Amerikanische Eliteunis Codes für den Eingang

Die nobelsten US-Unis sind Magneten für Studenten aus aller Welt. Die Kandidaten müssen auffallen, sonst haben sie keine Chance. Einser-Abiturient Alfred Dersidan, 18, gelang der Sprung nach Stanford. Auf SPIEGEL ONLINE schildert er den Bewerbungsmarathon.


Die Pisa-Studie und das mäßige Abschneiden deutscher Universitäten in weltweiten Rankings haben die Debatte um die Förderung der besten Schüler und Studenten befeuert. Erste zaghafte Regelungen erlauben es den Hochschulen, neben der Abiturnote weitere Kriterien wie studienfachbezogene Tests in die Aufnahmeentscheidung einzubeziehen. Dagegen ist der Ausleseprozess an amerikanischen Eliteunis ein wahrer Marathon.

Überflieger Dersidan: Zusage von fünf Nobel-Unis
WESTFALEN-BLATT

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Viele Faktoren spielen dabei eine Rolle - Schulnoten, Testergebnisse und Essays, die Nationalität eines Bewerbers und der Beruf der Eltern. Wer als Abiturient an einer der besten US-Universitäten reüssieren will, braucht vor allem zweierlei: Ausdauer und Fleiß. Denn der gesamte Prozess umfasst mindestens ein Jahr und muss sorgfältig geplant werden, um alle Hürden erfolgreich zu überspringen.

Jede Universität hat spezielle Bewerbungsunterlagen, die man in der Regel auf der Homepage herunterladen und ausdrucken kann. Seit Jahren gibt es Bemühungen zur Vereinheitlichung, und einige Hochschulen, darunter Harvard, setzen inzwischen auf die Common Application, ein gemeinsames Bewerbungspaket mehrerer Unis. Die meisten Unis der Ivy League benutzen aber weiterhin eigene Formulare oder verlangen Zusatzdokumente zur Common Application. Somit muss der Bewerber für jede Uni Unterlagen ausfüllen - oft mit einem Papierverbrauch von 30 Seiten.

In erster Linie bekommt der Bewerber die Möglichkeit, seine akademischen Leistungen darzustellen. Schon trennt sich die Spreu vom Weizen. Denn außergewöhnliche Schulnoten sind für die Aufnahme notwendig, reichen aber keineswegs aus: 90 Prozent der Bewerber sind nach Aussage der Unis intellektuell fähig, ein Elitestudium zu meistern. Aber nur zehn Prozent werden an den selektivsten Hochschulen - Harvard, Stanford, Yale und Princeton - angenommen.

"Man muss sich irgendwie aus der Masse abheben"

Um sich gute Chancen ausrechnen zu dürfen, müssen Bewerber ein Profil auf nationaler Ebene vorweisen. Erfolgreiche Bewerber erreichen zum Beispiel hervorragende Plazierungen bei Bundeswettbewerben, werden von nationalen Studienstiftungen gefördert oder nehmen an prestigeträchtigen Symposien und Akademien teil. Nur durch derartige Spitzenleistungen ist es überhaupt möglich, in einem Pool voller intelligenter und ambitionierter Kandidaten aufzufallen.

Stanford University: Knallharte Auslese
AP

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"Das Aufnahmekomitee sucht nach Gründen, einen Bewerber zuzulassen - nicht nach Gründen, ihn abzulehnen. Deshalb ist es so wichtig, sich irgendwie aus der Masse abzuheben", berichtet Michele Hernandez, die lange am Dartmouth College Bewerbungen bewertet hat und nun eine private College-Beratung führt.

Im zweiten Teil der Bewerbungsunterlagen geht es um außerschulische Aktivitäten des Bewerbers. Dem sportlichen, sozialen oder musikalischen Engagement kommt in den USA viel mehr Bedeutung zu als an deutschen Hochschulen. Dahinter steht der Wunsch, bloße Bücherwürmer, die außerhalb des Klassenraums keine Interessen verfolgen, zu identifizieren und abzulehnen.

Chuck Hughes, ehemaliger Mitarbeiter der Aufnahmestelle von Harvard, betont, dass die Unis "Führungspersönlichkeiten für das 21. Jahrhundert" ausbilden wollen. Ob der Bewerber nun im Debattierklub ist oder Klavier spielt, ist nicht entscheidend. Es gilt der Grundsatz: Qualität geht vor Quantität. Die Hochschulen suchen "leadership potential", also die Fähigkeit, andere bei der Erreichung eines Ziels anzuleiten, Aufgaben zu delegieren und Verantwortung zu übernehmen.

Für solche Talente gibt vielerlei Indizien: Wenn ein Mannschaftskapitän sein Team zu Höchstleistungen motiviert, zeigt er ebenso Führungspotenzial wie das Latein-As, das eine Nachhilfegruppe für schwächere Schüler leitet. Das macht einen Bewerber zusammen mit erstklassigen Leistungen attraktiv für Aufnahmekomitees.

Mit Essays können Bewerber punkten

Außer als Brutstätten für die künftige Elite sehen sich Stanford & Co. auch als Zentren der Innovation - und erwarten kreatives Denken als Schlüsselkompetenz. Essays sollen die Art des Bewerbers, zu mehreren Themen einen Standpunkt zu beziehen und sinnvoll zu untermauern, auf innovatives Potential überprüfen. Zudem sollen die Interessenten darstellen, warum sie gerade an diese Uni wollen - zum Beispiel bestimmte Kurse oder Professoren, nicht etwa das "gute Wetter" oder die "netten Leute". Von zwei gleichwertigen Kandidaten wird gewinnen, wer die besseren Gründe für seine Uni-Auswahl vorbringt. Und die besseren Gründe sind die detaillierten.

Alfred Dersidan
hat im Mai am Paderborner Theodorianum, einem der traditionsreichsten deutschen Gymnasien, sein Abitur mit 830 von 840 möglichen Punkten (Note 1,0) abgelegt. Der Sohn eines Rumänen und einer Deutschen erreichte beim Bundeswettbewerb Fremdsprachen den zweiten Platz in Latein und nahm an der Deutschen Schüler-Akademie teil. Neben der Schule studierte er ab der 10. Klasse an der Fernuniversität Hagen und besuchte regelmäßig Vorlesungen an der Paderborner Uni.

Der 18-Jährige erhielt gleich fünf Zusagen von US-Eliteunis. Im September hat er sein Studium an der Stanford University in Kalifornien begonnen.
Noch haben die Unterlagen und Essays aus Sicht der Hochschulen einen Makel: Sie stammen vom Bewerber selbst. Von einem kompetenten Dritten eingeschätzt werden sie in letters of recommendation - in Englisch verfasste Empfehlungsschreiben von Lehrern, die den Bewerber gut kennen. "Um ihrem Eindruck vom Schüler Ausdruck zu verleihen, machen die Lehrer Kreuzchen in verschiedenen Kategorien wie Intelligenz, Ehrgeiz, Motivation, wobei die möglichen Bewertungen von 'unterdurchschnittlich' bis zu 'eine/r der Besten meiner Karriere' reichen. Die Bewerber können sich selbst noch so hoch loben, werden ihre Aussagen von den Lehrern nicht gestützt, sieht es schlecht aus", schreibt Michele Hernandez in ihrem Ratgeber "A is for Admission". Das Bild eines außergewöhnlichen Kandidaten entsteht also, wenn sich die Selbsteinschätzung des Schülers mit der Bewertung durch den Lehrer deckt.

Die Prozedur ist für alle Bewerber mühsam, für Studienaspiranten außerhalb der USA jedoch noch komplizierter. Zeugnisse müssen übersetzt, Notensysteme erklärt und Wettbewerbe sowie Stipendien mit US-Äquivalenten verglichen werden. Zudem benötigen die meisten Lehrer Hilfe beim Abfassen der Empfehlungsschreiben. Denn sie müssen die Stärken des Kandidaten inhaltlich und sprachlich überzeugend darstellen.

Als weiteres Selektionskriterium dienen standardisierte Aufnahmetests. Der SAT-I-Test beispielsweise ähnelt einer Studieneignungsprüfung der Studienstiftung des deutschen Volkes und verlangt vorrangig logisches und problemlösendes Denken. In drei bis vier Stunden werden die Fähigkeiten in Mathematik und Englisch überprüft. SAT-II-Tests hingegen sind fachspezifisch. Eliteunis verlangen in der Regel drei SAT-II-Prüfungen in verschiedenen Fächern (angeboten wird alles von English Literature über German und Physics bis zu World History). Meist erreichen Schüler, die angenommen werden, ein Resultat nahe der Maximalpunktzahl von 800.

Eine spezialisierte und teure Test-Industrie

Mittlerweile hat sich eine ganze Industrie auf die Testvorbereitung spezialisiert. Die bittere Realität in den USA: Nur vermögende Eltern können sich private Tutoren ab 100 Dollar aufwärts pro Stunde leisten. Schüler mit sozial schwächerem Hintergrund müssen sich auf eigene Faust vorbereiten. Nicht zuletzt deshalb sind Amerikas akademische Top-Adressen bis heute Hochburgen der gebildeten Oberschicht - und werden es wohl auch bleiben.

Sie verfolgen jedoch auch Ziele, die auf politischen Überzeugungen in den USA fußen: Die Eliteunis wollen auf dem Campus einen repräsentativen Anteil von Schwarzen, Mexikanern und anderen Minderheiten, einen Mix an Religionen und Nationalitäten und auch eine angemessene Integration von Homo- und Transsexuellen.

Uni Harvard: Hochburg der Oberschicht
AP

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Im Hintergrund der Aufnahmeprozedur lauern stets die intangibles - Faktoren, die ein Bewerber selbst nicht beeinflussen kann. Möglich, dass ein italienischer Bewerber, der hervorragend Klavier spielt, eine Absage erhält, weil bereits "genug" andere Klavierspieler oder Italiener aufgenommen wurden - zu ähnliche Interessenprofile würden die gewollte Vielfalt verhindern.

Überdies kann ein Kandidat auch scheitern, damit der Platz für einen VIP case frei bleibt. VIPs sind die Kinder wichtiger Politiker, Wirtschaftsbosse oder großzügiger Alumni, deren Präsenz Eliteunis gut für Marketingzwecke nutzen können. Als private Einrichtungen sind sie von Spenden zahlungskräftiger Privatpersonen abhängig und nehmen auch auf deren Interessen Rücksicht.

Letztlich brauchen Bewerber neben den vielen Meriten auch noch etwas anderes, um ihren Studientraum wahr werden zu lassen - Glück. Ein Mitglied des Harvard-Aufnahmeausschusses formuliert das so: "Hier bewerben sich die Klügsten der Welt, aber die Klügsten kommen nicht unbedingt rein."

Von Alfred Dersidan

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