Angehende Geistliche Gott sei bei uns

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Georg Henn, 24: "Manchmal bekomme ich auch Zweifel"


"Kannst dir ja einen hübschen Ministranten suchen" - solche Sprüche hört Georg Henn oft
Georg Henn

"Kannst dir ja einen hübschen Ministranten suchen" - solche Sprüche hört Georg Henn oft

"Katholischer Priester, ein Leben im Zölibat? Ob ich das überhaupt durchhalten würde, fragte mein Vater mich - schließlich hatte ich schon mehrere Freundinnen. Ein bisschen komisch ist es schon für meine Familie. Ich habe aber das Gefühl, dass es Gottes Plan ist. Ich fühle mich zum Priester berufen.

Früher war ich Ministrant, aber mit elf, zwölf Jahren ging es mir wie fast allen: Erst besuchte ich nicht mehr so regelmäßig sonntags den Gottesdienst und irgendwann nur noch an den hohen Feiertagen oder wenn ich Dienst hatte.

Während der Firmvorbereitung fuhr ich nach Taizé. Dort hat ein ökumenischer Männerorden seine Heimat, und es finden internationale Jugendtreffen statt. Zum ersten Mal betete ich bewusst - und zum ersten Mal spielte ich mit dem Gedanken, Pfarrer zu werden.

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Religionsstudenten: Ein Leben für Gott
Nach dem Abi machte ich 2007 ein Freiwilliges Soziales Jahr in Rumänien mit einer Freiwilligenorganisation des Jesuitenordens. Die Zeit hat für meinen Glauben viel bewegt, denn das Land ist sehr christlich geprägt. Fährt eine Straßenbahn an einer Kirche vorbei, bekreuzigt sich mindestens die Hälfte der Fahrgäste.

In Freiburg begann ich nach meinem FSJ mit einem Lehramtsstudium: Spanisch und Katholische Religion. Sehr schnell merkte ich, dass mich Theologie viel mehr interessiert - und ich mehr sein will als nur Religionslehrer. Bald studierte ich nur noch Theologie.

Auch wenn die katholische Kirche Nachwuchsmangel hat: Aufgenommen wird längst nicht jeder. Neben Bewerbung und Motivationsschreiben sind zwei Empfehlungsschreiben, ein Auswahlgespräch und ein zusätzliches Gespräch mit einem Psychologen nötig.

"Ich will nicht alles schönreden"

Ich zog letztes Jahr nach dem Grundstudium ins Freiburger Priesterseminar ein. Das heißt: beinahe täglich Gottesdienste, Mittagsgebete und Spiritualitätsrunden. Außerdem Stimmbildung und eine Predigtausbildung. Zusätzlich haben wir WG-Abende, zu denen wir auch Gäste einladen. Erst gibt's einen geistlichen Teil, dann wird gegessen.

Ich will nicht alles schönreden, manchmal bekomme ich auch Zweifel: Wie erhört Gott meine Gebete? Was kann ich glauben von dem, was in der Bibel steht? Was ist wahr?

Außerdem ist das Zölibat natürlich eine harte Probe: Fast die Hälfte der Priesteranwärter bricht deshalb ab. Vor einem Jahr waren wir zwölf Neulinge, jetzt sind wir noch neun. Wer während der Zeit im Seminar eine Freundin kennenlernt, kann beurlaubt werden und innerhalb eines Jahres zurückkommen. 'Kannst dir ja dann einen schönen Ministranten suchen', solche hämischen Kommentare kommen häufiger. Zumindest meine Freunde meinen das nicht böse.

Ich finde die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche natürlich erschreckend und es tut mir leid für die Opfer, die mit der psychischen Belastung leben müssen. Auch dass die Kirche als Werk Gottes in den Dreck gezogen wurde, ist eine Schande. Die Kirche aber hat Konsequenzen gezogen und setzt Psychologen schon seit Ende der Neunziger auch während der Priesterausbildung ein: Wir müssen alle in mehrstündigen Sitzungen eine Art 'Generalcheck' durchlaufen. Wenn der Psychologe dabei das Gefühl hat, dass noch etwas im Argen liegt, wird zu einer therapeutischen Behandlung geraten.

Ich finde das Zölibat aber auch gut. Denn hätte ich gleichzeitig Frau und Kinder, würde einer der beiden Lebensbereiche leiden. Das möchte ich nicht. Mein Amt wird mich komplett ausfüllen, und ich will ganz für die Leute da sein: Ich bin später quasi Familienvater für eine ganze Gemeinde."

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