Als Gaststudent in Israel Achtung, jetzt wird's koscher!

Die Fallstricke für einen deutschen Studenten in Israel sind zahllos. Wie reagiert man zum Beispiel beim WG-Casting auf Reizthemen, was bleibt besser außen vor? UniSPIEGEL-Kolumnist Markus Flohr hat's ausprobiert.

Markus Flohr

Der Held aus dem Roman von Markus Flohr ist gerade angekommen in Israel, ein gutes Jahr will er dort studieren. Und was machen Studenten, die neu sind? Zimmer suchen, in einer WG. Und das ist im heiligen Land mindestens so schwierig wie in Hamburg oder München - besonders, wenn die Küche koscher ist. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht den zweiten Auszug aus dem Buch "Wo samstags immer Sonntag ist".

Am Abend des vierten Tages stellte ich mich in einer WG im Süden der Stadt vor. Viel zu weit weg von der Uni, eine halbe Stunde mit dem Bus, quer durch Jerusalem. Bei allem, was besser lag, war ich abgeblitzt.

Drei junge Leute öffneten mir: Joel, Ruth und Simson. Joel und Ruth waren jüdische Amerikaner, zum Studieren nach Israel ausgewandert, Juristen. Simson war in Jerusalem geboren.

Er hatte einen Platz an der Bezalel-Kunsthochschule - erst war er zweimal mit seiner Bewerbung gescheitert, aber jetzt studierte er endlich Film und Fotografie. Das erzählte er mir noch in der Tür. Alle drei waren etwa so jung wie ich, vielleicht ein, zwei Jahre älter.

Er sei "observant", sagte Joel über sich. Er trug eine Kippa. Zunächst wusste ich nicht, was er mir damit sagen wollte. Jetzt weiß ich es. "Observant" ist Englisch und heißt auf Deutsch: Joel war religiös. Er versuchte, so viele der 613 Gebote Gottes einzuhalten wie möglich. Das komplette Haus war also koscher.

"Hallo", sagte Ruth.

"You are Jewish?", fragte Simson.

Das WG-Casting: Was willst du überhaupt in Israel?

"No." "But your nose!" In der Küche gab es alles zweimal: zwei Öfen, zwei Sätze Besteck, zwei Sätze Teller, Pfannen und Töpfe. Überall klebten kleine Sticker mit hebräischen Schriftzeichen. Die wichtigste Regel: Fleisch und Milch trennen.

"An das Kaschrut müssen wir uns alle halten", sagte Ruth.

"Kaschrut?" "Kaschrut, alles koscher, weißt du? Keine Angst. Das lernst du schon. Sonst haben wir auch Literatur zu dem Thema." Sie deutete auf ein Regal an der Wand, das mit Büchern vollgestopft war, mit englischen, hebräischen und sogar ein paar arabischen. Da Ruth nicht lachte, wusste ich nicht, ob es ein Witz gewesen war oder sie die Sache ernst meinte.

Ich lachte vorsichtshalber nicht und nickte stattdessen.

Simson grinste und klopfte mir auf die Schulter: "Don'täh worrie!" Die Wohnung hatte zwei Etagen, in der unteren waren Küche und Wohnzimmer mit einem großen Fernseher und einer bemerkenswert hässlichen Sitzecke. Die Wände gähnten mir kahl entgegen, nur über dem Sofa hing ein Bild von New York und über dem Bücherregal eine Uhr von Ikea. In der Ecke neben dem Fernseher stand ein Leuchter mit sieben Armen. Eine Schiebetür führte in den Garten, und eine Wendeltreppe drehte sich in den ersten Stock. Oben gab es vier Schlafzimmer und ein Bad.

Ich sagte, dass ich sofort einziehen würde.

"Wir müssen dir noch ein paar Fragen stellen", meinte Ruth.

Wir gingen zur Sitzecke, ich nahm genau gegenüber dem New-York-Bild Platz.

Joel fragte, was ich überhaupt in Israel wolle. Ich sagte, ich wolle studieren. Was ich vorher gemacht hatte? Zivildienst.

Joel: "Ihr habt einen Wehrdienst in Deutschland? Für Frauen und Männer?" "Nein. Nur für Männer." "Wirklich? Warum wolltest du nicht Soldat werden?" "Ich hatte keine Lust zu lernen, wie man Menschen tötet. Schon gar nicht im Namen des Vaterlandes."

"Ja, lustig fand ich den Wehrdienst auch nicht." "Du warst bei der Armee?" "Nicht in den USA. Aber hier, freiwillig." Mist. Falsche Antwort.

Ich suchte Joels Blick, um zu schauen, ob ich es versaut hatte. Er sah echt nicht nach einem Soldaten aus. Er war kleiner als ich, dünner, hatte kurze dunkle Haare, die Kippa auf dem Kopf, Pullover in Grau, Flanellhose. Joel verzog keine Miene, guckte jedoch die ganze Zeit, als habe man ihn gerade beleidigt und als sei er nun kurz davor zu weinen. Also hatte er schon eine Miene, aber die verzog er eben nie. Er war Hauptmieter. Er hatte die Gesprächsleitung.

Er schuf die Fakten.

Ruth wollte wissen, ob ich rauche.

"Nein", log ich.

"Schade", sagte Simson.

"Du weißt, dass du drinnen nicht rauchen darfst?"

Ruth: "Du weißt, dass du drinnen nicht rauchen darfst?" Simson: "Im Garten ist wohl nicht drinnen." Ruth : "Wenn du die Tür nicht richtig zumachst, zieht es rein." Joel fragte noch einmal, ob ich jüdisch sei. Ob ich wirklich glauben würde, dass ich die Küche koscher halten könnte, fragte Ruth.

"Mit eurer Hilfe, sicher." Simson fragte, ob ich gerne Fußball spiele - "Ja!" "Gut. Das ist viel wichtiger als die Küche." Joel seufzte.

Simson passte so gut zu Ruth und Joel wie Kurt Cobain in den Ortsverein der Jungen Liberalen in Bonn-Bad Godesberg.

Er war groß, breit gebaut, hatte ein Gesicht, das ständig lachte, einen Quadratkilometer Haare auf dem Kopf, die er mit einem Gummiband zusammenschnürte.

Er trug meistens nur ein T-Shirt ("So kalt ist es doch gar nicht, hör mal, wir sind im Nahen Osten"), das ganze Jahr Sandalen ("Sonst bekomme ich Fußpilz") und eine Jeans mit lauter Löchern ("Für die Durchlüftung"). Er versuchte aus allem einen Witz zu machen.

Joel zog ein paar Zettel hervor, Rechnungen, auf Hebräisch.

Er zeigte mir einen nach dem anderen. Der sei für den Strom und der für das Wasser. Er übersetzte ganze Passagen.

Ich nickte. Und nickte. Simson schnaubte verächtlich.

Es sagte etwas zu Joel auf Hebräisch. Es klang nicht nett, sie diskutierten. Ich sah in Joels Gesicht und machte mir Sorgen, dass er gleich zu heulen beginnen könnte.

"Benimm dich mal"

Nach einer kleinen Pause fuhr er fort, mir die Geheimnisse der israelischen Stromversorgung zu erläutern. Simson stöhnte genervt, nahm sich eine Zeitung und kratzte sich im Schritt. Ruth fuhr ihn an, auch auf Hebräisch, sodass ich nicht verstand, was sie sagte, doch es war so etwas wie: "Benimm dich mal." Joel legte mir einen Zettel hin, am unteren Ende stand ein Betrag, ich rechnete kurz und sagte : "Okay." Billig war es nicht. Aber ich hatte ein Zimmer. Ein echtes.

"Bitte hier unterschreiben." Ich nahm einen Kuli in die Hand.

"Nein! Nicht unterschreiben!", schrie Simson plötzlich.

"Jetzt hast du dich und deine Familie auf Hunderte von Jahren zu Holocaust-Reparationszahlungen verpflichtet, Oi va voi! Haha!" Mein Kinn klappte herunter wie eine Zugbrücke. Dieser Witz war mir peinlich. Ich muss geguckt haben wie ein Zwölfjähriger, der die Nachbarsfrau nackt im Garten herumlaufen sieht. Ruth schüttelte ihre Locken hin und her.

"Das ist nicht witzig, Simson. Ganz und gar nicht." Simson hielt sich den Schritt vor Lachen. Er fand sich prima. Joel stand auf und schrie.

"You are such a schmock! Such a disgusting punk!" Er trat Simson gegen das Schienbein. Simson trat zurück.

Joel schrie: "Aaaaah!" Er hielt sich das Knie, sein Gesicht war vom Schmerz verzerrt. "Stop it! Du hast meine Kniescheibe zertrümmert!" Ruth: "Soll ich einen Arzt rufen?" Simson lachte über Joel. "Ant-äh, iu, iu arr satsch ä puussi."



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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
LeisureSuitLenny 20.02.2011
1. Religionen
Ich finde solche Artikel unerträglich. Die Menschheit sollte sich mit stark zunehmender Geschwindigkeit von Religionen wegentwickeln. Und nicht verzückt-neugierig auf sie schauen als gäbe es da irgendetwas was man sich nicht seit dem Mittelalter denken kann. Religionen aller Art sind heute wieder auf dem Vormarsch und sorgen weiterhin für viel Leid und Tod auf der Welt. Ich finde man muss dies klar als evolutionären Rückschritt herausstellen und thematisieren.
Raproboter 20.02.2011
2. unerträglich.
Zitat von LeisureSuitLennyIch finde solche Artikel unerträglich. Die Menschheit sollte sich mit stark zunehmender Geschwindigkeit von Religionen wegentwickeln. Und nicht verzückt-neugierig auf sie schauen als gäbe es da irgendetwas was man sich nicht seit dem Mittelalter denken kann. Religionen aller Art sind heute wieder auf dem Vormarsch und sorgen weiterhin für viel Leid und Tod auf der Welt. Ich finde man muss dies klar als evolutionären Rückschritt herausstellen und thematisieren.
Lenny hat recht, man sollte diesen Hinterwäldlern ihre Religiösität endlich autreiben! Am besten sperren wir alle in ein Lager, wo Sie dann mal genug Zeit zum nachdenken haben. Und wer beim Beten erwischt wird wird mit mehreren Kapiteln aus Stephen Hawkings 'Eine Kurze Geschichte der Zeit' gefoltert! Ganz ehrlich, ich finde Menschen (Fundamentalisten) wie Sie unerträglich un ich glaube ihre Meinung stellt einen evolutionären Rückschritt dar. Wo sind denn ihre empirischen Belege für den'Vormarsch der Religionen'? Ein (wirklich nett zu lesender) Bericht eines Austauschstudenten in Israel? Schon mal drüber nachgedacht, dass es sich möglicherweise genau andersrum verhält, und sich Religion aus Gewalt, Leid und Hoffnungslosigkeit entwickelt? Ich sage nicht das das immer stimmt, aber ich bin überzeugt, dass die Welt komplizierter ist also ihre Religion=Böse Gleichung. Warum tue ich mir solche Diskussionen eigentlich immer wieder an? Wahrscheinlich fehlt mir ein Gott/ Sinn im Leben :-D.
W1nston, 20.02.2011
3. ...
Nicht Religionen sorgen für Leid und Tod auf der Welt, was Sie meinen sind Menschen die Religionen ausnutzen um weltliche Macht auszuüben. Religion als Druckmittel der Herrschenden - von Kreuzzügen bis zu islamistischen Selbstmordattentätern. Sämtliche Religionen fordern im Grunde: Nächstenliebe, Verzicht auf weltliche Macht und Güter und Toleranz auch gegenüber Andersgläubigen (Ja, auch der Islam auch wenn's viele in diesem Forum nicht glauben wollen) Am meisten menschenverursachtes Leiden und Tod und Sterben kommt meiner Meinung nach durch die entstandene Ersatz-"Religion" des rücksichtslosen Kapitalismus zustande: Für Profitmaximierung, Machtgewinn oder auch nur einen luxuriösen Lebensstandard gehen Menschen über Leichen (wissentlich oder unwissentlich). Religionen werden und wurden ausgenutzt um im Zuge dessen die breite Masse zu beeinflussen und zu lenken. *Das* ist der Vormarsch der heute wieder stattfindet. Die Menschen sollten sich nicht von ihren Religionen wegentwickeln sondern von Medien und Mächtigen die ihnen (fremde und eigene) Religionsbilder aufdrücken wollen. Und sie sollten sich zu den ethisch-moralischen Wurzeln ihrer Religion zurückbesinnen.
Gandhi, 20.02.2011
4. Schoen geredet
Zitat von W1nstonNicht Religionen sorgen für Leid und Tod auf der Welt, was Sie meinen sind Menschen die Religionen ausnutzen um weltliche Macht auszuüben. Religion als Druckmittel der Herrschenden - von Kreuzzügen bis zu islamistischen Selbstmordattentätern. Sämtliche Religionen fordern im Grunde: Nächstenliebe, Verzicht auf weltliche Macht und Güter und Toleranz auch gegenüber Andersgläubigen (Ja, auch der Islam auch wenn's viele in diesem Forum nicht glauben wollen) Am meisten menschenverursachtes Leiden und Tod und Sterben kommt meiner Meinung nach durch die entstandene Ersatz-"Religion" des rücksichtslosen Kapitalismus zustande: Für Profitmaximierung, Machtgewinn oder auch nur einen luxuriösen Lebensstandard gehen Menschen über Leichen (wissentlich oder unwissentlich). Religionen werden und wurden ausgenutzt um im Zuge dessen die breite Masse zu beeinflussen und zu lenken. *Das* ist der Vormarsch der heute wieder stattfindet. Die Menschen sollten sich nicht von ihren Religionen wegentwickeln sondern von Medien und Mächtigen die ihnen (fremde und eigene) Religionsbilder aufdrücken wollen. Und sie sollten sich zu den ethisch-moralischen Wurzeln ihrer Religion zurückbesinnen.
und in Vielem muss ich Ihnen auch zustimmen, doch kommt man nicht darum zu beachten, wie Religionsgemeinschaften organisiert sind. Solche, die aehnlich einer Diktatur die Glaeubigen manipulieren, sind wohl kaum der Naechstenliebe verpflichtet. Da geht es um Macht, nichts als Macht. Die Ideale sind nur vorgeschoben.
speculum strigidarum 20.02.2011
5. Lieber Autor,
obwohl Nichtjude, haben Die den jüdischen Humor wohl in Kürze perfekt aufgesogen. Ich habe bei der Imitierung des "isra-englisch" herzlich gelacht. Genauso klingt es, oi va voi!
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