Auslandsstudium Fernes, fremdes Indien

Deutsche Hochschulen geben viel dafür, internationaler zu werden und ihren Studenten Auslandsaufenthalte zu ermöglichen. Indien steht ganz oben auf der Wunschliste - doch die Suche nach dem richtigen Partner hat ihre Tücken, wie das Beispiel eines Instituts in Bangalore zeigt.

Bangalore: Die Stadt ist Indiens IT-Metropole, deutsche Hochschulen suchen Kontakte
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Bangalore: Die Stadt ist Indiens IT-Metropole, deutsche Hochschulen suchen Kontakte

Von Bärbel Schwertfeger


An der Hochschule Neu-Ulm war die Freude über den Geldsegen groß. Im September 2009 und 2010 können jeweils 30 Studenten vier Wochen am Indian Institute of Planning and Management (IIPM) in Bangalore studieren. Unterstützt werden sie dabei mit 80.000 Euro vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD).

Indiens Wirtschaft boomt trotz Krise, immer mehr deutsche Unternehmen gründen dort Niederlassungen oder kooperieren mit indischen Partnern. Ein Studienaufenthalt in Indien kann daher bei der Jobsuche und im Berufsleben durchaus Vorteile bringen. Doch die Suche nach einer Partnerschule hat ihre Tücken. Der indische Hochschulmarkt ist unübersichtlich - und neben anerkannten Unis tummelt sich auch so manches schwarze Schaf auf dem Markt.

Unterstützung bietet der DAAD. Die 1923 gegründete Organisation kümmert sich seit vielen Jahren um die Kontaktanbahnung mit ausländischen Hochschulen, um den deutschen Universitäten ein wenig Weltläufigkeit und den Partnern in der Fremde deutsche Kultur nahe zu bringen. Dazu verfügt der DAAD über einen Jahresetat von rund 300 Millionen Euro und vergibt aus diesem Topf auch viele Stipendien, sowohl an Deutsche als auch an Ausländer, die in Deutschland studieren.

Mit dem Sonderprogramm "A New Passage to India" will der DAAD nun den Austausch mit Indien verstärken. Derzeit sind rund 4000 Inder an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Aber nur etwa 150 Deutsche studieren in Indien - das neue Programm soll dieses Ungleichgewicht abmildern. 3,1 Millionen Euro stellt das Bildungsministerium dem DAAD allein für 2009 für Studien- und Forschungsaufenthalte an indischen Hochschulen zur Verfügung. Hochschulen können sich um Fördergelder bewerben.

Partner fehlt die staatliche Anerkennung

Neu-Ulm zählte dabei zu den Gewinnern. "Das kompakte Programm mit Theorie und Praxis, unsere Erfahrung und das Renommee unserer indischen Partnerhochschule waren ausschlaggebend für den Erfolg unseres Förderantrags", erklärte Projektleiter Klaus Lang. Bereits 2008 waren 25 Neu-Ulmer Studenten am IIPM. "Die Auswahlkommission zeigte sich beeindruckt von den sehr guten Erfahrungen der bisherigen Kooperation", schreibt der DAAD. So seien nicht nur Verlauf und Ergebnisse der Sommerschule gut belegt, der damals zuständige Projektverantwortliche habe sogar die Zusage der Schirmherrschaft von Bundesbildungsministerin Annette Schavan erhalten.

Doch die Sache hat einen Haken, einen unschönen und gravierenden. Denn bei der Partnerschule der Neu-Ulmer handelt es sich um keine in Indien anerkannte Hochschule. Das gilt bei internationalen Kooperationen normalerweise als hartes K.o.-Kriterium. Das IIPM aber ist nicht berechtigt, in Indien als Universität tätig zu sein und selbst akademische Abschlüsse zu vergeben. Es kooperiert daher mit einem Institut in Belgien, das dort ebenfalls nicht anerkannt ist.

Obendrein hat die private Business School, die außer im IT-Zentrum Bangalore Standorte in einigen weiteren indischen Städten unterhält, einen reichlich umstrittenen Ruf und ist für sehr offensives Marketing bekannt. So hat das IIPM wiederholt mit renommierten angeblichen Partnerschulen geworben, die eine Kooperation indes bestritten. Bereits 2007 distanzierte sich die Stanford Graduate School of Business deutlich von falschen IIPM-Angaben. Und im Juni forderte die Booth School of Business an der University of Chicago das IIPM auf, ihren Namen umgehend von den IIPM-Websites zu entfernen.

Das Grundproblem: Die indische Bildungslandschaft ist für deutsche Unis ausgesprochen unübersichtliches Terrain, umso sorgfältiger müssten sie sich informieren. Viele internationale Hochschulen suchen Kontakte und Partnerschaften zu Indiens Business Schools der ersten Liga. Aber umgekehrt schmücken sich weniger renommierte indische Einrichtungen ebenfalls gern mit internationalem Glanz - das soll ihren Ruf aufwerten, ihnen ein seriöseres Image geben.

"Eine peinliche und unangenehme Geschichte"

Beim IIPM, das sich selbst als "eine der führenden Business Schools in Indien" bezeichnet, hätte schon eine simple Google-Abfrage genügt, um zahlreiche Informationen und kritische Einschätzungen zu finden - es gibt sogar einen ausführlichen Wikipedia-Eintrag. Doch diese Mühe hat man sich an der Hochschule Neu-Ulm offenbar nicht gemacht.

Aber auch der DAAD hat bei der formalen Überprüfung des Förderantrags gepatzt. "Wir haben erst durch Ihre Anfrage festgestellt, dass wir da einen Fehler gemacht haben", erklärt Nina Lemmens, Leiterin der DAAD-Abteilung Internationalisierung und Kommunikation und zuvor Leiterin der Gruppe Asien-Pazifik. Bedauerlicherweise sei übersehen worden, dass diese Schule in Bangalore "nicht unseren Standards" entspricht.

Nach Abwägung des möglichen Schadens habe man sich aber entschlossen, der Hochschule Neu-Ulm für 2009 die Förderung für ihr Projekt nicht kurzfristig zu entziehen, um den Studienerfolg der betroffenen deutschen Studenten nicht zu gefährden. Allerdings bemühe sich die Hochschule in Abstimmung mit dem DAAD darum, kurzfristig eine andere Partnerschule zu finden. "Das Ganze ist eine peinliche und unangenehme Geschichte", räumt die DAAD-Mitarbeiterin ein.

Auch die RWTH Aachen wäre beinahe eine Kooperation mit dem IIPM eingegangen. Nur weil die Inder den Vertrag nie zurückschickten, kam der Austausch nicht zustande. Man habe sich 2007 beim DAAD nach der Schule erkundigt, sagt Heide Naderer, Leiterin des International Office. Die Anfrage wurde an den damaligen Leiter der DAAD-Außenstelle in Neu Delhi weitergeleitet. Und der antwortete, dass das IIPM in den Rankings zu den besten zehn aus einer Gruppe von etwa 1000 Schulen zähle, was er unter anderem mit einem Ranking im indischen Magazin "Outlook" belegte. "Outlook" allerdings hat längst dem Institut alle Platzierungen in Rankings entzogen. Begründung: Das IIPM habe potentielle Studenten mit falschen Fakten und "unethischen Anzeigen" in die Irre geführt.

Aus der DAAD-Antwort aus Neu Delhi habe sie nicht entnommen, dass es sich beim IIPM um eine fragwürdige und nicht anerkannte Hochschule handele, sagt Naderer. Natürlich verlasse sie sich auf den DAAD. "Das wäre eine ziemliche Katastrophe gewesen", sagt sie. "Wir hätten niemals einen Austausch mit einer nicht anerkannten Hochschule gemacht. Da könnte man ja auch keine Credits übernehmen."

Skepsis ist notwendig

Wenn sie nicht auf die Nase fallen wollen, tun Hochschulen also gut daran, sich bei der Auswahl ausländischer Partner nicht allein auf den DAAD zu verlassen, sondern selbst zu recherchieren und dabei stets eine gewisse Skepsis zu zeigen - wie Elvira Stephenson-Soetewey vom International Office der Munich Business School. "Wir haben ein Angebot vom IIPM bekommen, dass wir ihnen Studenten schicken können", erinnert sie sich. Sogar die Unterkunft sei umsonst gewesen. Als dann jedoch ein Student nach Indien wollte und man die Schule nochmals angeschrieben habe, sei ein völlig anderer Vertragsentwurf zurückgekommen. Stephenson-Soetewey kam das alles seltsam vor, sie erkundigte sich bei anderen Hochschulen über das IIPM: "Die haben mir geraten, die Finger davon zu lassen."

Manche Hochschulen sind erstaunlich sorglos. So hat auch die Universität Bayreuth ein Austauschprogramm mit dem IIPM. Einige der Studenten hätten dort ein Semester verbracht und den Aufenthalt als durchaus gewinnbringend empfunden, schreibt Reinhard Meckl, Professor am Lehrstuhl für internationales Management. Er habe zwar schon öfter von problematischen Praktiken des IIPM gehört, und aktuell seien dort auch keine Bayreuther Studenten, aber offiziell beendet sei die Zusammenarbeit nicht. Bislang habe er dafür keinen Grund gesehen.

Geradezu resistent gegen alle Zweifel zeigt sich die Mercator School of Management an der Uni Duisburg-Essen. Auf der Website zum Austauschprogramm mit dem IIPM, das sie seit 2009 anbietet, heißt es dazu: "Das IIPM wird von unabhängigen Institutionen durchgehend sehr hoch gerankt und findet sich zumeist unter den Top 10 der indischen Business Schools wieder." Ein Studium am IIPM biete "auch akademisch eine hervorragende Ergänzung zu dem Studium in Deutschland". Auch nachdem die Uni mit Fakten über das IIPM konfrontiert wurde, hält sie an der Zusammenarbeit fest. Man habe "im Vorfeld gründlich geprüft, ob das IIPM als Partner für einen Studierendenaustausch infrage kommt", und dabei hätten sich "keine Anhaltspunkte ergeben, die Kooperation nicht einzugehen".



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