerung zu haben", bilanziert Jonathan Adams, Direktor für Evaluation bei Thomson Reuters. "Dabei sind in vielen afrikanischen Staaten sehr wohl ausreichend Ressourcen vorhanden, sie werden nur nicht in die Forschung investiert." Die Studie zeigt zudem, dass weniger mehr sein kann: Auch kleine Länder können qualitativ hochwertige Forschung liefern, wenn sie gezielt investieren.

"Forschungsergebnisse aus Malawi, das nur ein Zehntel des Outputs von Nigeria erreicht, liegen qualitativ deutlich über dem globalen Durchschnitt, während die Ergebnisse aus Nigeria allenfalls halb so gut sind", sagt Adams. Ein weiteres Problem ist die Praxisferne vieler Universitäten. Der nigerianische Zentralbankchef Charles Chukwuma Soludo entfachte im vergangenen Jahr in seinem Land eine Bildungsdebatte, als er eine provokative Festrede an der Universität von Abeokuta im Westen des Landes hielt.

Es studieren wenige - und nur jeder Vierte schafft den Abschluss

"71 Prozent aller nigerianischen Absolventen sind wie schlechte Kirschen", stellte Soludo fest. "Niemand würde sie einstellen, selbst wenn sie die einzigen Bewerber wären." Den Uni-Absolventen fehle nicht nur wichtiges Wissen in ihren jeweiligen Bereichen: "Sie sind in der neuen Ökonomie dieses Jahrhunderts schlicht nicht unterzubringen."

Soludos Bilanz ist nicht neu: Fünf Jahre zuvor hatte er als Berater des damaligen Präsidenten Olusegun Obasanjo die Qualität des nigerianischen Hochschulsystems geprüft. Das Ergebnis: 49 Prozent aller Lehrkräfte waren unqualifiziert, Infrastruktur und Ausstattung auf allen Ebenen akut unzureichend. So verwundern auch die Zahlen der Weltbank nicht, wonach nur einer von vier Studenten in Afrika den Abschluss schafft.

"Afrikas Universitäten haben sehr wenig Bezug zur Industrie oder zur Wirtschaft generell", bestätigt Prof. Dr. Goolam-Mohamed-bhai die Kritik Soludos. Er ist Generalsekretär der Association of African Universities ( www.aau.org). In dem Dachverband sind mehr als 200 Universitäten organisiert. Deren Elfenbeinturm-Mentalität sieht er als eines der größten Hindernisse für Afrikas Hochschulabsolventen. "Es gibt ein großes Missverhältnis zwischen dem Wissen, das Studenten sich an Afrikas Universitäten aneignen, und dem Wissen, das Arbeitgeber brauchen." Viele Graduierte bekämen in Afrika deshalb keine Arbeit. "Wenn wir wollen, dass die Universitäten zur Entwicklung Afrikas beitragen, müssen sie eine strategische Partnerschaft mit Afrikas Wirtschaft eingehen."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
forumgehts? 11.06.2010
1. Falscher Ansatz
Zitat von sysopAfrika hat ein großes Potential - die Jugend. Viele kommen aus der Schule, wollen studieren und fragen: Was soll aus uns werden? Die Hochschulen Afrikas sind international abgehängt. Wer klug ist, wandert aus. Und bisher kehren die besten Absolventen nie mehr zurück. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,698628,00.html
Das ist doch nicht das Problem! Wer in Afrika auf die Uni gehen kann/darf, dessen Papa zahlt ihm sowieso das Studium bei Unis auf anderen Kontinenten. Wer wirklich wissen will, was los ist, der schaue sich die Grundschulen in Afrika an.
mavoe 11.06.2010
2. Großes Potenzial
Zitat von sysopAfrika hat ein großes Potential - die Jugend. Viele kommen aus der Schule, wollen studieren und fragen: Was soll aus uns werden? Die Hochschulen Afrikas sind international abgehängt. Wer klug ist, wandert aus. Und bisher kehren die besten Absolventen nie mehr zurück. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,698628,00.html
Ja, theoretisch. Nur wird das ganz junge Potenzial halt mehrheitlich z.B. mit Kartoffelchips und Coca-Cola gefüttert. Von einer Ouzo-besoffenen Mutter. Gesehen in Namibia und Zimbabwe. Und wenn die wenigen Reichen sich ein Auslandsstudium leisten können, kommen die wirklich nicht mehr zurück, oder werden vor Ort korrupte "Politiker". Ich habe die Hoffnung verloren. Tut mir Leid.
xsreality 12.06.2010
3. Bezug zur Wirtschaft
"Afrikas Universitäten haben sehr wenig Bezug zur Industrie oder zur Wirtschaft generell". Sind das tatsächlich nur Afrikas Universitäten? Wird in DE nicht immer groß posaunt, man hätte das "Denken" und das "Lernen" an der Uni gelernt?
medley63 12.06.2010
4. Doppelmoral
"Doch das Spiel ändert sich dadurch nicht. Die besten Absolventen gehen weiterhin ins Ausland. *Und der Bodensatz bleibt.*" Gott wie bigott. Herr Engelhardt darf das im Spiegel sagen, aber wenn Sarrazin das gleiche, nur um 180 Grad andersrum verkündet wird er ua. im SPON dafür zerissen. "Der "Bodensatz" kommt zu uns nach Deutschland. Die Besten bleiben aber oder gehen woanders hin." Nichts anders sagt Sarrazin. Was Herr Engelhardt sagt ist war. Was Herr Sarrazin sagt ist, wenn man mal die dunkelrote Klassenhassbrille abnimmt, aber ebenso richtig.
Koda 14.06.2010
5. was sind "Papers"?
---Zitat von autor--- Zwischen 1999 und 2008 wurden in allen 53 afrikanischen Staaten mit mehr als einer Milliarde Einwohner im Jahresdurchschnitt weniger als 30.000 Papers veröffentlicht. ---Zitatende--- Was sind "papers"? Abschlussarbeiten von Studenten (bei uns früher Diplomarbeit, Doktorarbeit etc. genannt) zur Erlangung des Bachelors oder Masters, Abschlußarbeiten zu Forschungsprojekten oder Veröffentlichung neu erforschter Erkenntnisse? Weiß der Autor es vielleicht seler nicht? Hat er es abgeschrieben? Auch wenn in Deutschland nur die ältere Generation vom Schulenglisch verschont bliebe, wäre es doch für die Masse der Leser doch sicher entgegenkommend, spezifische Begriffe etwas genauer zu definieren. "Papers" würde ich zunächst einmal schlicht mit Papier übersetzen, was in dem Zusammenhang auch für die Niederlande ein Armutszeugnis wäre.
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