Attacke, Gladiatoren! Studenten spielen römischen Überlebenskampf

Wenn der Hoplomachus den Provokator verdrischt, ist das eine Schlägerei - oder experimentelle Archäologie. Als Gladiatoren hauen sich Regensburger Studenten im Dienste der Wissenschaft und erforschen das Leben antiker Kämpfer. Höhepunkt: Ein Turnier im Sand eines Amphitheaters.

Von Marcel Kehrer

Natalie Glas

"Mehr von der Schildseite" soll Benjamin auf seinen Gegner einhauen, fordert Trainer Christian Eckert, ein sportlicher Mann mit kurzen Haaren und der Statur eines antiken Kämpfers. Vor ihm tänzelt der Student mit aufgeregter Beinarbeit, macht zwischendurch immer wieder einen kräftigen Schritt nach vorne.

"Die meisten gehen direkt aufeinander zu und stehen sich dann in identischer Position gegenüber", kritisiert Eckert, 42. "Chancen für beide: Fifty-Fifty." Statt dessen sollen sich die Kämpfer seitlich versetzt spiralförmig annähern.

In seiner Sportschule nahe Wiesbaden unterrichtet Eckert eigentlich klassisches Fechten. Hier in Regensburg hat er jetzt die Aufgabe, aus 20 Studenten bis zum Sommer altrömische Gladiatoren zu formen. Manche von ihnen sind erfahrene Kampfsportler, andere schmächtig und untrainiert. Bei ihren historischen Vorbildern dauerte die Ausbildung in der "Scuola" zwei Jahre, bei den Studenten muss ein halbes Jahr Hieb- und Abwehrschulung reichen.

In einer echten Arena im Alten Rom ging es für die Gladiatoren um alles. Gekämpft wurde bis zum Tod, gab einer den Kampf verwundet auf, stimmte das Publikum darüber ab, ob der Recke sterben muss. Dieser Lebensgefahr müssen sich die Regensburger Seminarteilnehmer nicht aussetzen. Wohl aber einem schweißtreibenden Training. "Das ist immens anstrengend", sagt Trainer Christian Eckert - vor allem, weil der Kampfplatz, anders als jetzt in der Turnhalle, aus Sand ist und das schnelle Laufen mit der Ausrüstung später viel Kraft erfordern wird.

Pausen gibt's nicht, die Gladiatoren hatten auch keine

Dazu kommt, dass ein Kampf auf Leben und Tod ständige Konzentration erfordert. "Wir versuchen, das im Training abzubilden, indem wir auch sehr lange kämpfen lassen und keine Pausen erlauben", beschreibt Eckert seine Methode, den Studenten Kraft und Ausdauer anzutrainieren.

"Die Gladiatur war kein wildes Abschlachten, sondern ein Kampfsport", betont Josef Löffl vom Lehrstuhl für Alte Geschichte. Mit seinem Seminar will der Wissenschaftler die "enorm großen Forschungslücken" auf diesem Feld schließen: "Wie ernährt man einen Gladiator? Wie trainiert man ihn? Was passiert mit der Psyche dieser Menschen, wenn sie vor ein paar tausend Leuten stehen? Was kriegt dieser Gladiator mit unter seinem Helm?"

Löffl ist ein leidenschaftlicher Ausprobierer, Wissenschaft ist für den Regensburger Dozenten nicht nur distanzierte Bibliotheksarbeit. Er stürzt sich im Dienste der Forschung gern kopfüber ins archaische Abenteuer und erlebt nach, wie das damals so gewesen sein könnte. 2008 stapfte er deshalb als Centurio - mit neun studentischen Mitläufern - schwitzend und stinkend in einer 35-Kilo-Rüstung den römischen Limes entlang; vier Jahre zuvor ruderten er und seine Mitstudenten auf einer spätrömischen Galeere die Donau entlang.

Antworten auf die Fragen nach dem Gladiatorenleben erhofft er sich von seiner Idee, Sportstudenten und Kampfsportler mit der originalgetreuen Ausrüstung zu konfrontieren. "Die denken in Dimensionen der Trainingslehre, der Verletzungsgefahr", sagt Löffl - während er sich als Historiker vorrangig für Herkunft und Alter der Waffen interessiere. Die Ausrüstung für das Seminar ist nach historischen Vorlagen nachgebaut worden: von einer Firma und einem Waffenschmied, der schon vorangegangene Projekte der experimentellen Archäologie an der Uni Regensburg begleitet hat.

Hoplomachus und Provokator gehen in Carnuntum aufeinander los

"Ich bin der Hoplomachus", benennt Klaus den Kämpfer-Typ, den er verkörpert. "Ich habe einen Speer, einen runden Schild, gesteppte Baumwollhosen, zwei Beinschienen, eine Armschiene und natürlich einen Helm." Es gibt verschiedene Gattungen von Gladiatoren, ihre Ausrüstung ist genormt.

Jeder Gladiator hatte seine speziellen Gegner, die Paarungen waren vorgegeben. Werner tritt als "Provokator" an und beschreibt das so: "Provokatoren haben einen Helm, der von der römischen Armee abgeleitet ist, einen eher schlichten mit breitem Nackenschirm und Gesichtsvisier, dazu einen mittelgroßen Schild. Meine Waffe ist das ganz normale Kurzschwert."

"Es ist schon anstrengend, wenn man sich mal länger als fünf Minuten belagert", sagt der groß gewachsene Gladiatorenschüler. Selbst der kampfsporterfahrene Klaus kommt ins Schwitzen, und das nicht wegen seines Vollbarts: "Es ist sehr anstrengend. Wenn man da zwei Minuten kämpft, ist die Lunge schon am Boden." Dennoch genießt er das Seminar, fühlt sich in der Zeit zurückversetzt: "Wenn man das Schwert in der Hand hält, da kann man sich schon reinfühlen. Ich bin auf später gespannt, wenn wir in Carnuntum sind."

Petronell-Carnuntum liegt in Niederösterreich. Die Gemeinde war im Altertum die größte Siedlung in der römischen Provinz Pannonien. Die Reise dorthin soll für die Regensburger Studenten der Höhepunkt des Seminars werden. Im August werden sie dort im Amphitheater mit ihrer Originalausrüstung vor Hunderten Zuschauern kämpfen. "Die kommen alle", sagt Projektleiter Josef Löffl - er ist vom Interesse der Einwohner überzeugt. Bis dahin warte aber harte Arbeit, so Geschichtsstudent Werner: "Wir brauchen noch viel Training, damit man da überlebt."

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