Studie zu Aufstiegschancen Bildung gerechter machen in 23 Minuten

Kinder von Nichtakademikern studieren seltener als Kinder, deren Eltern schon an einer Hochschule waren. So weit, so bekannt. Eine neue Studie zeigt: Das könnte leicht geändert werden - mit wenig Geld.

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23 Minuten - mehr Zeit benötigt man nicht, um Kinder aus Nichtakademiker-Familien in ihrer Entscheidung für ein Studium zu unterstützen. 23 Minuten, in denen angehenden Abiturienten Informationen zur Studienfinanzierung und zum Nutzen eines Studiums präsentiert werden. Und die, das zeigt eine neue Studie, nachhaltig für ein Studium motivieren.

Die bisher unveröffentlichte Untersuchung, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, wird am Mittwoch vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin vorgestellt. Die Forscher hatten erstmals 2013 angehende Abiturienten nach ihren Zukunftsplänen gefragt. Mit einem kurzen Workshop in den Schulen lieferten die Bildungsforscher anschließend gebündelte Informationen zum Thema Studienfinanzierung und fassten sie noch einmal in einem dreiminütigen Film zusammen. Nur 23 Minuten dauerte die ganze Veranstaltung.

"Inhaltlich haben wir darüber informiert, wie die Schülerinnen und Schüler die Studienkosten beispielweise über Stipendien oder über einen Antrag auf Bafög bewältigen können", sagt DIW-Forscherin Katharina Spieß. In den Folgejahren erkundigten sich die Wissenschaftler dann bei den jungen Erwachsenen immer wieder, was aus deren Berufs- und Studienplänen geworden war.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Informationsbedarf: Wer am Workshop teilgenommen hatte, nahm auch mit einer höheren Wahrscheinlichkeit ein Studium auf.
  • Familienhintergrund: Vom Motivationseffekt durch den Workshop profitierten insbesondere Kinder, deren Eltern selbst nicht studiert hatten. Die Wahrscheinlichkeit, ein Studium zu beginnen, stieg bei ihnen um 15 Prozentpunkte gegenüber Mitschülern ohne zusätzliche Informationen zu Studienfinanzierung und -ertrag.
  • Studienabbruch: Schüler, die sich durch den Workshop motiviert fühlten, ihre Hochschulpläne auch umzusetzen, brachen das Studium danach nicht häufiger ab als die Kontrollgruppe. "Es scheint also nicht so zu sein, dass wir Jugendliche durch die Informationen zu etwas verleitet haben, was sie dann später als falsch bewertet haben", sagt Katharina Spieß. Mit anderen Worten: Es findet keine Umerziehung in Richtung Studium statt, sondern nur eine Klärung der Voraussetzungen - und die ist offenbar so solide, dass auch drei Jahre nach dem Abitur keine höheren Abbruchzahlen verzeichnet wurden.

Der richtige Zeitpunkt für den Informationsinput sei die Zeit kurz vor dem Abitur, heißt es in der Untersuchung. "Vor dem Abi wollen unglaublich viele Schüler studieren, aber danach setzt das ein, was die Amerikaner 'summer melt' nennen", erklärt Spieß: Die Unsicherheiten nehmen zu, viele Abiturienten lassen sich von ihren Hochschulplänen abbringen - und zwar umso stärker, je weniger akademische Vorbilder sie in der Familie haben.

Details zur Studie
Welche Daten wurden ausgewertet?
Die Bildungsforscherinnen haben für ihre Studie Daten des "Berliner Studienberechtigten-Panels" ausgewertet. Dafür wurden 2013 an insgesamt 27 Berliner Schulen über 1500 Schüler erstmals ein Jahr vor ihrem Abitur befragt. Weitere Befragungen erfolgten vor und nach dem Informationsworkshop sowie danach in jährlichem Abstand bis 2017, also drei Jahre nach Abitur.
Wie aussagekräftig ist die Untersuchung?
Die Ergebnisse sind signifikant, also nicht zufällig. Die Zahl der Befragten lag zu Beginn bei 1578 Schülern und nahm im Laufe der Jahre ab. Drei Jahre nach dem Abitur und vier Jahre nach dem Info-Workshop nahmen noch 720 Schüler teil. Die Forscherinnen beobachteten "ausschließlich positive Effekte der Informationsbereitstellung". Lediglich im Hinblick auf die Abbrecherquote betonen sie, dass die Ergebnisse "im statistischen Sinne nicht signifikant sind". Dies liege möglicherweise an der geringen Fallzahl.
Wer hat die Studie erstellt?
Die Langzeituntersuchung wurde von Frauke Peter, Katharina Spieß und Vaishali Zambre vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin erstellt.

"Gesamtwirtschaftlich betrachtet könnten mit entsprechenden Informationsworkshops in Schulen das Bildungspotential einer Volkswirtschaft besser genutzt und mehr Chancengerechtigkeit erreicht werden", heißt es in der Untersuchung - ein klare Empfehlung an die Bildungspolitik, solche Workshops flächendeckend umzusetzen, zumal es sich "um eine kompakte und sehr kostengünstige Maßnahme" handele.

Einen Fehler allerdings sollten Schulen, Kommunen und Bundesländer nicht machen, warnt Katharina Spieß: Lehrer seien als Dozenten für die Informationsworkshops nicht geeignet. Eine finnische Studie habe gezeigt, dass Workshops mit Lehrern kaum messbare Effekte bei der Studienentscheidung gebracht hätten. Dies sei nur bei externen Experten und Bildungsforscher der Fall gewesen - ganz ohne finanziellen Einsatz lässt sich die Lücke in der Bildungsgerechtigkeit also nicht verkleinern.



insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
gekreuzigt 26.06.2018
1. Woher stammt eigentlich der Wahn,
dass alle Schüler studieren müssten? Qualifizierte Handwerker braucht das Land! Das Abitur ist doch schon aufgrund der Schwemme der Absolventen entwertet.
kayakclc 26.06.2018
2. Synergieeffekte nutzen
Die Frage, die hier gestellt wird ist, wieviel Eigeninitative erwarten wir von Schülerinnen und Schülern. Genau solche Veranstaltungen werden von jeder deutschen Universität angeboten. Die zentral Studienberatung hat genau diese Profis und macht das in vielfältigen Angeboten bereits für die allgemeinen Info, viele Fakultät senden auch Leute in Schulen und auf Infomessen, die Hochschulen veranstalten Girls Days, Tag der offenen Tür etc. Im Gegensatz zu früher, sind diese Angebote auch online leicht zu finden. Das hier angesprochene Format klingt eher nach einer Dopplung schon vorhandere Infomassnahmen.
trex#1 26.06.2018
3.
Es ist überraschend, dass Abiturienten sich nicht die Informationen selbst beschaffen können, zumal im Zeitalter des Internet. Wenn ein Minimum an Interesse besteht, dann schafft das jeder. Die Studienförderung über Bafög ist sehr wichtig und muss so ausgestattet sein, dass niemand aus finanziellen Gründen auf ein Studium verzichten muss. Ohne Bafög hätte ich nicht studieren können. Heute gilt es, auch Kindern aus dem Mittelstand über Bafög das Studieren zu erleichzern
PeterMüller 26.06.2018
4. Sinnvoll investiertes Geld. Oder?
Die Studie zeigt, dass mit wenig finanziellem Aufwand mehr Absolventen aus nicht-Akademiker-Haushalten zum Studium animiert werden können und diese dann das im Nachhinein im großen und Ganzen nicht als Fehler betrachten, so dass damit eine größere soziale Aufstiegschance einhergeht. Ja und Nein. Die zuvor genannte Wirkung plädiert unumwunden dafür, das Geld dafür in die Hand zu nehmen. Andererseits... muss denn jeder studieren? Gleichzeitig mit dem Workshop sollte auch ein Workshop gestellt werden, der die Vorzüge des Handwerks zeigt und welche Möglichkeiten es dort gibt. Ein Abi allein sagt noch wenig darüber aus, ob jemand tatsächlich im Studium erfolgreich, vor allem aber glücklich wird. Wer 6-10 Semester studiert, sich dann ein Jahr orientiert und erst dann eine Ausbildung beginnt, verliert 4 - 6 Jahre. Bei 5 Jahren mit durchschnittlich 2.500 Euro brutto sprechen wir über einen Einkommensverlust im Erwerbsleben von 150.000 Euro. Auch das gehört zur Wahrheit an die Abiturienten vermittelt.
hrdrkloebner 26.06.2018
5. Danke!
Zitat von gekreuzigtdass alle Schüler studieren müssten? Qualifizierte Handwerker braucht das Land! Das Abitur ist doch schon aufgrund der Schwemme der Absolventen entwertet.
Genau das war auch mein erster Impuls! Wie heißt der Spruch doch so schön: "Aus guten Handwerkern werden schlechte Akademiker - aus schlechten Handwerkern werden schlechte Handwerker."
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