Anti-Bachelor "Von vorne bis hinten Murks"

Marius Reiser will nicht länger Hochschullehrer sein. Aus Protest gegen Bachelor und Master hat er seine Professur aufgegeben. Im Interview erklärt der Mainzer Theologe, warum er die "Abschaffung der Universität" nahen sieht - und was Mahatma Gandhi damit zu tun hat.


UniSPIEGEL: Professor Reiser, fehlt es den deutschen Hochschullehrern an Courage?

Reiser: Ja, ohne Zweifel. Sie lassen sich Dinge gefallen, die sie sich nicht gefallen lassen müssten. Sie sehen einfach widerstandslos zu, wie mit dem Diplom ohne Not ein Studienabschluss abgeschafft wird, um den wir weltweit beneidet werden. Dafür fehlt mir jedes Verständnis.

UniSPIEGEL: Sie klingen, als ginge es um den Untergang des Abendlands, nicht um die Reform von Studiengängen.

Reiser: Es geht um die Abschaffung der Universität.

UniSPIEGEL: Übertreiben Sie da nicht etwas?

Reiser: Nicht im Geringsten. Wenn man all das abschafft, was eine Universität ausmacht, dann schafft man die Universität selbst ab. Die Universität war bisher autonom, und ihr Ziel hieß Bildung. Jetzt wird sie abhängig von den Vorgaben der Wirtschaft. Es geht nicht mehr um Bildung, sondern nur noch um Ausbildung. Der Student kann nicht mehr selbst wählen, welche Schwerpunkte er im Studium setzen will, sondern er bekommt, wie in der Schule, alle Inhalte haarklein vorgeschrieben und in einen engen Stundenplan gepresst. Das ist das Ende der akademischen Freiheit. Daran will ich mich nicht beteiligen.

UniSPIEGEL: Die Umstellung auf Bachelor und Master soll Studienabschlüsse europaweit vergleichbar machen und den Uni-Wechsel im Studium erleichtern. Das sind doch hehre Ziele.

Reiser: Die stehen aber nur auf dem Papier. Wenn man wirklich vergleichbare Abschlüsse haben wollte, müsste man alle Universitäten gleich gestalten. Alle müssten die gleichen Disziplinen und die gleiche Personalausstattung haben, überall müssten die genau gleichen, langweiligen Inhalte gelehrt werden. Eine furchtbare Vorstellung! Und Universitätswechsel werden durch den Bachelor-Studiengang sogar noch erschwert, weil die Stundenpläne so starr und eng sind. Viele Studierende werden sich angesichts des großen Pflichtprogramms gar nicht mehr trauen, während des Studiums ins Ausland zu wechseln.

UniSPIEGEL: Gerade die Diplom-Studiengänge, die Sie retten wollen, sind aber heute oft schon stark verschult.

Reiser: Sie sind es vor allem an den Fachhochschulen. Dort ist das ja auch in Ordnung. Aber doch bitte nicht an den Universitäten, wo eine Bildungselite an die Wissenschaft herangeführt werden soll. Wissenschaft heißt, selbständig denken, argumentieren und urteilen zu lernen, nicht, vorgegebenen Lernstoff für Prüfungen zu pauken.

UniSPIEGEL: Glauben Sie nicht, dass kluge Studenten es auch künftig schaffen werden, links und rechts des vorgeschriebenen Lehrstoffs interessante Inhalte aufzuspüren?

Reiser: Es wird viel, viel schwerer. Denn es soll ja auch ständig Prüfungen geben, in denen der Stoff gleich wieder abgefragt wird. Dadurch entsteht übrigens auch für die Hochschullehrer ein riesiger Verwaltungs- und Korrekturaufwand. Mir persönlich bliebe in einem solchen System kaum noch Zeit für gründliche Forschung.

UniSPIEGEL: Wovon wollen Sie, nach 18 Jahren an der Hochschule, künftig leben?

Reiser: Ich bin ein genügsamer Mensch, ich habe kein Auto und keinen Fernseher. Ich werde die Zeit nutzen, um ein Buch zu überarbeiten, und hoffe, dass ich den einen oder anderen Vortrag halten kann.

UniSPIEGEL: Enttäuscht es Sie, dass keiner Ihrer Kollegen Ihrem Weg gefolgt ist?

Reiser: Nein, das würde ich von niemandem verlangen. Viele, die positiv auf meine Ankündigung reagiert haben, müssen eine Familie ernähren oder haben andere Verpflichtungen. Unverständlich ist mir aber, dass etliche Kollegen nicht einmal den Widerstand leisten, den sie ohne jedes Risiko leisten könnten. Wenn früher die Aufforderung kam, eine kurzfristige Stellungnahme zu Studiengängen oder Prüfungsordnungen abzugeben, hat der Dekan zurückgeschrieben, wir brauchten dafür Zeit und würden Bescheid geben, wenn wir fertig sind. Damit hätte man auch die unsinnigen neuen Verordnungen für lange Zeit auf Eis legen können. Stattdessen aber wird heute allen Aufforderungen sofort gehorsam Folge geleistet.

UniSPIEGEL: Sie haben die Studierenden aufgerufen, sich zu wehren, und an Mahatma Gandhi erinnert. Ging es nicht auch eine Nummer kleiner?

Reiser: Gandhi habe ich nur wegen der Methoden erwähnt, mit denen ein demokratischer Widerstand möglich wäre. Die Studierenden erkennen langsam selbst, was auf sie zukommt und dass sie zu einem Studienabschluss gezwungen werden, mit dem sie später kaum etwas anfangen können. Mit einem Bachelor können sie ja nicht einmal Grundschullehrer werden!

UniSPIEGEL: Mit Ihrem Ausscheiden aus der Universität geben Sie aber auch die Chance auf, die Schwächen des Systems zum Wohle Ihrer Studenten auszugleichen.

Reiser: Zu verbessern gibt es da nichts. Das System ist von vorne bis hinten Murks. Wenn man wenigstens erst einen Modellversuch gemacht und das System an ausgesuchten Hochschulen ein paar Jahre lang erprobt hätte, dann hätte man schon gemerkt, dass es nicht funktioniert. Aber nicht einmal das ist passiert. Nun wird eine komplette Studentengeneration das absehbare Chaos ausbaden müssen. Ich habe mich entschieden, da nicht mitzumachen.

Interview: Matthias Bartsch



Forum - Verkommt die Uni zur Studentenfabrik?
insgesamt 1657 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 26.04.2008
1.
Gegenfrage: Ist die Uni denn Selbstzweck?
Senfkorn, 26.04.2008
2.
Das Bachelorstudium ist mittlerweile eine Fortsetzung von Schule. Auswendiglernen, Testen, Vergessen. In Deutschland lebt man nicht behütet auf dem Campus, sondern wohnt vielleicht zum ersten Mal alleine, muss Wohnung, Haushalt organisieren, dazu die neue Situation an der Uni. Wenn dann in den ersten Monaten schon Prüfungen geschrieben werden, die für die Endnote relevant sind, braucht man sich über hohe Abbrecherquoten auch nicht wundern. Dazu wird duch die enge Taktung Studenten das Leben erschwert, die sich selbst finanzieren müssen. Der Verdacht liegt nahe, das dies auch so gewollt ist, wozu gibt es Studienkrdite und schon hat man neue Kunden für die Finanzwirtschaft gewonnen. Insgesamt wird zur Zeit in der Bildung nur gehetzt, ohne Sinn und Verstand, früher Einschulen, G8, Bachelor. Vielleicht läuft sich das ein, aber einige Generationen werden dabei wohl verloren gehen.
Kristian Viesmann, 26.04.2008
3. Alter Wein in neuen Schläuchen
Der Bologna (http://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess) Prozess ist mir ein Graus. Wenn ich die Bachelor Informatiker in meinen Tutorium ein wenig nach mathematischen Hintergrundwissen frage, ist es sehr still. Was hat das noch mit Informatik zu tun? Das gleiche höre ich von vielen Kollegen, die selbst mit Diplom abgeschlossen haben, und nun mit Bachelor-Studenten Umgang haben - Es geht nur noch um pauken pauken pauken. Wissen, Lust am Fach? Uninteressant, wichtig sind nur die Klausuren, von den es reichlich jedes Semester gibt. Das sollen Wissenschaftler werden? Das ist Pfusch, das hat doch nichts mehr mit der Jahrhunderten alten Tradition zu tun - Humbold (http://de.wikipedia.org/wiki/Humboldtsches_Bildungsideal) muss im Grabe sich nicht nur drehen, sondern schon rotieren!
ondrana 26.04.2008
4. Studium Generale?
Zitat von Kristian ViesmannDer Bologna (http://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess) Prozess ist mir ein Graus. Wenn ich die Bachelor Informatiker in meinen Tutorium ein wenig nach mathematischen Hintergrundwissen frage, ist es sehr still. Was hat das noch mit Informatik zu tun? Das gleiche höre ich von vielen Kollegen, die selbst mit Diplom abgeschlossen haben, und nun mit Bachelor-Studenten Umgang haben - Es geht nur noch um pauken pauken pauken. Wissen, Lust am Fach? Uninteressant, wichtig sind nur die Klausuren, von den es reichlich jedes Semester gibt. Das sollen Wissenschaftler werden? Das ist Pfusch, das hat doch nichts mehr mit der Jahrhunderten alten Tradition zu tun - Humbold (http://de.wikipedia.org/wiki/Humboldtsches_Bildungsideal) muss im Grabe sich nicht nur drehen, sondern schon rotieren!
Von mir behaupte ich, eine außergewöhnlich breite Allgemeinbildung zu haben. Die ist mir nur zum Teil von zu Hause anerzogen worden, denn meine Eltern waren sehr einfache Leute, die mir aber den Drang anerzogen haben, mich umzuschauen und mehr als meine kleine Welt wahrzunehmen. Im Studium habe ich mit vielen Dingen Kontakt gehabt, die mir von zu Haus aus fremd waren, die aber mein Leben und meine Grundeinstellung zum Leben und den Menschen geprägt haben. An den Cafeteriatischen der Uni hatte ich Kontakt mit Musikern - also machte ich beim Unichor mit und bekam tiefe Einblicke in die klassische Musik. Im Unichor lernte ich dann Biologen kennen und ich half ihnen im Labor bei den Versuchen für ihre Examensarbeit. Eine völlig neue Welt! Aktiv zu sein im ASTA prägte mich hinsichtlich meiner späteren politischen Aktivitäten. Ein Literaturzirkel interessierter Studenten entwickelte sich zu einer Theatergruppe und wir hatten wunderbare Aufführungen auf höchstem Niveau. Dort lernte ich Selbstvertrauen, Mut, Konzentration. Außerdem verbrachte ich ein Jahr in England an einer englischen Schule als Assistant Teacher. Trotz alle dem - oder vielleicht GERADE DESWEGEN- habe ich mein Studium mit guten Noten in der Regelstudienzeit abgeschlossen. Vielleicht bin ich ja eine Bildungsromantikerin, aber ich bin der Meinung, dass zu Menschen, die ja irgendwie später zur Führungsschicht gehören (fachlich oder politisch), etwas mehr gehört als Fachidiotentum. Studenten muss die Möglichkeit gegeben werden, über den Tellerrand hinauszuschauen. Sie müssen sich ausprobieren können und ihre Stärken und Schwächen herausfinden, sowohl menschlich als auch fachlich. Das Bachelorstudium schient in dieser Hinsicht nicht der richtige Weg zu sein.
Kristian Viesmann, 26.04.2008
5.
Zitat von ondranaVon mir behaupte ich, eine außergewöhnlich breite Allgemeinbildung zu haben. Die ist mir nur zum Teil von zu Hause anerzogen worden, denn meine Eltern waren sehr einfache Leute, die mir aber den Drang anerzogen haben, mich umzuschauen und mehr als meine kleine Welt wahrzunehmen. Im Studium habe ich mit vielen Dingen Kontakt gehabt, die mir von zu Haus aus fremd waren, die aber mein Leben und meine Grundeinstellung zum Leben und den Menschen geprägt haben. An den Cafeteriatischen der Uni hatte ich Kontakt mit Musikern - also machte ich beim Unichor mit und bekam tiefe Einblicke in die klassische Musik. Im Unichor lernte ich dann Biologen kennen und ich half ihnen im Labor bei den Versuchen für ihre Examensarbeit. Eine völlig neue Welt! Aktiv zu sein im ASTA prägte mich hinsichtlich meiner späteren politischen Aktivitäten. Ein Literaturzirkel interessierter Studenten entwickelte sich zu einer Theatergruppe und wir hatten wunderbare Aufführungen auf höchstem Niveau. Dort lernte ich Selbstvertrauen, Mut, Konzentration. Außerdem verbrachte ich ein Jahr in England an einer englischen Schule als Assistant Teacher. Trotz alle dem - oder vielleicht GERADE DESWEGEN- habe ich mein Studium mit guten Noten in der Regelstudienzeit abgeschlossen. Vielleicht bin ich ja eine Bildungsromantikerin, aber ich bin der Meinung, dass zu Menschen, die ja irgendwie später zur Führungsschicht gehören (fachlich oder politisch), etwas mehr gehört als Fachidiotentum. Studenten muss die Möglichkeit gegeben werden, über den Tellerrand hinauszuschauen. Sie müssen sich ausprobieren können und ihre Stärken und Schwächen herausfinden, sowohl menschlich als auch fachlich. Das Bachelorstudium schient in dieser Hinsicht nicht der richtige Weg zu sein.
Die Bachelor-Studiengänge haben nur ein Ziel: Die Wirtschaft schnell mit Fachkräften zu versorgen. Toller Lebenslauf, sollen wir jetzt alle klatschen und uns geehrt fühlen, mit einem Vertreter der geistigen Elite ein Thread teilen zu dürfen? Kopfschüttelnd, Kristian Viesmann
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