Ausländische Studenten Wer bremst denn da?

Selten waren sie sich so einig: Beim großen Palaver im Bundestag forderten Politiker aller Fraktionen bessere Regelungen, um ausländische Studenten und Forscher nach Deutschland zu locken. Viel Gerede, wenig Getue - einstweilen wartet auf Studierwillige ein zermürbender Hürdenlauf.

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Um 50 Prozent wollen Bund und Länder die Zahl der ausländischen Gaststudenten in den nächsten drei Jahren steigern. Gemeinsam mit Vertretern aus Wissenschaft und Wirtschaft kündigten sie vor einigen Tagen eine "Konzertierte Aktion für den Bildungs- und Forschungsstandort Deutschland" an, um im "weltweiten Wettbewerb um Köpfe und Märkte" Boden gutzumachen. Am Donnerstag unterstützten Bildungspolitiker aller Parteien die Initiative im Parlament.

Eine ganz große Koalition für eine höheren Ausländeranteil an deutschen Hochschulen - aber das hehre Ziel ist keineswegs neu. Seit etlichen Jahren schon fürchten die Rektoren und die großen Wissenschaftsorganisationen, von Ländern wie den USA, Großbritannien oder Australien abgehängt zu werden. Um Deutschland für Studieninteressenten weltweit attraktiver zu machen, müssten vor allem anerkannt schikanöse arbeits- und aufenthaltsrechtliche Einschränkungen endlich fallen. Doch das wusste die Vorgänger-Bundesregierung stets zu verhindern, und auch SPD und Grüne haben den Durchbruch bisher nicht geschafft.

Auf den ersten Blick schneidet Deutschland im internationalen Vergleich gar nicht übel ab: Immerhin 175.000 Ausländer - und damit dreimal so viele wie vor 20 Jahren - studieren hier zu Lande. Doch schaut man genauer hin, verblasst das rosige Bild. Die Statistik wird aufgebläht durch lange Studienzeiten sowie knapp 60.000 "Bildungsinländer", die in Deutschland zur Schule gingen und oft auch hier geboren wurden. "Manche unserer 'Türken' sprechen ein gepflegtes Honoratiorenschwäbisch", sagt Gottfried Ohnmacht-Neugebauer von der FH Stuttgart.

In vielen Regionen, etwa in Asien, gilt Deutschland durchaus nicht als Top-Adresse. Und während die besten US-Universitäten auch ohne große Werbung belagert werden, schreckt Deutschland Interessenten schon bei der Bewerbung ab: Sie müssen mühsam Informationen über die Studienangebote zusammenklauben und riskieren anschließend einen nervenzehrenden Kampf gegen Bürokraten und Paragrafen.

Warten, warten - und dann noch ein wenig warten

Selbst wenn nach Prüfung der Schulabschlüsse und Zensuren-Umrechnung in das Abiturschema die Zulassung klappt, ist das Visum längst nicht sicher. In China etwa ist die Ablehnungsquote horrend, Bewerber müssen sich in Geduld üben - manchmal ein Jahr lang. "Wer hat schon die Möglichkeit, seine Lebenszeit so zu vergeuden?", zürnt Sabine Gerbaulet von der TU Darmstadt.

Noch vor der Einreise müssen die Bewerber nachweisen, dass sie genügend Geld haben, zwischen 10.000 und 12.000 Mark für das erste Jahr. Und sind sie endlich in Deutschland gelandet, lauern prompt neue Fußangeln. So hapert es mit der Gastfreundschaft: Mancherorts werden dunkelhäutige Studenten von rechtsextremen Glatzköpfen gejagt.

Anderswo finden sie keine Unterkunft. Zumindest dafür wären zusätzliche Wohnheimplätze die Lösung. 20.000 zusätzliche Plätze ermittelte das Deutsche Studentenwerk jetzt als Bedarf und forderte zugleich bessere Betreuungsangebote im Studium.

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Doch damit ist es nicht getan - auch das Arbeitsrecht steht Gaststudenten im Weg. Jobben dürfen sie maximal 90 Tage im Jahr und können sich damit kaum über Wasser halten. Oftmals definieren die Behörden gar jeden Kalendertag, selbst mit einer einzigen Stunde Arbeit, als vollen Arbeitstag. Obendrein erlischt die Aufenthaltsgenehmigung bisher sofort nach dem Examen. Die Absolventen müssen ausreisen, selbst wenn sie die tollsten Stellenangebote in der Tasche haben.

Zum krönenden Abschluss: ein Tritt in den Hintern

Zur "irrsinnigen Bürokratie" geselle sich ein "kaltes, abweisendes Behördenklima", klagt Jochen Hellmann. Den Experten vom Deutschen Akademischen Austauschdienst wurmt besonders die schnelle Abschiebung nach dem Diplom. "Das ist doch grotesk", macht Hellmann seinem Ärger Luft, "da bilden wir kluge Leute jahrelang kostspielig aus, und kaum sind sie fertig, verpassen wir ihnen einen Tritt in den Hintern."

Den Vorwurf, sich im Bremserhäuschen zu verschanzen, müssen sich in erster Linie Innenminister Otto Schily und Arbeitsminister Walter Riester (beide SPD) gefallen lassen. Am Donnerstag bezeichneten Redner aller Fraktionen es als paradox, dass Deutschland Absolventen in Mangelfächern vertreibe, die Länder wie USA oder Kanada mit Kusshand nähmen.

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) macht sich bereits seit geraumer Zeit dafür stark, dass Ausländern mit deutschem Hochschulabschluss eine "Perspektive zum Bleiben" geboten werden müsse - bisher vergeblich. Unterdessen erhält sie aber auch von konservativen Bildungspolitikern Rückenwind. "Vielleicht haben wir den Fehler gemacht, im Zuge der Asyldebatte alles über einen Leisten schlagen zu wollen", dämmerte jetzt dem bayerischen Wissenschaftsminister Hans Zehetmair (CSU).



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