Asbest-Alarm Studieren ohne Bücher, geht denn das?

Tag und Nacht können Studenten in der preisgekrönten Konstanzer Bibliothek lernen. Bis Mitarbeiter Asbestfasern fanden - sofortige Schließung. Die Uni schaltet auf Krisenmanagement, Studenten witzeln über "d-Asbest-e, was mir je passiert ist". Und sorgen sich um ihre Noten, kaum um ihre Gesundheit.

Anna Hoben

Von Anna Hoben


In Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" geht es um verbotene Bücher und eine verschlossene Bibliothek. Am Ende findet der alte Mönch William von Baskerville aber doch noch Zugang zu den verbotenen Räumlichkeiten - anders als die Konstanzer Studenten dieser Tage.

Die Nachricht, dass sie wohl bis Weihnachten auf ihre Hauptbibliothek verzichten sollen, hielten viele Studenten zunächst für einen bösen Witz: "Soeben wurde die Bibliothek der Universität Konstanz mit sofortiger Wirkung geschlossen", hieß es in einer E-Mail am Freitag. Bei Sanierungsarbeiten waren Asbestfasern an Büchern und auf Regalen gefunden worden. Freitagvormittag lagen die Messergebnisse vor, die Uni-Verwaltung reagierte sofort.

Am Montag fängst du mit der Abschlussarbeit an, dachte sich Geschichtsstudent Johannes Theisen, 25, noch letzte Woche. Jetzt steht er ohne Bücher da: Von der frei gewählten zur erzwungenen Prokrastination, seine Recherche liegt auf Eis. In den nächsten Tagen will Johannes nach Freiburg fahren und Literatur kopieren. Zunächst aber leert er sein Schließfach in der Konstanzer Bibliothek. Der einmalige Gang in den verwaisten Büchertempel ist erlaubt, begleitet von einem Bibliotheks-Mitarbeiter.

Der Krisenstab für Amokläufe organisiert jetzt Tische und Bücher

"Ganz schön gespenstisch hier", sagt Johannes. Als er neugierig in Richtung Sozialwissenschaften späht, wo noch Licht brennt, warnt ihn die Mitarbeiterin prompt, als könnte Johannes ihr entwischen und versuchen, noch ein paar Bücher zu hamstern: "Sie dürfen da nicht hin!"

Wie lange die Bibliothekstüren verschlossen bleiben, lässt sich erst sagen, wenn klar ist, woher der Asbest kommt. Dann beginnt das Großreinemachen. Das wird dauern, womöglich bis zu den Weihnachtsferien. "Jedes Buch muss einzeln in die Hand genommen und gesäubert werden", erklärte der Konstanzer Uni-Rektor Ulrich Rüdiger Montag bei einer Infoveranstaltung. Hunderte von Studenten waren gekommen, mit drängende Fragen - weniger zu ihrer Gesundheit als zu praktischen Dingen: Studieren ohne Bibliothek, wie soll das gehen? Was geschieht mit ausgeliehenen Büchern und Mahngebühren? Und: Wie steht es mit Prüfungsterminen und Abgabefristen?

Nun arbeitet der Krisenstab der Uni - ursprünglich gegründet für klassische Katastrophenfälle wie Pandemien oder Amokläufe - daran, das Bücher- und Raumproblem für 10.000 Studenten und 900 Dozenten zu lösen. Ein Modellszenario finden die Krisenmanager in Bielefeld. Dort wurde 2008 ein Teil der Unibibliothek wegen Asbestfunden für zwei Monate geschlossen.

Ähnliche Probleme kennen auch etliche andere Hochschulen und Schulen in Deutschland. Wie die Konstanzer Uni wurde die Uni Bielefeld als sogenannte Reform-Universität Ende der sechziger Jahre gegründet. Damals galt Asbest wegen seiner baulichen Eigenschaften als "Wunderfaser". Heute ist bekannt: Die extrem hitzebeständigen, winzigen Fasern sind krebserregend, wenn sie ungebunden durch die Luft fliegen. Werden sie eingeatmet, erhöht sich das Lungenkrebsrisiko.

Nicht nur die beste, auch die fortan sauberste Bib

In Konstanz ist die Bibliothek das Herzstück der Campus-Uni: Fachbereichsbibliotheken gibt es nicht, bis auf die Naturwissenschaften ist alles in der Hauptbibliothek versammelt. Die erlaubt ein luxuriöses Studieren: Vor zehn Jahren führte sie als erste deutsche Bibliothek den Rund-um-die-Uhr-Betrieb ein, Studenten haben direkten Zugang zu mehr als zwei Millionen Büchern. Erst vor zwei Wochen erhielt Konstanz den Preis für die "Bibliothek des Jahres", und das schon zum dritten Mal in Folge.

Diese Ehrung nahmen einige Studenten nach der Schließung ironisch auf und pappten eine gefälschte Urkunde an die Wand, dem Preis nachempfunden. "Der Bibliotheksverband verleiht den Preis Bibliothek des Jahres 2010 in der Kategorie Asbest" für die "konsequente Verwendung von Bauschadstoffen", ihre "Einbindung in das Gesamterlebnis der Bibliothek" sowie die "Vermittlung von Luftschadstoffen an jüngere Benutzer".

"Clericus absque libris est tamquam miles inermis", sagt ein lateinisches Sprichwort - ein Student ohne Buch ist wie ein Soldat ohne Waffen. Bibliotheksdirektorin Petra Hätscher setzt alles daran, dem guten Ruf der Uni-Bib auch in der Krise gerecht zu werden und die Studenten weiterhin akademisch aufzurüsten.

Neue Arbeitsplätze wurden in der naturwissenschaftlichen Bibliothek eingerichtet, die ab sofort, wie sonst nur die große, asbestverseuchte Schwester, 24 Stunden an sieben Tagen geöffnet hat. Die wichtigsten Lehrbücher kauft die Uni nach, elektronische Ressourcen werden erweitert, und die Studenten können in allen Bibliotheken des Landes Baden-Württemberg kostenlos Bücher ausleihen. Zudem soll eine private Tauschbörse eingerichtet werden.

Die Studenten witzeln: "Simply Asbest"

"Nach der Reinigung werden wir dann nicht nur die beste, sondern auch die sauberste Bibliothek haben", scherzte Rektor Ulrich Rüdiger. Er hat angesichts der Konstanzer Panne seinen Humor nicht verloren. Die Studenten offensichtlich auch nicht: Plakate mit Aufschriften wie "Uni-Bib: Du bist d-Asbest-e, was mir je passiert ist" und "Simply Asbest" zierten am Montag das Audimax.

Aber alle Kritik lässt sich dann doch nicht wegwitzeln. Studenten fragen auch, warum es nicht schon früher Asbest-Messungen gab. "Wir messen erst, wenn ein konkreter Anlass vorliegt", sagt Thomas Steier, in Konstanz zuständig für die Gebäude des Landes, also auch für die Uni. Schon seit langem allerdings hängen an vielen Uni-Wänden Aufkleber, die vor Asbest warnen. "Das ist ja wohl Anlass genug", sagt ein Student.

Am härtesten trifft die plötzliche Schließung wohl die Jurastudenten. Sie sind auf die Gesetzeswälzer und Kommentarschinken in der Bibliothek besonders angewiesen. Manche von ihnen wandern nun vorübergehend aus: Sie packten ihre Koffer und fuhren kurz entschlossen in ihre Heimatstädte.

Lern- und Flirtstopp für Juristen

"Das Schlimmste wäre, wenn ich jetzt an meiner Seminararbeit weiterarbeite und mein Professor uns in ein paar Tagen stoppt, um gleiche Bedingungen für alle zu schaffen", sagt eine Studentin, die sich bei ihren Eltern in Stuttgart einquartiert. Ein Arbeitsstopp hieße für sie: neues Thema für die Arbeit erst im Januar, weniger Zeit zum Lernen fürs Examen, eventuell auch der Verlust einer zusätzlichen Prüfungschance für ihren Jura-Abschluss. "Im bittersten Fall könnte das dazu führen, dass ich meinen Freischuss verhaue", sagt sie. "Niemandem soll aus der Situation ein Nachteil entstehen", versicherte der Rektor am Montag. Das können viele Studenten noch nicht ganz glauben.

Bücher sind nicht die einzige knappe Ressource. Auch ein Platz außerhalb der eigenen vier Wände fehlt vielen Studenten. Wer nicht auf die viel kleinere naturwissenschaftliche Bibliothek ausweichen will, muss zu Hause arbeiten. So hat Jurastudent Aleksandar Savanovic, 24, seinen Arbeitsplatz vorerst in die WG-Küche verlegt: "In meinem Zimmer ist der Schreibtisch einen halben Meter vom Bett entfernt. Da kann ich nicht lernen."

Aleksandar bereitet sich gerade auf sein Staatsexamen vor, bislang war die Bibliothek sein Lebensmittelpunkt von 7.30 bis 18 Uhr täglich. Aleksandar sitzt am Küchentisch und guckt verloren drein. Was ihm in den nächsten Wochen fehlen wird? "Die Gewohnheit, der schnelle Wechsel zwischen Vorlesung und Lernen - vor allem aber das Flirten in der Bib."



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herkurius 10.11.2010
1. Wunderfaser
"Wie die Konstanzer Uni wurde die Uni Bielefeld als sogenannte Reform-Universität Ende der sechziger Jahre gegründet. Damals galt Asbest wegen seiner baulichen Eigenschaften als "Wunderfaser"." Galt sie nicht. Der Bestsellerautor Vance Packard warnte in einem weitverbreiteten Buch, ich glaube, von 1964, vor den Gefahren von Asbest, seinen Ausführungen wurde nie widerspochen. Es ging bei der Verwendung von Asbest nur um's Geschäft. Hinterher ist das Pendel natürlich andersherum ausgeschlagen und es wurden Milliarden an Volksvermögen vernichtet, um asbesthaltige Gebäude abzureissen, in denen das Mineral genausowenig Schaden anrichtete wie an seinen Fundorten tief in der Erde. So wie heute beim "Aberglauben Elektrosmog" diente das Stichwort "Asbest" interessierten Kreisen nur zur politischen Profilierung.
Dieter_P 10.11.2010
2. Von wegen kostenlos ausleihen
Widersprechen möchte ich der Aussage, dass Konstanzer Studenten nun kostenlos Bücher in allen Bibliotheken in Baden-Württemberg ausleihen können. Pro Fernleihe werden 50 Cent fällig. Hinzu kommen pro Semester 500 Euro Studiengebühren und eine Verwaltungsgebühr von fast 100 Euro für das Studentenwerk. Ach, ich hätte es fast vergessen, genau der Chef dieses Studentenwerks wurde vergangene Woche wegen "Unregelmäßigkeiten" entlassen.
Umbanda 10.11.2010
3. Tja, was nu...
der Palast der Republik in Berlin wurde kurzerhand abgerissen.
danielpet 10.11.2010
4. Latein?
Tja, wenn die Bibliothek nicht geschlossen wäre, hätte die Autorin dort die korrekte Übersetzung aus dem Lateinischen nachschlagen können ...
Julia Wandt 10.11.2010
5. Kostenlose Nutzung anderer Bibliotheken
Zitat von Dieter_PWidersprechen möchte ich der Aussage, dass Konstanzer Studenten nun kostenlos Bücher in allen Bibliotheken in Baden-Württemberg ausleihen können. Pro Fernleihe werden 50 Cent fällig. Hinzu kommen pro Semester 500 Euro Studiengebühren und eine Verwaltungsgebühr von fast 100 Euro für das Studentenwerk. Ach, ich hätte es fast vergessen, genau der Chef dieses Studentenwerks wurde vergangene Woche wegen "Unregelmäßigkeiten" entlassen.
Mit "kostenlos Bücher ausleihen" ist nicht die Fernleihe gemeint, sondern das bezieht sich auf das Unterstützungsangebot fast aller Bibliotheken im Land, dass Studierende zurzeit bei Vorlage ihres Konstanzer Bibliotheksausweises einen kostenlosen Ausweis der entsprechenden Bibliothek erhalten. Damit können in der Regel kostenlos Bücher ausgeliehen werden und alle weiteren Ressourcen, Angebote und Arbeitsplätze der Bibliotheken genutzt werden – auch vor Ort bei der HTWG, bei der PHTG in Kreuzlingen und bei allen weiteren Bibliotheken im IBH-Verbund. Für diese schnelle und unkomplizierte Unterstützung sind wir sehr dankbar! Die Fernleihgebühr wurde von 1,50 Euro auf 0,50 Euro pro Bestellung gesenkt. Diese 50 Cent verstehen wir als Schutzgebühr, damit nicht Titel von einzelnen Personen mehrfach bestellt werden – was wir schon erlebt haben bei kostenloser Fernleihe. Insbesondere jetzt müssen die Fernleihressourcen allen gerecht zur Verfügung stehen. Julia Wandt, Universität Konstanz
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