Akademische Doktorspiele Professor Dr. h.c. Volkswagen

Hochschulen brauchen Partner aus Wirtschaft und Politik - und bewerfen Prominente darum gern mit Ehrentiteln. Das kann auch schiefgehen, wie bei den VW-Managern Volkert und Hartz: zwei warnende Beispiele aus der Scheinwelt von Eitelkeit und Liebedienerei.

Von Hermann Horstkotte


Vom gelernten Schmied ohne Abi und Studium bis zum Ehrendoktor, das gelang Dr. h.c. Klaus Volkert, 64. Der langjährige VW-Betriebsratsvorsitzende ist angeklagt wegen Anstiftung zur Untreue in 48 Fällen, heute beginnt der Prozess. Der frühere VW-Personalchef Peter Hartz hatte gestanden, Volkert mit Sonderzahlungen in Millionenhöhe und Lustreisen auf Firmenkosten bedient zu haben. Beide haben akademische Ehrentitel und führen sie weiter; nur sein Bundesverdienstkreuz hat Hartz wegen der VW-Affäre bereits zurückgegeben. Der Betriebswirt der Höheren Wirtschaftsschule (später Fachhochschule) in Saarbrücken brachte es zum "Professor Dr. h.c.": Das Saarland machte ihn zum Professor, die Uni Trier zum Ehrendoktor.

Die Ehrentitel sind ein alter Zopf, irritierend in der vielbeschworenen Leistungsgesellschaft. Sie werden durch reinen Gunsterweis von einer Hochschule oder auch der Landesregierung "verliehen" - anders als die normalen akademischen Grade und Titel, die Wissenschaftler durch Prüfungen oder im Wettbewerb um Stellen erwerben. Wer hat, der hat: Zwar kann ein Ehrentitel auch gerichtlich wieder aberkannt werden, aber nur bei schwersten Straftaten wie Mord.

Akademische Ehrendoktorspiele gehören längst zum universitären Alltag. Ihr Sinn ist klar: Die Hochschulen buhlen intensiv um hochrangige Partner in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Das soll gute Kontakte festigen, neue Kontakte ermöglichen, den Zugriff auf die Industrie-Töpfe erleichtern. Die Ehren-Professoren und -Doktoren erhalten einen schmucken Namenszusatz - und die Hochschulen wiederum dürfen sich im Abglanz der Wirtschaftskapitäne und Politprominenz sonnen: klassische Win-Win-Situation, solange es keinen Ärger gibt.

Betriebsfest mit Doktorhut

Die Erhebung in den akademischen Adelsstand erfolgt stets so wie etwa bei Volkert: Namhafte Professoren beantragten im Fachbereich, ihm den Doktortitel zuzuerkennen. Das Professorenkollegium bestellte Fachgutachten über die Verdienste des Kandidaten, möglichst wissenschaftlicher Natur, und entschied dann über den Antrag mit Mehrheit.

Hartz (links), Volkert: Beide bekränzt mit akademischem Lorbeer
DPA

Hartz (links), Volkert: Beide bekränzt mit akademischem Lorbeer

Dennoch: "Für die deutsche Universitätslandschaft überhaupt dürfte diese akademische Auszeichnung einmalig sein", hatte Herbert Oberbeck, Dekan der TU Braunschweig, 2002 in seiner Rede auf den neuen "Doktor der Staatswissenschaften Ehren halber Volkert "getönt. Mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde wolle man "seinen persönlichen Beitrag" zur betrieblichen Zusammenarbeit" ebenso auszeichnen wie die Leistung der Betriebsräte des VW-Konzerns insgesamt".

Erstmals wurde damit der Doktorhut gleichsam einer anonymen Organisation statt einer Person aufgesetzt. So sollten "die Verbindungen zwischen der Universität und dem Volkswagen-Konzern bekräftigt werden". Das heißt konkret: Stiftungslehrstühle oder Forschungsaufträge von der Firma für die Hochschule. Inzwischen hat sich die mit Wissenschaftslorbeer bekränzte Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitnehmervertreter Volkert und VW-Personalchef Hartz als eine von List und Lust zusammengehaltene Cliquenwirtschaft älterer Herren herausgestellt.

Im Namen der Wissenschaft

Peinlich auch für die Uni? Der heutige Braunschweiger Rektor Jürgen Hesselbach zuckt mit den Schultern: "Richtige Doktorarbeiten veralten durch neue Einsichten, auch Ehrenpromotionen."

Auf den Wandel der Zeiten verweist auch der Trierer Betriebswirtschafts-Professor Hartmut Wächter. Er hatte an seiner Uni 1994 die Ehrenpromotion von Hartz betrieben, bei dessen Wechsel vom Saarland zu VW in Wolfsburg. "Es ist doch klar", sagte Wächter SPIEGEL ONLINE, "dass es nicht nur um wissenschaftliche Leistungen gehen kann, wenn man einem Nichtwissenschaftler den Ehrendoktor verleiht. Hartz war für uns damals schon ein Dutzend Jahre wichtig gewesen für Betriebsstudien in der Dillinger Hütte sowie für Praktikumsplätze unserer Studierenden und ihre Diplomarbeiten."

Und doch: Da entsteht ein Anschein wie bei der Wahl zum "Ehrenbrandmeister", der an keinen Feuerwehreinsätzen teilnehmen muss. Auf dem Dorf wird das schon mal der dicke Bauer, wenn er ein paar Hektoliter Bier springen lässt.

Forum - Sind die Unis zu freigiebig mit ihren Doktortiteln?
insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
Willie, 15.11.2007
1.
Zitat von sysopAn deutschen Universitäten werden immer häufiger Ehrendoktortitel an Vertreter aus Politik und Wirtschaft verliehen. Was meinen Sie zu dieser Titelinflation?
Es bedeutet nur, dass der Ehrendoktor als Wissensauszeichnung bedeutungslos wird. In Zukunft wird er dann wohl auch nicht mehr gefuehrt werden, da er dem Wissenden eher peinlich wird.
DJ Doena 15.11.2007
2.
Ist doch das gleiche Spiel mit Ehrenbürgern und Bundesverdienstkreuzen.
Klo, 15.11.2007
3.
Zitat von sysopAn deutschen Universitäten werden immer häufiger Ehrendoktortitel an Vertreter aus Politik und Wirtschaft verliehen. Was meinen Sie zu dieser Titelinflation?
Irgendwie müssen doch die Unfähigen zu ihren Titeln kommen...
DanielaMund, 15.11.2007
4.
Zitat von KloIrgendwie müssen doch die Unfähigen zu ihren Titeln kommen...
Ist mir lieber so, als wenn die einen Doktor ohne hc machen (gegen eine großzügige Spende ans Institut), und damit den Ruf der "richtigen" Doktoren verderben.
Willie, 15.11.2007
5.
Zitat von DanielaMundIst mir lieber so, als wenn die einen Doktor ohne hc machen (gegen eine großzügige Spende ans Institut), und damit den Ruf der "richtigen" Doktoren verderben.
Stimmt genau. Nur gab es in der Vergangenheit eben auch Menschen, die sich durch ihr persoenliches Engagement und oft auch autodidaktisch sich wissenschaftlich so verdient gemacht haben, dass ihnen der hc als angemessen Anerkennung voellig zu recht zuerkannt werden konnte. Diese sind dann diejenigen, deren Anerkennung hierdurch am meisten entwertet wird. Gluecklicherweise sind dies aber auch meist gerade die Leute, denen an Titeln am wenigsten gelegen ist. Vielleicht ist dies dann ein Stueck ausgleichende Gerechtigkeit.
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