Antisemitismus-Affäre Hohmanns Steilvorlage aus der Uni

Die Affäre um den CDU-Abgeordneten Martin Hohmann hat die Universität Bielefeld erreicht: Ein Bibliotheksbeamter der Hochschule gilt als Stichwortgeber für die umstrittene Hohmann-Rede. Der Asta fordert seinen Rausschmiss, die Uni verweist auf die wissenschaftliche Meinungsfreiheit.


Bielefeld - "Jüdischer Bolschewismus - Mythos und Realität" heißt das Werk von Johannes Rogalla von Bieberstein, der jetzt in die Kritik geraten ist. Dem wissenschaftlichen Bibliothekar wird vorgeworfen, geistiger Vater von Teilen der Rede des hessischen Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann gewesen zu sein.

Martin Hohmann: Seine Rede sorgt auch in Bielefeld für Zündstoff
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Martin Hohmann: Seine Rede sorgt auch in Bielefeld für Zündstoff

Hohmann, den die CDU/CSU-Bundestagsfraktion inzwischen ausschlossen hat, hatte in seiner Rede am Tag der Deutschen Einheit die Frage aufgeworfen, ob "die Juden" wegen ihrer Beteiligung an der russischen Oktoberrevolution als "Tätervolk" bezeichnet werden können. In einer Anmerkung bezog er sich ausdrücklich auf Biebersteins Buch.

Weil Biebersteins Ausführungen die Vorlage für mehrere Passagen der antisemitischen Hohmann-Rede gebildet haben sollen, forderte der Asta der Uni Bielefeld gestern in einer Flugblattaktion die sofortige Entlassung des Bibliothekars. "Bieberstein verbreitet unter dem Deckmäntelchen der Wissenschaft strukturellen Antisemitismus und liefert neonazistischen Gruppen Material", sagte Studentenvertreter Stefan Bröhl.

Bröhl kritisierte, dass der Autor unter anderem detailliert die jüdische Religion einzelner Anführer der Kommunisten aufgelistet habe: "Er hätte sie genauso gut nach Linkshändern sortieren können."

"Bieberstein von Historikern kaum wahrgenommen"

Bieberstein fühlt sich indes missverstanden. "Ich bin kein Antisemit", sagte er gegenüber der Zeitung "Neue Westfälische" (NW). Zwar sei es richtig, dass Hohmann aus seinem Buch Fakten geholt habe. "Aber von Juden als Tätervolk habe ich nicht geschrieben."

Wilhelm Heitmeier, Leiter des Interdisziplinären Zentrums für Gewalt- und Konfliktforschung in Bielefeld, sagte der NW, Bieberstein sei bislang von Historikern kaum wahrgenommen worden. Zwar sei Bieberstein ihm bei Vorträgen mit "abstrusen Thesen" aufgefallen, viel Bedeutung habe er dem dennoch nicht beigemessen. "Aber kümmern muss man sich schon um diese Leute, auch wenn sie nicht das Kaliber von Hohmann darstellen", so Heitmeier.

Auch die Universität hat inzwischen reagiert. In einer Stellungnahme räumte sie Parallelen zwischen Biebersteins Buch und Hohmanns Rede ein, verwies aber auf die wissenschaftliche Meinungsfreiheit.

Die Universität sitzt das Problem aus

Bieberstein sei nicht für eine wissenschaftliche Tätigkeit angestellt, sagte der für Personalfragen zuständige Prorektor Christoph Gusy. Beamtenrechtliche Versäumnisse könne man dem Bibliothekar wahrscheinlich nicht anlasten. Seine private Publikation habe er außerhalb der Dienstzeit verfasst. Anders läge der Fall, sofern er seine "Forschungserkenntnisse" innerhalb seiner Arbeitszeit als Bibliothekar gewänne.

Man wolle dem umstrittenen Autor aber kein öffentliches Forum bieten. Deshalb lehne die Universität eine Podiumsdiskussion zur Klärung des Falles ab.

"Es gibt in der Wissenschaft gelungene, weniger gelungene und abwegige Thesen. Es ist nicht Aufgabe der Universität, sich mit Ansichten zu identifizieren oder nicht zu identifizieren", sagte Gusy. Während der Asta eine "deutlichere Diszanzierung des Rektorats" forderte, will die Hochschule offensichtlich keine weiteren Schritte unternehmen - wohl auch mit Blick auf das Alter Biebersteins: Mit seinen 63 Jahren steht der Beamte der Besoldungsgruppe A15 kurz vor der Pension.



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