Architekturstudent im Farbrausch "Weiß ist doch langweilig"

Er macht aus grauen Plattenbauten farbenfrohe Kunstwerke: Architekturstudent Paul Eis, 19, beweist mit einer Fotoserie, wie schön deutsche Innenstädte aussehen könnten.

Paul Eis

Ein Interview von


Zur Person
  • Paul Eis
    Paul Eis, 19, ist in Berlin aufgewachsen und studiert Architektur im österreichischen Linz. Vor zwei Jahren hat er eine Fotoserie gestartet, für die er Wohnhäuser, Bürogebäude und Plattenbauten mit Photoshop bunt anstreicht. Auf Instagram hat er rund 15.000 Fans.
  • Paul Eis auf Instagram

SPIEGEL ONLINE: Herr Eis, sind die Gebäude, die Sie im Architekturstudium entwerfen, auch so bunt wie Ihre Bilder?

Eis: Ich nutze Farbe, das auf jeden Fall. Aber man muss schon differenzieren. Ich möchte kein Plädoyer dafür halten, jetzt alle Häuser grell anzustreichen oder meine Fotos eins zu eins umzusetzen. Farbe ist für mich einfach ein weiteres Gestaltungsmerkmal, ein gutes Mittel, um interessante Gebäude zu kreieren.

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen würden Ihre Entwürfe bestimmt gern in die Tat umsetzen.

Eis: Ja, ich habe schon einige Zuschriften bekommen von Leuten, die in Plattenbauten wohnen und sich mehr Farbe wünschen würden. Meine Fotoserie kann man auch durchaus als Kritik am Einheitsgrau verstehen. Die meisten Gebäude könnten deutlich interessanter aussehen, aber vielen Architekten ist Farbe anscheinend zu heikel. Mit Weiß kann man nichts falsch machen, deshalb sind schon im Studium die meisten Entwürfe weiß. Das finde ich ziemlich langweilig.

Fotostrecke

21  Bilder
Architekturstudent im Farbrausch: Alles so schön bunt hier

SPIEGEL ONLINE: Sie haben dieselbe Schule besucht wie Walter Gropius. Kommt da Ihre Faszination für Plattenbauten her?

Eis: Nein, das glaube ich nicht. In der Schule erinnert eigentlich nichts an Gropius. Und von kastenförmigen Gebäuden bin ich eigentlich kein Fan. Wobei man schon sagen muss, dass viele Plattenbauten von den Grundrissen her intelligent gemacht sind. Und zum Fotografieren eignen sie sich sehr gut. Deshalb habe ich auch in Berlin damit angefangen. Weil sie so grau sind, war das allerdings nach zwei, drei Bildern schon langweilig. Und so bin ich auf die Idee gekommen, sie am Computer zu bearbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange arbeiten Sie denn an einem Bild?

Eis: Das ist ganz unterschiedlich. Bei manchen brauche ich vier oder fünf Versuche und verwerfe am Ende alle. Bei anderen habe ich schon beim Fotografieren eine Idee für die Farben und bin nach 20 Minuten fertig.

SPIEGEL ONLINE: Was muss ein Gebäude mitbringen, um in Ihre Sammlung zu kommen?

Eis: Es muss vor allem möglichst frei stehen. Ich eliminiere bewusst die Umgebung und den Hintergrund, um die Architektur in den Fokus zu rücken. Gebäude mit vielen Details sind auch eher schwierig, aber generell fotografiere ich alle Häuser, die ich interessant finde. Es muss nicht immer ein Plattenbau sein.

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insgesamt 59 Beiträge
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danielc. 11.04.2017
1. lieber bunt
Diese Bilder machen Lust auf Farbe. Wenn ich dann lese, das Behörden Hausbesitzer dazu verdonnern, ein farbig renoviertes Wohnhaus wieder grau zu streichen, damit es ins Einheitsgrau der Straße passt (im Raum Zürich gab es das vor kurzer Zeit), dann habe ich Zweifel an der Verwaltung und kann Architekten verstehen, die lieber auf Nummer Sicher gehen. Natürlich kann man es auch übertreiben, aber solange das Grau dominiert, ist diese Befürchtung unnötig.
aus_dem_off 11.04.2017
2. aus bunt wird schmutzig bunt
Mir gefällt es nicht. Zuviel Farbreize, wie eine Malerpalette. Mit dem Zahn der Zeit wird dann alles schmutzig bunt. Und was ist, wenn die Häuserbemaler nicht das richtige Farbgefühl haben und Farben verwendet werden, die das Auge beleidigen? Das kann man schon in modernen Eigenheimsiedlungen beobachten, wo so mancher Hausbesitzer eine zu grüne oder zu rote oder zu gelbe Farbe wählte.
mikaiser 11.04.2017
3. Bruno Taut lässt grüßen
Schon die Architekten des Neuen Bauens hatten in den 1920er Jahren ihre Architektur mit starken Farben ergänzt. Es ist an der Zeit, diese wunderbaren Ideen wieder aufzugreifen und - zumindest einige - auch umzusetzen.
philosophus 11.04.2017
4. Der versteckte ...Haken.
Das Ganze hat einen Haken: Wenn man die Bilder allein im Display betrachtet, mag sein dass sie einen bestimmten Reiz haben. Bilder sind aber NUR Bilder und man betrachtet sie einzeln. Der Haken: stellen Sie sich nun eine ganze Stadt so bund gemalt vor und nach ...Schnauze. Horrorszenario par excellence...
D_v_T 11.04.2017
5.
"Weiß ist doch langweilig" Naja, Herr Eis scheint aber auch eine recht begrenzte Farbpalette zu nutzen, die sich offenbar am Flutschfinger von Langnese orientiert. Im südlichen Speckgürtel von Berlin sehe ich übrigens genug bunte Häuser. Besonders beliebt sind offenbar zahnfleischfarben, Granny-Smith-Apfel und Schlumpfeis. Hier ist es wohl so wie auch mir der Form der Häuser, dass viele Architekten und die meisten Häuslebauer einfach keinen Geschmack haben. Dann doch lieber weiß, da kann man am wenigsten falsch machen.
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