Auslandsstudium in Russland Sprechen Sie Baschkirisch?

Immer reichlich Majonäse, Wodka und Piroggen: Nadja Hagen, 21, studiert in Ufa. Dort lernt sie, dass man sich mit russischen Hausfrauen nicht anlegen sollte, warum Studenten gern spazieren gehen - und wieso eine Übersetzung für das Wort "Termin" ganz überflüssig ist.


Ein Auslandssemester in Russland - das verbringen die meisten Studenten in Moskau oder St. Petersburg. Für die Stadt Ufa entscheidet sich dagegen kaum jemand. Dabei kann man hier gleich zwei Sprachen lernen. Und wer die russische Kultur kennenlernen möchte, ist genau richtig. Deswegen habe ich mich für Ufa entschieden.

Hier wird nicht nur Russisch, sondern auch noch Baschkirisch gesprochen. In der Stadt ist das überall sichtbar: Jede Haltestelle und jeder kleinste Laden ist zweisprachig beschildert. Und an der Staatlichen Baschkirischen Universität ist die philologische Fakultät in ein russisches und ein baschkirisches Institut unterteilt.

Ufa ist die Hauptstadt der Republik Baschkortostan. Hier leben 1,2 Millionen Menschen. Der Ausländeranteil ist nicht besonders hoch - aber es gibt überraschend viele Deutsche. Zu DDR-Zeiten bestanden enge Beziehungen zwischen beiden Ländern. Ein Teil davon setzt sich bis heute fort, etwa eine Kooperation mit der Sächsischen Wirtschaftsförderung und eine Städtepartnerstadt zwischen Ufa und Halle/Saale.

Wie jetzt, satt? Das ist kein Argument

In der "Stolovaia", das ist so etwas wie die Mensa, bekommt man einen guten Überblick über einen typisch russischen Speiseplan. Meist gibt es zuerst einen Salat mit Gemüse wie Kohl oder rote Bete, manchmal auch mit Fleisch. Dazu ein Muss: viel Majonäse. Danach wird eine Suppe serviert, meistens "Borschtsch" mit Kohl und Zwiebeln - und natürlich mit einem großzügigen Klecks Majo. Nach diesen beiden Gängen essen die Russen ein Hauptgericht, etwa Fisch oder Huhn mit Reis oder "Kasha", gekochtem Buchweizen. Und dann folgt noch eine herzhafte oder süße Pirogge, eine Art Pastete.

Zu jedem Gang gehört Brot. Denn ohne Brot ist ein russisches Essen nicht vollständig. Brot allein isst hier aber niemand. Für Deutsche ist das manchmal schwer zu verstehen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich herausgefunden habe, wie man es fertig bringt, die Köchin nicht zu verärgern, ohne zu platzen. Russische Köchinnen denken oft, dass ihren Gästen das Essen nicht schmeckt, wenn man nicht mindestens dreimal von allem Nachschlag nimmt. Einfach satt zu sein, das ist für eine russische Hausfrau kein Argument.

Ein Glas Wodka - oder "Sto gramm" wie er auf Russisch heißt - ist nach so einem Essen wirklich eine Wohltat. Allerdings bleibt es selten bei einem Glas. Und ein russisches Bisschen ist auch, zumindest nach meiner Erfahrung, ungefähr ein halbes Glas mehr als in Deutschland.

Als Alternative kann man auch einen Verdauungsspaziergang machen, hier in Russland eine offiziell anerkannte Freizeitbeschäftigung, besonders junge Leute gehen ihr nach. Dieses scheinbar langweilige "Hobby" hat ziemlich bodenständige Ursachen: Vielen hier mangelt es schlicht an Alternativen und an Geld.

Eine ganze Reihe von Studenten lebt von einem Stipendium, das knapp für den Wohnheimplatz und das tägliche Überleben reicht. Und billig ist das Leben in Russland nicht gerade. Ein Einkauf im Supermarkt kostet in Ufa genauso viel wie in Deutschland, obwohl die Menschen hier weniger verdienen.

Termine? Werden überschätzt

Geld spielt in Russland eine wichtige Rolle. Die Frage nach dem Einkommen ist völlig legitim, und jeder verrät gern, wie hoch sein Gehalt ist. Es gilt: Je mehr man hat, desto größer ist das Ansehen. Wenn Geld da ist, wird es ausgegeben. Was später kommt, wird man dann schon sehen. Diese Einstellung haben die Menschen auch in anderen Lebensbereichen. Langfristig plant hier kaum jemand. Nicht umsonst gibt es keine direkte Übersetzung für den deutschen "Termin". Ob beim Arzt oder an der Bushaltestelle: Man ist da, wenn man angekommen ist.

Die Gelassenheit ist regelrecht ansteckend - auch ich bin mittlerweile nur noch schwer aus der Ruhe zu bringen. Der lockere Umgang mit der Zeit hat sicherlich auch mit der Größe des Landes zu tun. Während man in Deutschland in gut zwölf Stunden einmal das ganze Land durchqueren kann, ist man in Russland gerade mal bis zur nächsten Stadt gekommen. Für einen Tagesausflug sechs Stunden mit dem Bus für eine Strecke einzukalkulieren, erscheint mir deshalb inzwischen ganz normal.

Busfahren im Winter ist übrigens nichts für Anfänger: Oft sind die Scheiben von innen und außen völlig vereist, so dass man keine Ahnung hat, wo man sich gerade überhaupt befindet. Ich habe meine Sitznachbaren schon etliche Male um Hilfe gebeten. Natürlich antworteten sie auf Russisch. Nicht immer habe ich verstanden, was sie mir sagen wollten. Die richtige Haltestelle habe ich daher schon häufig verpasst. Wie gut, dass ich es nie eilig habe.

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