Angestaubte Islamwissenschaft "Ziemlich angenervt"

Der 11. September hat der Islamwissenschaft neuen Zulauf gebracht - doch viele Professoren scheren sich nicht um Aktualität. Auf dem Lehrplan steht Textilkunst des islamischen Mittelalters und angestaubte Lyrik.


Als Annabelle Böttcher, 41, erzählte, dass sie ein Seminar zu Muslimen in Berlin anbieten wolle, mahnten ihre Kollegen zur Vorsicht: "Die kommen mit ihren Turbanen hier anmarschiert und übernehmen unser Seminar."

Kein einziger Turban kam in das Institut für Islamwissenschaft der Freien Universität Berlin marschiert. Aber Böttcher kennt die Vorbehalte ihrer Kollegen: "Islamwissenschaftler in Deutschland arbeiten sehr Buch bezogen - möglichst nicht rausgehen und keine Muslime reinholen."

Nach acht Jahren Forschungs- und Lehraufenthalten im Nahen Osten und den USA lehrt Böttcher in Deutschland. Für ihre Habilitation zu islamischen Netzwerken war sie auch auf Gespräche mit Mitgliedern islamischer Vereine und auf das Internet angewiesen. In Deutschland gilt diese Arbeitsweise eher als unseriös - ist aber unabdingbar, so Böttcher: "Für die Forschung zu zeitgenössischen islamistischen Bewegungen gibt es wenig Literatur."

Ihre Habilitationsschrift hat die Islamexpertin abgeschlossen, jetzt bewirbt sie sich auf eine Professur. Stellen mit zeitgenössischem Forschungsschwerpunkt sind jedoch rar. Der wissenschaftliche Nachwuchs habe es in diesem Bereich schwer, an die deutschen Universitäten zu gelangen, räumt Peter Heine, Professor für Islamwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin, ein.

Schweigen im Walde

In deutschen Instituten überwiegt die traditionelle Forschung. "Nach Ereignissen wie dem 11. September ist das natürlich kritisch", gesteht Heine, 58. Während die schockierte Öffentlichkeit nach den Anschlägen auf Pentagon und World Trade Center (WTC) Erklärungen von Experten erhoffte, schwiegen viele Islamwissenschaftler.

Nur wenige arbeiten zum radikalen Islam, immer die gleichen Spezialisten tauchen in Talkshows und Interviews auf. Bei Heine rufen nicht nur ständig die Medien an, sondern auch Politiker. Jüngst bat das Bayerische Kultusministerium um Auskünfte zum radikalen Islam - "in München sei dazu nichts".

Während Geheimdienste und Polizei, das Auswärtige Amt und das Kanzleramt angesichts der terroristischen Bedrohung kräftig Islamwissenschaftler einstellten, gingen die Universitäten fast leer aus. Heine erhofft sich entscheidende Erkenntnisse von seinen Forschungen zur Terrororganisation al-Qaida - wenn er nur mehr Zeit und einen zusätzlichen Mitarbeiter hätte. "Schon vor dem 11. September hätte man wissen können, was diese Leute planen", glaubt der Islamwissenschaftler sogar.

Terrorziel World Trade Center: "Man hätte wissen können, was diese Leute planen"
AP

Terrorziel World Trade Center: "Man hätte wissen können, was diese Leute planen"

Ein britischer Kollege hatte Leserbriefe aus arabischen Zeitungen gesammelt, in denen radikale Muslime gegen die USA und den Westen wetterten. Zeit, um sie auszuwerten, fand der Engländer jedoch nicht. Heute wissen die Forscher: "Da gab es deutliche Zeichen, dass einige Gruppen weitaus radikaler waren als angenommen." Nach dem 11. September tauchten Namen der eifrigen Leserbriefschreiber dann in den Ermittlungsberichten auf.

Die Terroranschläge haben auch bei den Studenten eine neue Welle des Interesses an Islamwissenschaft hervorgerufen. Der akademische Nachwuchs drängelt sich in den Hörsälen. Über 100 sitzen bei Semesterbeginn allein im Arabischkurs für Anfänger an der Universität Bonn, morgens 8.30 Uhr. Vorn mahnt Dozent Abdelkrim Lardi aus Marokko zur Disziplin: "Die Sprache lernt man nur durch Kontinuität, nicht durch Intensität."

"Und dann krachte es"

Die neuen Studenten wollen den islamistischen Terrorismus oder den Krieg in Afghanistan verstehen, mehr über den Nahostkonflikt wissen, später als Diplomaten, Journalisten oder Menschenrechtler arbeiten. Doch in der Uni hören sie von der Lyrik im 8. Jahrhundert - Frustration ist da garantiert. Hannah Heinz, 28, gerade erst im dritten Semester, ist "ziemlich angenervt" vom Lehrprogramm. "Es ist der Aktualität nicht angemessen", moniert sie. Sie hat sich zum vergangenen Wintersemester für Islamwissenschaft in Hamburg eingeschrieben, zwei Tage vor dem 11. September. Für das Fach entschied sie sich, weil die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird und sie steigende Aggressionen befürchtete. "Und dann krachte es gleich."

Während der Orient brodelt, bietet die Islamwissenschaft - zuständig für die Kultur und Geschichte des Vorderen Orient - seit Jahrzehnten nur wenig, was über das traditionelle Programm hinausgeht. An den rund zwei Dutzend Instituten der Islamwissenschaft, Orientalistik, Arabistik oder Iranistik in Deutschland stoßen Studenten auf kuriose Seminartitel: Nutzpflanzen in der arabischen Welt, arabische Grabinschriften oder Textilkunst des islamischen Mittelalters und ihre Materialien, Techniken und Ornamente.

Hang zu alten Schriften

Das Programm treffe wohl nicht gänzlich die Interessen der Studenten, vermutet Rüdiger Seesemann, Dozent an der Bayreuther Uni. Trotz Bomben, Geiselnahmen und Selbstmordanschlägen im Nahen Osten und anderswo "kommt die zeitgenössische Lehre in der Tat eher zu kurz".

Terrorist Osama Bin Laden
DPA

Terrorist Osama Bin Laden

Ein Grund für die Misere ist der Hang zu Schriften, vor allem zu alten. Den Orientalisten "fehlt das Know-how, etwas weg von Texten zu erklären", kritisiert Islamwissenschaftler Ekkehard Rudolph. Märtyrertum und Fundamentalismus ließen sich nicht allein mit dem Koran erklären, "dazu müsste man sich Kassetten von Predigern anhören". So wird die Forschung hierzu vernachlässigt. Vor drei Jahren warnte Rudolph in einem Buch davor, Gewaltpotenziale in der islamistischen Szene zu ignorieren. Das Fach habe auch einen gesellschaftlichen Auftrag. Aber auch heute noch stellt er fest: "Die Wissenschaftler befassen sich eher mit dem humanistischen Islam als mit dem gewaltbereiten."

"Sollen wir Terrorismuskunde machen?"

Dies sieht die Mehrheit seiner Kollegen anders. "Die Grundlagen sind wichtig", erklärt Dozent Axel Havemann den rund 350 Erstsemestern der Islamwissenschaft und Arabistik an der Freien Universität Berlin. Und auch die Hamburger Fachvertreterin Karin Hörner meint: "Die Entwicklung in der Moderne kann nur abschätzen, wer die frühe Zeit kennt." Ebenso protestiert Birgitt Hoffmann, derzeit die einzige lehrende Professorin am Institut für Orientalistik in Bonn: "Sollen wir denn Terrorismuskunde machen?"

Hoffmann ist überzeugt: Das Fach hat sich gewandelt. Die Aktualität werde nicht mehr - wie noch vor 20 Jahren - ausgeklammert. Dennoch räumt sie ein, dass "nicht alle Kollegen die Gegenwart zum Kerngeschäft ihres Faches zählen". Und rechtfertigt es damit, dass an den meisten Instituten nur ein bis zwei Professoren lehren. "Die sind dann Mädchen für alles." Auch sie findet ihr Angebot am Bonner Institut zu klein, würde gern etwas zu Afghanistan anbieten. "Aber das ist eine Kapazitätsfrage." Großer Zulauf, zwei Professorenstellen, von denen eine derzeit vakant ist, keine Assistenten und keine Besserung in Sicht: "Da ist es schwierig, aus dem Nichts etwas anzubieten." Wer jahrelang zu Nordafrika geforscht hat, könne nicht eben zum Afghanistan-Experten umsteigen. Grundlagen vermitteln, Prüfungen abnehmen und Sprachkurse erteilen - da bleibe kaum Zeit für anderes.

Nur einige wenige Orientwissenschaftler zeigen, dass sie auch in dieser Welt leben und in der Lehre auf Terror und Fundamentalismus reagieren können. In Bayreuth, einem der kleinsten Institute in Deutschland, befasste sich Dozent Seesemann im Sommer mit militanten Islamisten und suchte nach den Hintergründen des Terrorismus. Zu platt sind ihm die Erklärungen, der Glaube an Allah sei friedlich oder man müsse zwischen Muslimen und Islamisten unterscheiden. Er fragte, wie sich die Gewalt im Islam legitimiert und schaffte sich damit "für Bayreuther Verhältnisse ein überfülltes Seminar": Wo sonst nur 5 sitzen, kamen 15 Wissbegierige - mehr als derzeit im Hauptfach eingeschrieben sind.

MICHAELA LEHMANN



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