Auslandsstudium in Peru Kein prima Klima in Lima

Inkas und Machu Pichu, bunte Strickpullis und wunderschöne Berglandschaften - das fiel Ulf Richters Freunden zu Peru ein, bevor er nach Südamerika aufbrach. Der Wirtschaftsstudent aus Oestrich-Winkel absolvierte ein MBA-Programm in Lima und erlebte einige Überraschungen.


Ulf Richter am Titicaca-See: Ließ sich genug Zeit zum Reisen
Ulf Richter

Ulf Richter am Titicaca-See: Ließ sich genug Zeit zum Reisen

Schon bei einer Radtour durch die Wüste Atacama in Chile hatte ich einiges von der Faszination Südamerikas eingeatmet. Deshalb fiel mir die Entscheidung für die "Escuela de Administración de Negocios para Graduados" (ESAN) in Lima nicht schwer - ein ungewöhnlicher Ort für ein Auslandssemester.

Schon beim Anflug stellte ich allerdings fest, wie unrealistisch meine Vorstellungen von Sonne und Meer waren. Lima erfreut sich im peruanischen Winter einer fast durchgehend geschlossenen Wolkendecke. Nur selten lässt sich die Sonne blicken. Die Temperaturen liegen zwischen 10 und 15 Grad, die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch. Dafür ist Regen selten und Gewitter fast unbekannt - ein Taxifahrer erzählte mir, dass er in seinem Leben erst einmal einen Blitz gesehen habe.

Huaraz am Morgen: Eindrucksvoller Trip
Ulf Richter

Huaraz am Morgen: Eindrucksvoller Trip

Ich hatte mir vorab eine Gastfamilie organisiert. Am Flughafen musste ich mich erst einmal tapfer durch eine Horde von Taxifahrern kämpfen, die mich alle zum garantiert besten Preis nach Monterrico fahren wollten. Trotzdem nahm ich einen Touristenbus.

Die Gastfamilie erwies als sehr freundlich, Tochter und Sohn schlossen mich sofort in ihren Freundeskreis ein. Sie nahmen mich oft zu kulturellen Ereignissen oder zum Strand mit.

Im Moloch Lima

Lima hat etwa 7,5 Millionen Einwohner - ein grober Schätzwert angesichts der Slums am Rande der Stadt. In diesen Ansiedlungen gibt es oft weder Strom noch fließendes Wasser. Zunächst war ich völlig überfordert von der schieren Größe der Stadt, dem chaotischen Verkehr, dem Lärm und der Armut, die einem bei jedem Schritt bewusst wird.

Richters Reisegruppe: Peruaner tragen lustige Mützen, Touristen auch
Ulf Richter

Richters Reisegruppe: Peruaner tragen lustige Mützen, Touristen auch

Hunderttausende von fliegenden Händlern verkaufen auf der Straße einfach alles, vom Nudelholz bis zur Topfpflanze. Kinder versuchen an jeder Ecke einen Sol zu verdienen, indem sie Autoscheiben säubern. Diebstahl ist ein großes Problem.

In ganzen Stadtteilen werden nur gestohlene Teile verkauft, hauptsächlich Autoteile. Was man abschrauben kann, wird gesichert, sogar Spiegel und Stoßstange. In manche Stadtteile fahren selbst Taxifahrer aus Angst vor Raub nicht.

Arm und reich - die Uni als Kontrastprogramm

Wenn man gewisse Regeln beachtet, ist das Leben in Lima aber unproblematisch. So gibt es zwei große Ausgehviertel: Im urigen Barranco und im mondäneren Miraflores ist am Wochenende die Hölle los ist. Als Ausländer fällt man sofort auf, da die meisten Touristen nach einem Tag nach Cusco weiterreisen, um Machu Pichu zu besuchen.

Am Wegesrand: Neugierige Guerillero-Kuh
Ulf Richter

Am Wegesrand: Neugierige Guerillero-Kuh

Meine Universität war ein ziemliches Kontrastprogramm. Die ESAN, eine Gründung der Stanford University aus dem Jahre 1973, ist die älteste private Hochschule in Südamerika. Sie verfügt über hochmoderne Gebäude mit Intranet und Netzwerkzugang an jedem Arbeitsplatz. Ihr Ruf in Peru ist hervorragend, auch Staatspräsident Toledo studierte dort.

Die ESAN bietet unter anderem ein MBA-Programm, an dem ich ein Semester lang teilnahm. Die Studenten sind im Durchschnitt zwischen 26 und 36 Jahre alt und gehören fast durchweg zur Oberschicht, denn nur wenige in Peru können sich die Studiengebühren leisten.

Tor für Deutschland

Insgesamt waren wir nur sechs Austauschstudenten, drei Deutsche von der European Business School in Osterich-Winkel sowie drei Belgier. Die gesamte Uni hat etwa 1000 Studenten.

ESAN-Campus: Perus Nobel-Uni
Ulf Richter

ESAN-Campus: Perus Nobel-Uni

Das Studium an der ESAN stellte sich als überaus arbeitsintensiv heraus. Für jeden Kurs erhielten wir ein oder zwei volle Ordner mit Arbeitsmaterialen. Die mussten voll durchgearbeitet werden, bei zunächst begrenzten Spanischkenntnissen eine sehr fordernde Aufgabe. Gruppenarbeit wurde groß geschrieben.

Dass Verspätungen von zwei Stunden oder mehr nach dem peruanischen Zeitverständnis üblich sind, hatte auch angenehme Seiten. So konnten wir unsere Klausuren fast nach Belieben verlegen lassen, wenn wir im Semester das Land bereisen wollten. Das nutzten wir eifrig aus und unternahmen zum Beispiel einen wirklich beeindruckenden Trip nach Arequipa, wanderten durch den Cañon del Colca, die angeblich tiefste Schlucht der Welt, und übernachteten in der Hütte einer Indiofamilie.

Incatrail: Ulf Richter auf dem Pass
Ulf Richter

Incatrail: Ulf Richter auf dem Pass

Peruaner lieben Fußball. Und so gab es jedes Wochenende das obligatorische Spiel, an dem neben Studenten auch Uni-Angestellte, Wachmänner und Nachbarn teilnahmen. Als junge, dynamische Austauschstudenten schossen wir emsig Tore zur Ehre Deutschlands und Belgiens.

Zur Abrundung unseres Aufenthalts gingen alle Austauschstudenten nach dem Semesterende auf Reisen und fuhren teilweise gemeinsam durch Peru. Neben den obligatorischen Incatrails zu den Ruinen von Machu Pichu besuchte ich auch Puno und machte eine Bootstour über den Lago Titicaca mit der berühmten Insel Taquile - wohl der einzige Ort auf der Welt, wo nicht die Frauen, sondern die Männer stricken.

Grünes, feuchtes Universum mit Millionen Mücken

Machu Pichu zählt zu den meistbesuchten Orten Südamerikas, selbst in der Nebensaison. Wandern auf dem Incatrail muss einst ein spirituelles Erlebnis gewesen sein - und ist heute eine einfache Touristenattraktion.

Machu Pichu im Nebel: Einst ein spirituelles Erlebnis
Ulf Richter

Machu Pichu im Nebel: Einst ein spirituelles Erlebnis

Eine einwöchige Tour in den Regenwald brachte mir den unvergesslichen Eindruck eines grünen, feuchten, atmenden Universum mit riesigen Bäumen und einer unglaublichen Vielfalt. Und dazu ungefähr etwa hundert Millionen Mückenstiche und einen Riesenameisenbiss.

Die letzte Woche ließ ich dann am Strand ausklingen. Schon beim Rückflug wusste ich, dass ich auf jeden Fall zurückkehren werde, um dieses freundliche und wunderschöne Land zu wiederzusehen.

Von Ulf Richter



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