Apo-Opa Rabehl Vom Linksaußen zum Rechtsdraußen

Einst war er eine Ikone der 68er und Rudi Dutschkes Mitstreiter. Heute flirtet Bernd Rabehl heftig mit den Rechten und gibt der NPD-Presse Interviews. Deshalb soll der APO-Veteran seinen Lehrauftrag an der FU Berlin verlieren - dabei sieht Rabehl sich selbst als "ganz friedlichen Rentner".

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Rabehl: Dutschkes Weggefährte im rechten Fahrwasser
Maurice Weiss/OSTKREUZ

Rabehl: Dutschkes Weggefährte im rechten Fahrwasser

Berlin - Der Revoluzzer von einst sitzt auf schwarzem Kunstleder im Kreuzberger Altbau. Früher zog er mit roten Fahnen durch den Multikulti-Stadtteil und schaukelte "Ho-ho-ho-Chi-Minh" rufend Arm in Arm mit seinem Freund Rudi Dutschke durch die Straßen. Immer der nächsten Polizeikette entgegen. Immer vorneweg.

Dem früher verehrten Karl Marx sieht Rabehl heute mit seinem weißen Vollbart und weißen Haaren ähnlich. Wie ein Teddy sitzt der kleine Mann aufrecht in einer Ecke seiner großen Couch. Ein weißer Kamin, dunkelbraune Möbel, an der Decke Stuck, anstelle eines Kronleuchters sieben Tonglöckchen, wie man sie zu Weihnachten ins Fenster hängt: Es ist wie in Studenten-WGs - hier passt nichts. Und dazwischen, mit brauner Weste über rotem Karo-Hemd, der Professor Rabehl. Bei dem passt auch nichts.

Denn Bernd Rabehl ist seit 1998 auf der falschen Spur unterwegs. Jedenfalls halten seine Kritiker ihn für einen politischen Geisterfahrer. Und Rabehl versteckt sich keineswegs. Im März 2005 der vorläufige Höhepunkt: In einem Interview mit der NPD-Zeitung "Deutsche Stimme" sagt Rabehl, die Deutschen hätten nach dem verlorenen Krieg "durch die Fremdmächte und die westöstliche Umerziehung ihre nationale Identität eingebüßt". Dutschke und er seien hingegen immer national gewesen, hätten aus dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) in einen "nationalrevolutionären Verband" machen wollen. In "letzter Konsequenz", so Rabehl, sei er sich also bis heute treu geblieben, was früher "als 'links' angesehen wurde, gilt heute als 'rechts'".

"Zersetzung der nationalen Identität"

Rabehls Geisterfahrt beginnt am 5. Dezember 1998 im feinen Münchner Stadtteil Bogenhausen, mit einer Rede bei der Burschenschaft Danubia. Die wird zwei Jahre später Schlagzeilen machen, als dort ein Skinhead unterkommt, der zuvor einen Griechen fast zu Tode geprügelt hatte. Seitdem wird sie vom bayerischen Verfassungsschutz als rechtsextrem eingeschätzt und beobachtet.

Als Rabehl die Danuben besucht, ist auch der zum rechtsextremen Antisemiten gewendete ehemalige RAF-Anwalt Horst Mahler dabei. Und lässt ein Band mitlaufen. Die ebenfalls vom Verfassungsschutz beobachtete "Jungen Freiheit" druckt die Rede. Rabehl protestiert. Im Vortrag hatte er die "politische Überfremdung" Deutschlands und die "Zersetzung der nationalen Identität" beklagt.

Demo gegen den Vietnamkrieg (Februar '68)
DPA

Demo gegen den Vietnamkrieg (Februar '68)

Nun teilt Rabehl die Zeit in "vor und nach Danubia" ein. Davor war er gefragter Gastautor von der "taz" bis zur "FAZ". Heute veröffentlicht er nur noch in der "Jungen Freiheit". Der nächste Text liegt schon bereit, gerade ruft ein Redakteur an und fragt nach Rabehls Berufsbezeichnung: "Schreiben Sie einfach Privatdozent."

Seit Danubia ist der ehemalige Honorarprofessor der politischen Soziologie in der Presse nur noch der "umstrittene Professor". Studenten behandeln ihn so, wie er 30 Jahre zuvor mit seinen Professoren umzugehen pflegte: Im Oktober 1999 wird Rabehl Opfer eines Puddingattentats. Im Februar 2002 wird ihm das Mandat als Vertrauensdozent der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung entzogen. Politische Weggefährten wenden sich ab von einem, mit dem sie mal gemeinsam die Republik verändern wollten.

"Rabehl ist vom geraden Pfad abgekommen"

Im Herbst 2002 legt Rabehl ein Buch über Rudi Dutschke vor und beschreibt ihn als nationalen Revolutionär. Die 120 Seiten erscheinen in der "Edition Antaios". Dieser Verlag, vertreibt auch Material über "Mythos und Realität" des "jüdischen Bolschewismus" oder ein Buch über den deutschen Endkampf von 1945. Mit Rabehls Buch wendet sich die Familie Dutschke von ihm ab.

Marek Dutschke, 25, ist der jüngste Sohn des Studentenrebells und hat seinen Vater nie kennen gelernt. Er findet "all das, was der Rabehl da erzählt, idiotisch". Seine "letzten Mini-Bücher sind Schrott". Rabehl sei einfach nur geltungssüchtig: "Er ist vom geraden Pfad abgekommen."

Dagegen Rabehl auf seiner Kreuzberger Couch: "Ach, der kleene Marek wird doch benutzt, der kennt den Dutschke doch gar nicht." Weil Marek seinerseits ein Buch über Rudi Dutschke geschrieben hatte, wollte Rabehl in seinem Werk einiges richtig stellen: "Ich musste die väterliche Pflicht übernehmen, dass Marek nichts Falsches sagt über seinen Vater."

Rabehl und Dutschke stammen aus der DDR. Dutschke kommt als Schüler nach West-Berlin und bleibt nach dem Mauerbau dort. Rabehl flüchtet 1961. Ihre Haltung zur deutschen Frage steht im Gegensatz zu der ihrer Mitstreiter: Dutschke und Rabehl denken bei diesem Thema national. Unter anderem deshalb glaubt Rabehl, er stehe mit seiner Meinung heute in der Tradition Dutschkes.

Völkisch-nationalistische Ideologeme

Nach Rabehls Interview im NPD-Blatt wenden sich auch die letzten Kollegen an der FU Berlin von ihm ab. Da ist zum Beispiel Bodo Zeuner. Der Geschäftsführende Direktor des Otto-Suhr-Instituts (OSI) will Rabehl die Lehrbefugnis entziehen lassen: "Mit Ihrem Bekenntnis zur NPD und deren völkisch-nationalistischen Ideologemen haben Sie Positionen bezogen, die außerhalb des Konsenses stehen, der die am Otto-Suhr-Institut Lehrenden verbindet", schreibt er an Rabehl.

Studentenführer Dutschke 1967: Die Tradition hochhalten und verteidigen
DPA

Studentenführer Dutschke 1967: Die Tradition hochhalten und verteidigen

Sie waren politische Weggefährten, jetzt reden sie nicht einmal mehr miteinander. Mitte Mai begegnen sich die beiden vor dem OSI. Rabehl geht auf seinen Direktor zu: "Bodo, was haste denn nu wieder gemacht?" Doch Zeuner, so Rabehl, "lief grün an, schaute weg und wollte mich in der Öffentlichkeit nicht kennen".

Zeuner sagt, er sei einfach weitergegangen, "ich würde nur mit Rabehl reden, wenn ich es in meiner offiziellen Funktion müsste". Aus freien Stücken gebe es kein Gespräch mehr: "Natürlich sind wir verärgert, was Rabehl aus unserer gemeinsamen früheren Linie gemacht hat." "Wir" - das sind die 68er. Rabehl ist jetzt ein Outlaw. Immer weniger Studenten kommen in sein Seminar über die "Umbrüche in den beiden Deutschlands". Zu Beginn waren es 20, dann zehn, jetzt noch zwei. Die Studentengremien des OSI planen nun einen "Rechtsextremismus-Workshop". Der soll immer im Anschluss an Rabehls Seminar laufen.

"Die Hälfte meiner Freunde verloren"

Bernd Rabehl ist heute 67 Jahre alt. Er könnte als APO-Opa durch die Republik tingeln und Anekdoten von damals erzählen. Stattdessen macht er sich mit den Rechten gemein: "Ich habe deshalb die Hälfte meiner Freunde verloren", sagt er und guckt überhaupt nicht betroffen. Die Opportunisten seien jetzt weg, "mit denen, die geblieben sind, kann ich mehr anfangen". Rabehl ist da eigentümlich emotionslos.

Wie kommt ein Mann dazu, nach fast sieben Lebensjahrzehnten seine Geschichte zu riskieren? Das Interview mit der "Deutschen Stimme", das habe er "sehr bewusst gemacht", sagt Rabehl, der sich politisch als "anti-autoritär" einstuft. Dieses Gespräch mit den Abgesandten der NPD sei "eine vertrauensbildende Maßnahme, der Beginn einer Recherche" gewesen. Ein Buch wolle er schreiben: "Die NPD, der Faschismus und die Faschismusjäger".

Seinen Kritikern tritt Rabehl kampfbereit gegenüber. Entzöge ihm der FU-Präsident die Lehrbefugnis, "nehme ich mir die besten Anwälte und gehe vors Verwaltungsgericht". Rabehl zürnt: "Die wollen meinen Namen einfach verbrennen. Nach Mahler kommt Rabehl." Aber das sei Denunziation: "Die Presse sitzt am Maschinengewehr." Er wolle jetzt "einfach abwarten, bis mir die Geschichte Recht gibt". Und dass sie das tut, da ist er sich sicher.

Einmal keimen doch leise Zweifel - als er eine Pressemitteilung von Holger Apfel in den Händen hält. Der sächsische NPD-Fraktionsvorsitzende spricht darin von "gesellschaftlicher Pogromstimmung gegen nationale Positionen" und führt den "Fall Rabehl" als "jüngstes Beispiel" an. Rabehl kneift die Augen zusammen: "Da rutscht man in Zusammenhänge rein, das will man ja eigentlich nicht."



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