Ausbildungsversicherungen Baby-Police ist meist ein schlechtes Geschäft

Sie sind jung und haben kein Geld. Ihre Eltern schon. Darum umschwirren Versicherungen junge Familien mit Spezialangeboten: Weil aus Kleinkindern später einmal Studenten werden, sollen Mama und Papa ganz früh Geld anlegen. Das stimmt - bloß lieber nicht in einer Police.

Von Hendrik Ankenbrand


Es sind Glückwünsche der ganz speziellen Sorte, die frisch entbundenen Müttern in deutschen Krankenhäusern zuweilen schon ans Wochenbett flattern. Man gratuliere zum Nachwuchs, heißt es da in der Broschüre eines Versicherungskonzerns – der jedoch die Schattenseiten des freudigen Ereignisses nicht verschweigen will: Sicher solle es dem Kind später einmal besser gehen. Ob man sich darüber im Klaren sei, was ein Studium heutzutage koste? Viel, sehr viel sogar. Und deshalb gelte es, frühzeitig vorzusorgen. Mit einer Ausbildungsversicherung, abzuschließen am besten sofort. "Denn Zeit ist Geld."

Student in spe: Versicherungen mit lustigen Namen
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Student in spe: Versicherungen mit lustigen Namen

Die deutschen Versicherer haben ihr Herz für Kinder entdeckt. Und Appelle an die Vorsorgepflicht für den eigenen Nachwuchs fallen bei Eltern auf fruchtbaren Boden.

Die hohen Kosten eines Studium sind unbestritten, rechnet man auch die Lebenshaltung mit ein: Selbst bei einem sechssemestrigen Bachelorstudiengang kann der Student der jüngsten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zufolge insgesamt locker auf Kosten von 60.000 Euro kommen. So laufen Vertreter offene Wohnungstüren ein, wenn sie an die "Kinderfürsorge" appellieren und ein ganzes Sammelsurium an so genannten Ausbildungsversicherungen feil bieten. Sie tragen lustige Namen wie "Biene Maja", "Löwenkids" und "Bambini". Und sie bergen oft ein Manko: Für das Vorhaben, den Kindern das Studium zu finanzieren, sind sie meist unbrauchbar.

Dabei klingt die Idee der Ausbildungsversicherung durchaus einleuchtend: Vater, Mutter oder die fürsorglichen Großeltern schließen sie zugunsten des Kindes ab und zahlen monatlich eine feste Summe ein. Stirbt der Zahler vor Ende der Laufzeit, werden keine weiteren Beiträge mehr fällig. Damit ist sichergestellt, dass das Kind in den Genuss des Geldes kommt und sein Studium beginnen kann.

Getarnte Lebensversicherung

Das Konzept klingt nicht nur wie das der altbekannten Kapitallebensversicherung inklusive Todesfallschutz - es ist tatsächlich dasselbe. Allein der Titel hat sich geändert, denn Lebensversicherungen finden nur noch schwer Absatz, seitdem sich bei vielen Verbrauchern die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass sie für den Vermögensaufbau nichts taugen.

Die Fehler der Ausbildungsversicherungen sind auch unter neuem Namen die alten geblieben: Die Laufzeiten sind häufig viel zu lang, die Verzinsung ist vergleichsweise gering. Wer vor Ende des Vertrags an sein Geld will, sollte sich das außerdem gut überlegen: Wegen der saftigen Abschlussprovisionen und der hohen Verwaltungskosten sind Verluste dann oft unausweichlich.

"Puren Unsinn" nennt Elke Weidenbach von der Verbrauchzentrale NRW derartige Ausbildungsversicherungen und warnt: Damit wolle die Branche nur ein altes Produkt unter neuem Namen verkaufen. Die Rendite sei sogar noch mäßiger als bei der Kapitallebensversicherung, heißt es beim Bund der Versicherten. Die Ausbildung sei kein Versicherungs-, sondern ein Geldanlageproblem.

Tatsächlich wollen die meisten Eltern für ihre Kinder in erster Linie Vermögen aufbauen und nebenbei noch das Risiko absichern, damit nach einem möglichen Unglücksfall für den Nachwuchs bestens gesorgt ist. Da erscheinen "Rundum-Sorglos"-Produkte, die Geldanlage und Versicherungsschutz kombinieren, nur allzu sinnvoll - sie sind es aber nicht.

Der größte finanzielle Schlag, den ein Kind ereilen kann, ist die Berufsunfähigkeit oder der Tod eines Elternteils. Dafür gibt es die Berufsunfähigkeits- und Risikolebensversicherung. Wer hingegen sichern will, dass später einmal das Studium finanziert werden kann, muss an anderer Stelle investieren.

Bessere Renditen auf dem Kapitalmarkt

An der Börse zum Beispiel. Trotz des gewaltigen Einbruchs vor fünf Jahren ist eines klar: Auf längere Sicht gibt es nirgendwo so hohe Renditen wie am Aktienmarkt. Investmentfonds sind für den langfristigen Vermögensaufbau ideal, weil Eltern und Kind jederzeit über das Kapital verfügen können und bei einem finanziellen Engpass auch mal mit einer Rate aussetzen dürfen.

Allerdings sind solche Fonds für ältere Kinder ungeeignet - das Risiko ist zu hoch, dass sich die Kurse just zum Auszahlungszeitpunkt im Tief befinden. Patriotismus lohnt sich am Aktienmarkt ebenfalls nicht: Weil er damit das Risiko unnötig konzentrieren würde, sollte der Fonds nicht nur auf deutsche Titel, sondern auf eine breite Streuung von bewährten internationalen Substanzwerten aus verschiedenen Branchen setzen. Denn so können Schwankungen besser ausgeglichen werden. Weniger risikofreudige Anleger sollten sich an Fonds halten, die eigenständig mehrere Jahre vor dem Studium des Kindes das Umschichten in sichere Staatsanleihen und Geldmarktpapiere übernehmen.

Am sichersten fahren Eltern, die allein auf festverzinsliche Wertpapiere wie Bundesschatzbriefe setzen. Die sind praktisch ohne Risiko und sehr flexibel, allerdings auch renditeärmer als Aktien. Eine Alternative könnte der gute alte Bausparvertrag sein, den Verbraucherschützer für den Zweck der Bildungsvorsorge durchaus empfehlen. Mitunter erreichen die Renditen jährlich vier Prozent – kein schlechter Wert.

Schon an die Ausbildung zu denken, wenn das Baby noch nicht mal sein erstes Wort gesprochen habe: Der Vorsatz, den manche Versicherungen Eltern einreden wollen, klingt hehr. Doch im Glück über den Nachwuchs sollten sich Eltern beim Abschluss solcher Policen an ein Gebot halten: Einen kühlen Kopf bewahren – und nachrechnen.



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