Archäologie als Selbsterfahrung Studieren wie Fred Feuerstein lebt

Studieren in Lendenschurz und Lederrock: Hamburger Nachwuchs-Archäologen erkunden das Leben unserer Vorfahren - indem sie in ein Steinzeitdorf ziehen.

DPA

Der Gestank von verbranntem Holz wabert durch die Luft, beißender Qualm lässt die Augen tränen. Jannie-Marie, 27, fühlt sich trotzdem wohl in dem Steinzeitdorf. Die Archäologin aus Dänemark ist hier, um die Kohlenmonoxid-Konzentration zu messen, der unsere Ahnen ausgesetzt waren. Damals loderten in den Häusern offene Feuer, die Wärme und Licht gaben, auf denen Essen gekocht wurde - und die krank gemacht haben könnten.

Zum zehnten Mal treffen sich Studenten und Archäologen der Uni Hamburg in Albersdorf in Schleswig-Holstein, um so zu leben, wie es unsere Vorfahren vor 10.000 Jahren getan haben könnten. Dazu laufen sie barfuß zum Supermarkt, tragen Lendenschurz oder Lederrock, trinken selbst gebrautes Bier. Was sich nach einem Sommerfestival der besonderen Art anhört, ist für die Studenten wissenschaftlicher Ernst.

Jannie-Marie hat den Teilnehmern des Steinzeit-Camps Messgeräte um den Hals gehängt, um den Kohlenmonoxid-Anteil der eingeatmeten Luft genau zu dokumentieren. Mit den Ergebnissen des Experiments als Grundlage könnte man die Pläne für Hausdächer in Freilichtmuseen verbessern.

Gleichzeitig will die Archäologin herausbekommen, wie die Steinzeitmenschen ihre schornsteinlosen Hausdächer konstruiert hatten. Denn Jannie-Marie ist sich sicher: Wenn unsere Ahnen durch den Rauch krank wurden, sind sie bestimmt selbst darauf gekommen, die Dächer der Häuser so zu verändern, dass die Luft auch ohne Schornstein sauber blieb.

Wie hat das Essen in der Steinzeit geschmeckt?

Die Archäologen Stefan und Nele haben sich an einem Fellboot versucht, einer Art Ur-Boot. Gebaut aus Zweigen, Lederstreifen, Bastseilen und roher Rinderhaut, konnten sie es nach einigen Tagen zu Wasser lassen. Stefan nahm eine 6000 Jahre alte Felszeichnung aus der Jungsteinzeit als Bauanleitung: "Aus dieser Zeichnung haben wir interpretiert, wie Boote damals gebaut worden sein könnten", sagt der Wissenschaftler. "Ausdenken kann man sich viel. Aber mit Sicherheit weiß man es nicht."

Im Steinzeit-Camp in Albersdorf sollen Studenten und Archäologen nicht nur experimentieren, es geht auch um Grundlagenwissen: Wie hat das Essen in der Steinzeit geschmeckt, wie fühlt sich ein Lederriemen an? Was in der Universität von Professoren gelehrt wird, gibt es hier zum Anfassen: "Die jungen Studenten müssen sich erst mal bekannt machen mit den Materialien, gucken, wie was funktioniert", sagt die Organisatorin, Tosca Friedrich. "Man darf nicht vergessen, wir kommen von der Universität Hamburg - wir sind Stadtmenschen."

Deswegen müssen die Studenten hier einiges an Steinzeit-Können nachholen. Wie das Töpfern: Beim ersten Versuch zersprangen die Töpfe und Schüsseln im Brennofen, es blieben nur Scherben. "Gerade Handwerk ist Erfahrungssache", sagt Friedrich. "Wenn man als Archäologe auf Funde guckt und mit dem Material noch nie gearbeitet hat, wie soll man diese Funde dann interpretieren?"

sib/dpa/Wolfgang Runge



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insgesamt 20 Beiträge
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arnesaknussem 05.08.2014
1. Sicherlich interessant
Das ist sicher hochinteressant und macht bestimmt auch viiieel Spaß (so, wie Ferienclubs zur Schulzeit). Aber wenn man WIRKLICH wissen will, wie das Leben damals ablief: geht doch einfach mal zu den Ethnologen und lasst Euch erklären, wie die Dinge bei den isolierten Stämmen in Südamerika oder Südostasien ablaufen. Die LEBEN ja wohl noch in der Steinzeit (die im Übrigen deutlich länger dauerte, als unsere kurze industrialisierte Zeit) und haben von der Praxis nämlich deutlich mehr Ahnung als alle auch noch so renommierten Akademiker zusammen...
Deep_Thought_42 05.08.2014
2. Ewiger Student
Zumindestens einer der "jungen Studenten" (Bild 2) scheint aber die Jungsteinzeit schon live miterlebt zu haben. :-)
c.PAF 05.08.2014
3.
Zitat von sysopDPAStudieren in Lendenschurz und Lederrock: Hamburger Nachwuchs-Archäologen erkunden das Leben unserer Vorfahren - indem sie in ein Steinzeitdorf ziehen. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/archaeologie-studenten-forschen-im-steinzeit-dorf-in-albersdorf-a-984068.html
Ein Feriendorf, nichts weiter... Oberpeinlich sind die Einkäufe im Supermarkt! Bindet ein Schwein (ok, gab es damals noch nicht in der Form) irgendwo im Umkreis von 2km ums Lager an. Wird es gefunden, gibt es Fleisch. Wenn nicht, dann nicht. Ich verlange garnicht, daß sie es selbst schlachten, aber sie sollen dabei sein, wenn es (vor Ort) geschlachtet wird. Aber so real soll es dann wohl doch nicht sein ;)
e-hugo 05.08.2014
4. Leben wie in der Steinzeit? ;-)
Zitat von sysopDPAStudieren in Lendenschurz und Lederrock: Hamburger Nachwuchs-Archäologen erkunden das Leben unserer Vorfahren - indem sie in ein Steinzeitdorf ziehen. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/archaeologie-studenten-forschen-im-steinzeit-dorf-in-albersdorf-a-984068.html
Leben wie in der Steinzeit, mit BH, Supermarkt, Blechtopf und Brille. Ja, genauso hab ich mir Steinzeit (spielen) schon immer vorgestellt.
aeolinedulzjan 05.08.2014
5. Das soll
Reenactment sein??? Mit Blechnapf und Supermarkt? Das ist ein Ferienlager mit Lendenschurz, mehr nicht. Schade. Dass sich die Hamburger Studenten abseits von Schreibtisch und Bibliotheksmief mit der Materie beschäftigen wollen ist ja löblich. Das gehörte zu der Zeit als ich Ur- und Frühgeschichte studiert habe aber selbstverständlich dazu. Meistens freiwillig und abseits des Universitätsbetriebs. Und ich fürchte selbst wenn wir uns nur einem speziellen Thema gewidmet und in Jeans und T-Shirt uns die Kniffeligkeit des Brettchenwebens erarbeitet haben - wir waren wohl professioneller und effektiver als diese Tengelmann-Tarzane.
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