Astro-Fee Elizabeth Teissier Die Doktorin der Sterne

Seit Monaten streiten französische Forscher über die Promotion der erfolgsverwöhnten Sterndeuterin Elizabeth Teissier. Jetzt hat ein unabhängiges Gremium ein vernichtendes Urteil gefällt - ein kleiner Kulturkampf um die Bedeutung der Astrologie und die Glaubwürdigkeit aller Wissenschaft.


Die Sterne meinten es immer gut mit Madame Teissier. Sie schenkten ihr eine eigene Astroshow im deutschen Fernsehen und das Ohr des französischen Ex-Präsidenten François Mitterrand. Sie machten sie reich und berühmt ­ und bescherten ihr auch noch den Stoff für eine Doktorarbeit: Im April erhielt die 63-jährige Sternenfee an der angesehenen Pariser Sorbonne den Titel im Fach Soziologie.

Promovierte Teissier: Kauderwelsch und Absurditäten
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Promovierte Teissier: Kauderwelsch und Absurditäten

Seither treibt das 900-Seiten-Opus des ehemaligen Chanel-Models die französische Wissenschaft an den Rand eines Kulturkampfes. Nicht etwa, weil es den Gelehrten grundsätzlich unmöglich schiene, über die "Epistemologische Lage der Astrologie im Spiegel des ambivalenten Verhältnisses von Faszination und Ablehnung in den postmodernen Gesellschaften" zu forschen. Nein, es geht um weit mehr: um die Glaubwürdigkeit aller Wissenschaft. Denn Elizabeth Teissier ­ mit bürgerlichem Namen Germaine Hanselmann ­ möchte die Astrologie in den Kreis der anerkannten Wissenschaften zurückholen, aus dem der Premierminister Ludwigs XIV. sie 1666 verstieß. Diesen Anspruch hat die Planetendeutlerin auch in ihrer Arbeit zu belegen versucht ­ und damit sofort 370 Forscher auf die Barrikaden getrieben, darunter 4 der Nobelpreisträger Frankreichs. Schizophrenie: besser ohne Y Bereits im Frühjahr schickten die Wissenschaftler eine Petition an Bildungsminister Jack Lang, damit er der glamourösen Astrofrau, die ihr Rigorosum mit Pressesprecher, Canapés und Champagner feierte, den Doktortitel aberkenne. Der Vorsitzende des Prüfungsausschusses Serge Moscovici fand die Arbeit damals schon in Teilen fragwürdig, gab aber doch sein Einverständnis für ein "sehr gut" ­ und Teissier den Rat, "künftig das Y in Schizophrenie zu vermeiden". Jetzt hat ein interdisziplinär besetztes Gremium unter der Führung des Soziologen Bernard Lahire eine Analyse der Arbeit Tessiers vorgelegt. Das Ergebnis der neun Forscher fiel vernichtend aus. "La non thèse de sociologie d'Elizabeth Teissier" ­ die "Nicht-Doktorarbeit" ­ heißt der Titel des kritischen Kommentars. Die Arbeit sei völlig unwissenschaftlich, meint die Kommission, "ohne Empirie und objektivierbare Methode", dafür aber gespickt mit Anekdoten aus dem Leben einer Fernsehastrologin: "Eine Mischung aus Kauderwelsch, Absurditäten und Unwahrheiten", so lautet das Fazit. Madame versuche von der ersten bis zur letzten Zeile einzig, ihr Steckenpferd zu rehabilitieren. Ist Astrologie eine "Königswissenschaft"? Die erfolgsverwöhnte Sternenleserin schäumt. Schließlich hat sie mit ihrer Dissertation doch gerade zu belegen versucht, dass die Astrologie als "allumfassende Mathematik" die "Königswissenschaft" schlechthin sei. Auch Statistiker kommen in ihrer Arbeit zu Wort, darunter der studierte Mathematiker und Society-Hengst Gunter Sachs. Der will in seiner "Akte Astrologie" anhand computergestützter Auswertung von Geburtsdaten ermittelt haben, wie die Sternzeichen das menschliche Verhalten beeinflussen: Steinböcke tendieren zu Drogenkonsum, Waagen arbeiten als Inneneinrichter, Skorpione bleiben Singles und werden Coiffeure. Die Bedeutung der Astrologie illustriert Teissier anhand von Beispielen. Kostprobe: Treffen sich zwei Menschen. Fragt der eine: "Haben Sie sich auch 1978 scheiden lassen?" Sagt der andere: "Genau in dem Jahr hatten meine Frau und ich eine Krise." Solche Dialoge hält Teissier für "Interaktionismus" im Sinne des Soziologen Max Weber. Sie habe, erklärt Madame, in der Tradition Webers zeigen wollen, wie das Irreale helfe, das Reale zu verstehen. Tatsächlich widmen sich Soziologen in ihren Arbeiten ­ neben historischen, politischen und ökonomischen Fragen ­ oft auch Problemen des banalen Alltags. Und eine auf die eigene Person bezogene Dissertation ist in der weltweit angesehenen französischen Soziologie durchaus nicht unüblich: Ein Drittel der Studenten hat vor dem Soziologiestudium als Sozialarbeiter, Künstler, Lehrer oder Polizist gearbeitet. Viele von ihnen wählen ihr Thema so, dass sie eigene Erfahrungen in ihre Arbeit einfließen lassen können. "Madema Teissier hat allein über sich selbst geschrieben" Teissier fühlt sich deshalb zu Unrecht gegeißelt, und ihre Anhänger stimmen ihr selbstredend zu: Im Grunde gehe es gar nicht um Madames Arbeit, sondern vielmehr um eine Debatte über das wahre Wesen der Soziologie: Setzt sie, in der Tradition Max Webers, eher auf phänomenologische Beschreibung und subjektive Erfahrung oder, wie Émile Durkheim, auf quantitative Techniken und objektivierbare Methoden? Teissiers Doktorvater Michel Maffesoli gehört zweifellos zu den Vertretern der subjektiven Erfahrung. In der Tat hat die "Affaire Teissier" in Frankreich eine Debatte darüber entfacht, was ein Titel in Soziologie heute bedeutet. "Madame Teissier hat allein über sich selbst geschrieben", spottet der anerkannte Pariser Soziologe Alain Touraine. Zu klären sei nun die Frage, "unter welchen Umständen man eine Doktorarbeit über sich selbst schreiben kann". Wie groß wird am Ende der Schaden für die Soziologie sein? Viele fühlen sich bereits an den Fall des Physikers Alan Sokal erinnert. Der hatte vor fünf Jahren einen Aufsatz über die Hermeneutik der Quantengravitation in einer sozialwissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht. Die Geisteswissenschaftler stürzten sich voll Eifer und Ernst auf die vermeintlichen Thesen des Physikers ­ bis der enthüllte, dass er sich nur einen Spaß erlaubt habe und sein Text völlig sinnlos sei. Den Schaden trugen damals die Geisteswissenschaften davon. KATJA THIMM



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