Akademische Mythen Passwort Mausezahn

Heute hat der Computer die Hochschulen voll im Griff, selbst emeritierte Professoren verschicken mit Vorliebe Kettenmails. Doch einst galt schon als technisch geschickt, wer schnell das Farbband einer Schreibmaschine wechseln konnte. Eine nostalgische Rolle rückwärts in die achtziger Jahre.


Längst im Museum: Rechner wie der Apple Lisa (links) und das 84-er Modell
GMS

Längst im Museum: Rechner wie der Apple Lisa (links) und das 84-er Modell

Es muss irgendwann Anfang der achtziger Jahre gewesen sein. An den Universitäten, in den Dekanaten und Fakultäten stand damals auf jedem Tisch eine handelsübliche Schreibmaschine der Marke "Olympia", und alle fünf Wochen wurden die Lehrkräfte am Vorratsschrank der Sekretärin vorstellig, weil das Farbband mal wieder zur Neige ging.

Als großer Schritt für die Menschheit wurde in diesen Tagen die Erfindung der Korrekturblättchen gefeiert, mit denen die Professoren auch nach groben Tippfehlern mit dem eingespannten Blatt weiterarbeiten konnten. Außer natürlich bei der Anfertigung eines Thesenpapiers, das damals noch Thesenpapier und nicht Handout hieß und auf Matrize geschrieben wurde. Die verzieh keinen Tippfehler und roch stets streng wie ein vergorenes Erfrischungstuch, war aber leicht zu vervielfältigen. Damals, als Drucker nur eine ehrbare Berufsbezeichnung war und ein Tintenstrahl nur aus dem Füller kam.

Was flimmert da so grün und giftig?

Doch nahezu unbemerkt von der wertkonservativen Belegschaft hatten längst eifrige Geister mit dicken Brillen und viel zu engen Hemden durch die Hintertüren allerlei mausgraue Kisten in die Universitäten geschleppt. Die ersten Computer erinnerten stark an billig erworbene Gebrauchtfernseher aus sowjetischer Produktion und flimmerten so giftig und grünlich, das niemand überrascht gewesen wäre, sein Röntgenbild auf die gegenüber liegende Wand projiziert zu sehen.

Prähistorisches Gerät: Commodore C64, auch als "Brotkasten" bekannt
Foto: GMS

Prähistorisches Gerät: Commodore C64, auch als "Brotkasten" bekannt

Kühne Geister, die damals prophezeiten, dass man in weniger als zwei Jahrzehnten ohne diese Apparate nicht einmal mehr ein Buch ausleihen würde können, wurden hämisch ausgelacht. Und anschließend eilends exmatrikuliert.

Professoren und Studenten dürsteten also nicht gerade nach revolutionären Neuerungen. Zusätzlichen Argwohn weckten zudem die ersten Nutzer dieser neuartigen Geräte: keine normalen Akademiker mit Schurwollpulli und wallender Außenlocke, die Anfang der Achtziger geistige Freiheit symbolisieren sollte, sondern die zumeist leichenblassen und überaus nachlässig frisierten Informatik-Studenten der ersten Stunde. Die saßen den lieben langen Tag vor den Computern, tippten schier endlose Zahlenreihen und Befehle in die Rechner und kicherten zur Untermalung ihres rätselhaften Tuns auch noch heiser und geheimnisvoll.

Solches Freimaurertum verschreckte den Rest der Universitätsgesellschaft nachhaltig. Hinzu kam die damals sehr verbreitete These, dass bereits ein einziger versehentlicher Tastendruck an der Universität-Gesamthochschule Kassel den versehentlichen Start sämtlicher amerikanischen und russischen Atomraketen auslösen konnte. Einmal zu lange "Shift" gedrückt, schon drohte unausweichlich der Dritte Weltkrieg.

Das Geheimwissen der Aufsichtsstudenten

Die Hochschullehrer ließen also besser die Finger von der Tastatur und konnten sich auch unter dem Versprechen, bald elektronische Post an ihre Kollegen und Studenten versenden zu können, nicht zu viel vorstellen. Wie sollte das denn gehen, fragten die Dozenten höhnisch, so ganz ohne Briefmarke?

Doch im Laufe der Jahrzehnte erwiesen sich auch die Universitäten in Maßen als reformfähig, was in der Einrichtung so genannter Rechenzentren mündete. Unwirtliche Mehrzweckhallen, die oft auch geheimnisvoll "CIP-Pool" genannt wurden, was immer das heißen mochte. Das normalsterbliche Hochschulpersonal durfte die heiligen Räume ohnehin erst nach einem ausführlichen Einführungskurs benutzen.

Hatten die Studenten und Privatdozenten dann den Vortrag des lispelnden Informatik-Studenten überstanden, durften sie sich endlich an die Rechner setzen und eigene Texte eintippen. Doch wehe, es verhakte sich etwas im Rechner und es ging nicht vorwärts und rückwärts auf dem Bildschirm, trotz krampfartiger Betätigung der Maustaste.

Dann drohte der demütige Gang nach Canossa, zum wissend grinsenden und obligatorisch pferdebezopften Aufsichtsstudenten. Der kam dann im Bewusstsein seine unendlichen Weisheit und Intelligenz in Zeitlupe angeschlurft, schaute zunächst psychologisch geschickt auf den Bildschirm und stöhnte auf: "Was haben Sie denn da angerichtet?" Um dann mit blitzschnellen Geheimgriffen auf der Tastatur die Hemmnisse auf dem Bildschirm zu beseitigen.

Verdammt, schon wieder Passwort vergessen

Wohlweislich verzichtete er allerdings darauf, dem Novizen zu erklären, wie denn solches Missgeschick in Zukunft zu vermeiden sein könnte. Schließlich wird seit vielen Jahrhunderten die unendliche Weisheit und Intelligenz nur von Informatikstudent zu Informatikstudent weitergegeben.

Auf den Chip gekommen: Auch die Unis haben aufgerüstet
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Ein Zeitsprung: Wenige Jahre später stand plötzlich in jeder verwohnten Studenten-Bude ein Computer. Doch vergebens die heimliche Hoffnung, das Gerät führe zu einer Beschleunigung des Studiums. Der Nachwuchs nutzte die technischen Neuerungen nur, um sich Dinge aus dem Internet herunterzuladen, die sonst nur erwachsene Männer hinter dem Kordelvorhang in der Videothek zu sehen bekommen.

Zugleich rüsteten auch die professoralen Dienstzimmer langsam auf. Doch auch auf die Dozenten lauerten neue Schwierigkeiten: Denn nun mussten sich die Hochschullehrer neben der Geheimzahl der EC-Karte auch noch geheime Passwörter für den Zugang an die eigenen Computer merken. Und weil sich gerade Professoren so vieles merken müssen, entfiel manch einem das Passwort gleich wieder, worauf er erst ins Hochschulrechenzentrum eilen musste, um dort das sicherheitshalber hinterlegte Passwort zu erfahren. Es hieß in Erinnerung an den heimischen Kosenamen des Hochschullehrers "Mausezahn".

Heute nun kann die Schreibmaschine samt Farbband in technischen Museen bestaunt werden, auch Dekanats-Sekretärinnen halten Links nicht mehr für eine radikale Studentengruppierung im Internet. Und Professoren verkünden lässig, wenn man um einen Sprechstundentermin zur Abgabe seines Thesenpapiers bittet: "Schicken Sie es mir doch per Mail." Und ganz ohne Briefmarke.



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