Anti-Bologna-Attacke Wir wollen unseren alten Dipl.-Ing. wieder haben

Dass Studenten gegen die Bachelor-Wirren protestieren, verschafft dem Uni-Establishment neue Munition. Die neun größten technischen Hochschulen halten nichts vom Master. Das Diplom ist tot, lang lebe das Diplom - sie wollen ihr altes Markenzeichen zurück, eine Forderung mit Sprengkraft.

Von Martin Kaul


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Technik-Unis gegen Bologna: Lang lebe das Diplom
Der Mann hat eine Mission: "Mit aller Kraft" will er sich dafür einsetzen, den akademischen Grad Dipl.-Ing. als "Markenzeichen deutscher Ingenieurausbildung" zu sichern. Offen kritisieren will Ernst Schmachtenberg den Bologna-Prozess nicht. Doch was er fordert, birgt in der aufgeregten Debatte um die neuen Studiengänge Bachelor und Master massive Sprengkraft - die Technischen Hochschulen wollen zurück zum Diplom.

Schmachtenberg ist nicht irgendwer: Er leitet die RWTH Aachen und ist neuer Präsident der TU9, eines mächtigen Zusammenschlusses der neun größten Technischen Universitäten in Deutschland. Dazu zählen unter anderem die TU München, das Karlsruher Institut für Technologie und die RWTH Aachen, allesamt in der Exzellenzinitiative mit Elite-Lorbeer behängt. "Der Abschluss des Diplom-Ingenieurs ist ein deutsches Qualitätsprodukt. Es ist nicht einzusehen, warum wir die Symbolik und Strahlkraft dieser Marke verschenken sollten", sagte Schmachtenberg in einem "taz"-Interview.

Es ist ein später Vorstoß. Bereits 1999 wurde die Bologna-Reform beschlossen und soll die Hochschulabschlüsse in Europa vereinheitlichen. Mittlerweile haben die deutschen Hochschulen fast alle Diplom-Studiengänge radikal auf Bachelor und Master umgestellt, auch die Technischen Universitäten. Weil sie mussten. Kurz: Das Diplom ist tot. Aber jetzt soll es wieder aufleben.

Glücklich darüber, dass Bachelor- und Masterabschlüsse den Titel "Diplom-Ingenieur" ersetzen sollen, waren die Technischen Unis nie. "Den Markennamen eines erfolgreichen Produkts aufzugeben, ist immer gefährlich", sagte 2005 etwa Johann-Dietrich-Wörner, damaliger Präsident der TU Darmstadt, in einem UniSPIEGEL-Interview. Doch die politischen Beschlüsse waren eindeutig, auch die Technischen Hochschulen fügten sich, wenn auch vernehmlich murrend.

Studentenproteste helfen Bologna-Kritikern unter den Profs

Jetzt aber fühlen sie Aufwind und sehen eine Chance der Rückkehr zur alten Marke. Unter Professoren war die Bologna-Reform stets umstritten. Zupass kam ihnen in diesem Wintersemester eine große Welle von Studentenprotesten mit viel Kritik an einer verkorksten Bachelor-Umstellung. Das akademische Fußvolk kritisierte vor allem die Verschulung, die übertriebene Stofffülle, die endlose Prüfungs-Maschinerie - das Studium als Hamsterrad.

Konzipiert und umgesetzt haben die korsettartigen Studien- und Prüfungsordnungen Professoren und Hochschulleitungen. Doch für das Uni-Establishment wurde die Rebellion der Studenten zur willkommenen Gelegenheit, Munition für ihre eigenen Ziele zu sammeln. Der Deutsche Hochschulverband (DHV) etwa, die konservative Lobby von über 20.000 Professoren, forderte ein Ende der Akkreditierung von Studiengängen. "Diesen Unsinn brauchen wir nicht mehr", sagte DHV-Präsident Bernhard Kempen im UniSPIEGEL-Interview, "da wird letztlich das Geld verpulvert, das den Studenten zugute kommen könnte."

Der Hochschulverband hatte immer wieder eine "Reform der Reform" gefordert. Nun watschen auch die TU9 das Bachelor-Master-System kräftig ab. Und schon springt Bologna-Kritiker Kempen in die Bütt. "Die TU9-Universitäten haben Recht", sagte er SPIEGEL ONLINE, "Diplom-Ingenieure wurden weltweit von Arbeitgebern mit Kusshand genommen. Eine derart renommierte Marke fallen zu lassen, war kein Gebot der Bologna-Vereinbarungen, sondern eine Dummheit deutscher Hochschulpolitik." Das zu korrigieren, koste den Gesetzgeber nicht einmal Geld, sondern lediglich einen Federstrich, so Kempen.

Umtopf-Übung in den Technikfächern

Der TU9-Vorschlag reißt nur die Flanke auf. Dabei ist noch gar nicht deutlich, was die großen Technischen Unis genau wollen. Schmachtenberg sagte SPIEGEL ONLINE: "Uns geht es nicht darum, die Bologna-Reform in Frage zu stellen. Wir haben die Umstellung auf die neuen Studiengänge an unseren Hochschulen engagiert vollzogen." Aber: Was soll die Rückkehr zum Diplom denn sonst sein, wenn nicht das Eingeständnis, dass der Master kaum Leuchtkraft besitzt?

Die Antwort ist einfach. Es geht ums Umtopfen - weil der Grad Dipl.-Ing. im Ausland einen guten Klang hat, wollen die Unis den Bologna-Strukturen ein Diplom auftricksen. Das könnte so aussehen: Bachelor und Master bleiben erhalten. Wer aber beide Studiengänge fünf Jahre lang studiert, kann auch den Diplom-Titel bekommen. Oder anders herum: Es gibt dann das Diplom wieder, aber nach drei Jahren kann man es mit einem Bachelor-Abschluss abbrechen. Das würde heißen: Wir ändern nichts. Wir hängen nur ein neues Schild an die Tür.

Doch das ist schon aus juristischen Gründen heikel. Einige Landesregierungen verbieten es den Unis, das Diplom weiter zu vergeben. Auch lässt sich ein Master juristisch nicht einfach als Diplom verkaufen. Die Gesetzeslage in den Bundesländern ist kompliziert. Derzeit prüfen die TU9 noch, wie sich ihr Vorschlag überhaupt umsetzen ließe.

Klar ist: Die vor Kraft strotzenden Ingenieurs-Unis wollen eine Extrawurst. Und genau das könnte die Bologna-Reform insgesamt gefährden. Denn nun dürften sich auch andere Fachrichtungen und Studienbereiche in die Offensive gelockt fühlen. So bemängelt die Bildungsgewerkschaft GEW schon lange, dass die Qualität der Ausbildung von Lehrern durch das Bachelor- und Master-Modell leide.

Extrawürste: Wer will noch eine, wer hat noch keine?

Die GEW reagierte prompt. Andreas Keller, Sprecher für Hochschule und Wissenschaft bei der GEW, sagte SPIEGEL ONLINE: "Mit einer einfachen Umbenennung der Studiengänge ist niemandem geholfen. Das ist schlichter Etikettenschwindel." Hinter dem Vorstoß der Universitäten stecke aber ein wichtiges Anliegen, nämlich die Garantie, dass alle interessierten Studierenden auch ein fünfjähriges Studium abschließen dürften: Wer erhält nach dem Bachelor- den Zutritt zum Masterstudium - nur eine handverlesene Gruppe oder alle Studenten, die wollen? "Die Durchlässigkeit vom Bachelor zum Master ist in allen Studiengängen ein strukturelles Problem und muss dringend flächendeckend gelöst werden", so Keller.

Die Stoßrichtung aber ist klar, der TU9-Vorschlag eine Steilvorlage erster Güte. Erst erkämpfen sich die Ingenieure das Diplom zurück, dann meutern die nächsten Fachbereiche. Bekommen Ingenieure ihre Extrawurst, dann wollen auch die Lehrer eine, ganz zu schweigen etwa von Medizinern und Juristen. Die leisteten bislang am kräftigsten Gegenwehr gegen die neuen Studiengänge - und genießen noch einen Exoten-Schutz.

Auf diesem glatten Parkett sucht Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, nach rutschfesten Sandalen. Sie freue sich, dass auch die Ingenieurwissenschaften die Bologna-Architektur engagiert für ihre Studiengänge nutzten, sagte sie SPIEGEL ONLINE diplomatisch. Und weiter: "Der deutsche Master entwickelt sich bald in den Ingenieurwissenschaften zu einem internationalen Markenzeichen." Eine feine Anspielung - der Master, nicht das Diplom soll das Markenzeichen werden.

Schon wird gemunkelt, der TU9-Alleingang könne den Betriebsfrieden in der HRK massiv gefährden und zu einem "Bruch" führen. Denn dort zählen die großen technischen Hochschulen zu den wichtigsten Mitgliedern. In den kommenden Wochen dürfte es Ärger geben. Als Schmachtenberg zuletzt das Wort auf einer Sitzung ergriff, hätten die Kollegen schon äußerst gereizt reagiert, heißt es.

Denn der Krach um Bologna - bislang war es ein Zwist zwischen den Klassen: Vor der Tür standen erboste Studenten. Ab und an kam mal ein kritisches Wort aus den Fakultäten und Rektoraten. Jetzt trauen sich die Bologna-Gegner, nach einem ganzen Jahrzehnt des Umbruchs, wieder stärker aus dem Gebüsch, die Macher der Reform sind irritiert. Manche rudern noch immer nach vorn. Aber immer mehr rudern zurück.

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