Auslandsemester in Genf Studieren in der kleinsten Weltstadt der Welt

Eine Stadt voller internationaler Organisationen, alpines Flair, eine ehrwürdige Hochschule - Genf zählt zu Europas Uni-Perlen. Student Alexander Dilthey, 24, verbrachte dort ein fast perfektes Auslandssemester. Die Schweiz hat er trotzdem noch nicht ganz verstanden.


"Französische Schweiz"? Das geht gegen den Schweizer Nationalstolz und wird mit einem bösen Blick bestraft. In Genf spricht und isst man französisch und ist bestens informiert über das Liebesleben von Nicolas Sarkozy. Trotzdem hat Genf nicht sehr viel mit Frankreich zu tun. Basel und Zürich dagegen liegen auch in der Schweiz, aber jenseits des "Röstigrabens", der die kulturellen Unterschiede zu den Deutsch-Schweizern markiert - die Schweiz ist ein kompliziertes Gebilde im Herzen Europas.

Das "Geneva International Students’ Program", kurz GISP, umfasst ein Semester voll internationaler Organisationen, Völkerrecht, etwas Geschichte und viel Französisch. In die Schweiz gelockt haben mich die interdisziplinäre Ausrichtung und die Aussicht, einige Zeit in Genf zu verbringen.

Eine tolle Kulisse erwartete mich. Die Ankunft im August: Der Hauptbahnhof ist noch grau und öde, 200 Meter weiter aber beginnt die Bilderbuch-Schweiz - im Hintergrund die Alpen, am Seeufer alte, mächtige Häuser. Die größte Wasserfontäne der Welt, der Jet d’Eau, flankiert den kleinen Hafen. Bank-Menschen und Diplomaten hasten durch die Straßen oder genießen das Leben bei Espresso und Krustentieren – mit der Mischung kann ich mich anfreunden.

Studienstart mit Sekt und Schokolade

Weniger entspannt ist die Wohnungssuche: Was man in deutschen Städten für eine vollwertige Wohnung zahlt, kann man hier für ein WG-Zimmer einplanen. Nur Wohnheimplätze sind günstiger, stehen aber Teilnehmern meines Programms nicht offen.

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Kleiner Grenzverkehr: SPIEGEL ONLINE schickt Sie ins alpine Basis- und Höhenlager. Man spricht Dütsch: Von Cüpli über Zeltli bis zum Gipfeli - ein Sprachtest mit 13 Helvetismen, die nicht jeder versteht.
Das Auslandssemester beginnt gut: Am ersten Uni-Tag werden wir mit Sekt und Schweizer Schokolade begrüßt. Das Programm scheint perfekt durchorganisiert, keine Spur von überfüllten Seminaren. Elf andere Studenten nehmen am GISP teil, fünf Europäer, der Rest aus Asien und Südamerika. Wir verstehen uns auf Anhieb.

Im Seminar über interkulturelle Kommunikation sollen wir einige Fragen beantworten: "Würden Sie eine falsche Zeugenaussage für einen Freund machen, der betrunken und zu schnell gefahren ist und dabei eine Frau verletzt hat?" Die Studenten aus Europa verneinen die Frage, die Asiaten bejahen sie mehrheitlich, die Südamerikaner wollen sich nicht recht entscheiden – im Alltag aber spürt man wenig von solchen kulturellen Unterschieden.

Im Jahr 1559 gründete Calvin die Universität als intellektuelles Zentrum der Reformationsbewegung. Das merkt man heute noch. Die Dozenten weisen gern auf die glorreiche Uni-Vergangenheit hin, die Gebäude sind mit Büsten berühmter Forscher dekoriert. Die Genfer Uni landet regelmäßig in den Top-Ten-Rankings der besten europäischen Hochschulen. Die meisten Räume sind in erstklassigem Zustand und mit modernster Technik ausgestattet.

Straffes Programm in der Kaderschmiede

Die Kurse meines Programms hinterlassen einen gemischten Eindruck. Manche kommen völlig ohne wissenschaftliche Methodik aus. Besuche bei internationalen Organisationen beginnen stets mit halbstündigen PR-Filmchen. Sie sollen die großartige Arbeit der Organisation und den Nutzen für die Menschheit illustrieren – inklusive leuchtend weißer Uno-Lastwagen und weinender Kinder. Keine Erwähnung findet dagegen das Desaster vor dem Irak-Krieg im Sicherheitsrat.

Interessanter sind die Hintergrundgespräche mit Mitarbeitern. Ein Vertreter der WTO erklärt uns im Detail, wie kompliziert die Prozesse und Mechanismen für Kompromisse und Konsens sind. Bei der World Meteorological Organisation sagen die Mitarbneiter hauptsächlich, dass man das Wetter nun mal nicht vollständig vorhersagen könne - und das sei eigentlich auch ganz gut, sonst gäbe es ja keinen Bedarf mehr für diese Organisation.

Ein Brief des Fakultätsrektors hilft, einen Platz im Kurs zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte am Institut für internationale Beziehungen (HEI) zu bekommen. Das Institut versteht sich als Kaderschmiede für internationales Personal, auch Kofi Annan zählt zu den Absolventen. Der Kurs ist ein Volltreffer: Ein indischer Ökonom betrachtet die Geschichte des Westens und die Ursachen für die schnelle Industrialisierung. Jede Woche sind mindestens hundert Seiten, im Laufe des Semesters mehrere Bücher zu lesen – die meisten Studenten halten das auch durch. Also weiß man, wovon man spricht.

Wenig Studentenkultur, dafür Bollywood-Partys

Genf gilt als die "kleinste Weltstadt der Welt", weil alle bedeutenden internationalen Organisationen und Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) dort ihren Hauptsitz oder eine Niederlassung haben, außerdem Privatbanken und das CERN, der größte Teilchenbeschleuniger der Welt. Darum kommt die Hälfte der Einwohner Genfs aus dem Ausland, Physiker genauso wie Diplomaten oder Entwicklungshelfer – und unzählige Praktikanten.

Platz für eine lebendige Studentenkultur bleibt allerdings kaum; meine erste und letzte Erasmus-Party bestand aus 50 tapfer feiernden Studenten. Dafür gibt es skandinavische Praktikanten-Stammtische oder echte Bollywood-Partys mit vielen Gästen vom indischen Subkontinent. Man unterhält sich auf Englisch und lernt kaum echte Genfer kennen, die meist nicht viel mit den "Internationals" zu tun haben.

Trotz aller Weltoffenheit vermisse ich ein großstädtisches Lebensgefühl. Sonntags sind die Straßen der Innenstadt wie leergefegt, unter der Woche schließen die Bars gegen Mitternacht, am Wochenende um zwei Uhr. Danach geht es in die wenigen mal alternativen, mal schicken Clubs.

Wurzeln schlagen Gaststudenten hier eher nicht

In einem gibt es ab einem Bestellwert von vielleicht 3000 Euro ein Ritual für betuchte Gäste: Plötzlich geht die Musik los, Spotlights strahlen die Bar an, zur "Star Wars"-Melodie bringen drei Kellner ein paar mit Wunderkerzen dekorierte Flaschen zum Tisch von sechs Jungs gebracht.

Mitte November packt mich die Sehnsucht nach dem Meer, mit einem Freund fahre ich für ein Wochenende nach Südfrankreich, wo das Meer noch warm ist. Lyon, Mailand, Turin und die halbe Schweiz, alles ist in zwei bis drei Autostunden erreichbar.

Und das ist auch gut so: Inmitten dieser internationalen Gemeinschaft, die immer auf dem Sprung ist, schlägt man als Student keine Wurzeln. Genf ist Lebensabschnitt, mehr nicht -perfekt für einen Auslandsaufenthalt.

Am Ende des Semesters habe ich sogar zwei Genfer Freunde. Aber auch sie können die Schweiz nicht erklären: Christopher Blocher, seine schwarzen Schafe, den Röstigraben und die vier offiziellen Landessprachen. Vielleicht beim nächsten Mal. Ich würde wiederkommen.



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