Akademischer Exodus Privat-Profs flüchten an Staats-Uni

Die European Business School in Oestrich-Winkel verzeichnet Fluchtbewegungen. Sämtliche Immobilien-Lehrstühle stehen vor einem Wechsel an die staatliche Uni Regensburg. Für die private Manager-Hochschule geht es um ein Aushängeschild - und um viel Geld.

Von Alexander Ross


Immobilien heißen so, weil sie unbeweglich sind. Als ziemlich mobil hingegen erweisen sich die Professoren des Departments for Real Estate der privaten European Business School (EBS) aus Oestrich-Winkel im hessischen Rheingau. In den alten Gemäuern von Schloss Reichartshausen hängt der akademische Haussegen schief: Die Lehrstühle mit bis zu fünf Professoren um Institutsgründer Karl-Werner Schulte, 59, bereiten ihren Wechsel an die Universität Regensburg vor.

Vorlesung an der EBS: Schlachtung der Cash-cow?
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Vorlesung an der EBS: Schlachtung der Cash-cow?

Schulte plant bereits mit der Uni-Leitung um Regensburgs Rektor Alf Zimmer, zum Wintersemester die gemeinsame Arbeit aufzunehmen. Der Streit soll aber nicht auf dem Rücken der Studenten ausgetragen werden: Für die Studenten, die jetzt im achten Semester auf ihre Prüfungen zusteuern, sollen wie für ihre nachfolgenden Kommilitonen "einvernehmliche Lösungen" bei Prüfungen und Credits gefunden werden.

Mit Schulte, seit 1975 an der EBS, geht nicht irgendwer. Er gilt als herausragender Vertreter seines Faches mit internationaler Anerkennung bis hin nach Harvard. Schulte bildete eine Generation von Immobilienökonomen aus, seit 1994 auf einem Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre. Die EBS-Immobilienexperten rangieren einer US-Studie zufolge auf Platz 2 in ganz Europa, hinter der englischen University of Reading. Schulte selbst ist Ehrenmitglied der seit zwei Jahrhunderten bestehenden "Royal Institution of Chartered Surveyors" in London.

In Regensburg treffen die EBS-Professoren auf ein besonderes Umfeld. Dort stiftete der Unternehmer Hans Vielberth vor drei Jahren zusammen mit der Commerzbank-Tochter Eurohypo rund zehn Millionen Euro für ein "Institut für Immobilienwirtschaft" sowie mehrere Lehrstühle, geleitet von einem früheren Schüler Schultes. Bayern will hier die Immobilienökonomie konzentrieren. Mit den EBS-Professoren besteht die Chance, ein einmaliges Lehr- und Forschungsangebot zu etablieren.

Die Akademie bringt ordentlich Geld

Bereits jetzt biete man den Bachelor mit Schwerpunkt Immobilien an, so Regensburgs Prorektor Professor Armin Kurz, "auch der Master of Science in Real Estate kommt". An der EBS hingegen sprach sich eine Mehrheit innerhalb der Hochschulgremien gegen einen spezialisierten Masters-Degree für Immobilienwirtschaft aus - für Schulte, seine Stifter und Sponsoren der Wink mit dem Zaunpfahl: Das Geld wird genommen, aber das Fach bleibt akademisch brotlos.

Doch Schulte ist in der deutschen Immobilien- und Bankenszene bestens verdrahtet. Über eine eigene Stiftung sammelte er in den letzten Jahren beträchtliche Mittel von ersten Adressen in der Branche. Und die von Schulte vor 15 Jahren gegründete EBS-Immobilienakademie ist inzwischen die größte universitäre Einrichtung in Europa für die Weiterbildung in Immobilienberufen. Schulte: "Mein ganzer Bereich finanziert sich selbst durch Stifter und Spenden - von den Studiengebühren sehe ich nichts."

Solch finanzielle Autarkie ist nicht jedermanns Sache, und die Immobilienakademie wurde denn auch "zum Knackpunkt", wie Professor Ulrich Hommel bestätigt, Rektor und Geschäftsführer der European Business School: "Die Marke EBS-Immobilienakademie" gehört uns" - aber die Akademie selbst gehört Schulte, und sie ist fast größer als manche eigenständige Privathochschule.

Vor allem bringt sie ordentlich Geld herein. Aus seiner Tätigkeit seit der Lehrstuhlübernahme 1994 habe er gut vier Millionen Euro an die EBS abgeführt, sagte Schulte SPIEGEL ONLINE: "Wo gibt’s denn das - ein Professor, der sich selbst verdient und noch jedes Jahr vier- bis fünfhunderttausend Euro an die Hochschule abführt?"

Warum schlachtet man eine solche cash-cow? Für die EBS-Leitung wurde die Eigentümerstruktur zur Machtfrage, als es um die Akkreditierung der Hochschule durch EQUIS ging, das "European Quality Improvement System". Zwar bescheinigte eine EQUIS-Vorprüfung Schultes Studienangebot bereits ein hohes Maß an Internationalität. Doch neben der Qualität wird auch die praktische Organisation der Hochschulen geprüft, etwa ob alle Abschlüsse, die den Namen einer Hochschule tragen, auch ihrer direkten Kontrolle unterliegen. Für Hommel ist das in der bisherigen Struktur nicht zu machen. Doch für eine Übernahme der Akademie kam man nicht zusammen, es schieden sich die Geister.

Minderheit an einer Goldgrube statt Mehrheit an nichts

Ohne renommierte Akkreditierung durch EQUIS oder die amerikanische AACSB wird es schwer für die EBS, in einer globalisierten Managersusbildung für Studenten wie deren künftige Arbeitgeber weiterhin attraktiv zu bleiben. Der strengen EQUIS-Begutachtung unterzogen sich bereits fast 100 führende Business-Schools aus aller Welt mit Erfolg. In Deutschland jedoch gelang das bislang nur den BWLern der Universität Mannheim und der Privathochschule WHU in Koblenz - auch die hochgejazzte Konzern-Hochschule ESMT in Berlin ist davon weit entfernt.

Teuer könnte der gewünschte Eintritt in die Oberliga der Business-Schools für die EBS durch den Verzicht auf das hochprofitable Aushängeschild schon werden. Karl-Werner Schulte hatte die ebenfalls teure Aussicht, nicht mehr Herr in der von ihm aufgebauten Akademie zu sein - oder für sein Fach Immobilienwirtschaft eine neue Heimat zu suchen.

Der Universitätsstiftung der bayrischen Hochschule, so Schulte, hat er bereits eine Beteiligung an der Immobilienakademie angeboten - das "sichert den Bestand", zumal die Regensburger nicht auf die Mehrheit pochen. Für Beobachter aus der Frankfurter Bankenszene agiert die staatliche Uni dabei besser als die Business-School: "Lieber die Minderheit an einer Goldgrube als die Mehrheit an nichts."

Wie die wahrscheinlich abwandernden Mittel ersetzt werden sollen, muss Hommel nicht mehr lösen - er scheidet im September aus der EBS-Führung aus, um sich wieder mehr seiner Professur zu widmen. Dass es durch einen Wegfall des bisherigen Geldsegens aus dem Immobilien-Lehrbereich finanzielle Probleme an der EBS geben könnte, schließt Hommel hingegen aus: "Wir wirtschaften solide und werden wie jedes Unternehmen geprüft".

Wer allerdings mehr darüber erfahren möchte, findet nicht gerade viel. Der letzte beim Amtsgericht Rüdesheim hinterlegte Jahresabschluss der EBS stammt aus dem guten Weinjahr 2001.



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