Auslandsstudium in Singapur Strenge Sitten am Äquator

Kaugummikauen ist verboten - Miniröcke sind verpönt. Dass man als Studentin in Singapur trotzdem Spaß haben kann, weiß Julia Holtz. Die 21-jährige Berlinerin berichtet von einem bunten Kulturengemisch und erklärt, warum sie beim Lernen mit männlichen Kommilitonen immer einen Schuh in die Tür stellen musste.


Begegnung mit Buddha: Alles multi-kulti
Julia Holtz

Begegnung mit Buddha: Alles multi-kulti

Nachts dringt Papageien- und Affengeschrei durch das Fenster bis in mein Zimmer. Meine Universität liegt im Regenwald. Beinahe jedenfalls. Dort, wo vor hundert Jahren noch undurchdringliches Sumpfgebiet war und in dichten Regenwald überging, steht heute auf 150 Hektar Fläche die National University of Singapore. Stamford Raffles, der englische Stadtvater, hat sie vor knapp 100 Jahren gegründet.

Heute stehlen mir in der Open-Air-Cafeteria des Campus gierige Beos meine Nudeln, wenn ich nicht aufmerksam bin. So viel Exotik hätte ich mir vor einem Jahr noch nicht träumen lassen, als ich noch in Paris Ostasiatische Politik studierte.

Dort hatte ich gelernt, dass Indonesien 200 Millionen Einwohner hat und das größte muslimische Land der Welt ist, dass das tibetanische Bergvolk sich zur Begrüßung die Zunge raus streckt und die Mongolen sich gegenseitig beriechen. Das alles hat kulturelle Hintergründe, die Jahrtausende zurückliegen. Alles Theorie. Nun wollte ich das wirkliche Leben vor Ort kennen lernen.

Ich surfte im Internet, fragte Freunde und Professoren um Rat und entschied mich schließlich für die National University of Singapore, weil sie neben Hongkong, Tokio und Delhi zu den besten Universitäten des Kontinents zählt. 42.000 Studenten aus über 100 Ländern lernen hier an 14 Fakultäten.

Keine Ausländerkolonie: Julia Holtz mit ihrer Freundin Yang
Julia Holtz

Keine Ausländerkolonie: Julia Holtz mit ihrer Freundin Yang

Das Uni-Gelände ist so groß, dass sogar Shuttle-Busse verkehren. Trotzdem ist es kein Problem, Kontakte zu knüpfen. Wenn ich morgens zu meiner Vorlesung fahre, sitzen neben mir Malaien mit bunten Kopftüchern, indische Sikhs mit schneeweißem Turban und gezierte Japanerinnen. Weil Singapur ein Staat mit superstrengen Gesetzen ist, die das Essen im Bus verbieten, knabbern zwei pausbäckige Chinesinnen eilig und heimlich an ihren getrockneten Seealgen. Der Koreaner in Jeans schweigt wie jeden Morgen.

Akzeptierte Differenzen

Genau das ist es, was ich an meinem Studium in Singapur mag: Ich lerne, wohne, esse, fahre Bus, treibe Sport - alles in einem bunten Völkergemisch. Ich gehöre hier zu den ein Prozent Westlern und somit zur Minderheit, aber es ist, als würde ich schon immer dazugehören. Nie werde ich wegen meines fremden Aussehens angestarrt. Nur kleine Kinder in der U-Bahn zeigen ab und zu mit dem Finger auf mich und rufen dann laut in die Runde: "Waiguo ren", Westler. Aber das stimmt ja auch. Und ihre Unbekümmertheit ist niedlich. Alle lachen.

Von meinem Zimmer bis zu den Sportanlagen brauche ich gerade mal drei Minuten. Basketball und Tennis spielen wir hier bis spät in die Nacht. Oder wir sitzen unter freiem Tropenhimmel und grillen Satay-Spieße, die in Erdnuss-Soße getaucht werden. Wir diskutieren über Umweltverschmutzung, Frauen in der Gesellschaft oder Weltpolitik. Bis zu zehn verschiedene Nationen sind dabei versammelt.

Natürlich haben Ali Al'Sheik aus dem Irak und John Miller aus Boston unterschiedliche Meinungen, wenn wir über Themen wie internationale Einwanderungspolitik reden. Auch lassen sich die verschiedenen Welten nicht so einfach überbrücken, wenn ich mit Chinesen über Tibet rede. Nach vielen Jahren Schulunterricht und Regierungspropaganda sind Chinesen nicht davon abzubringen, dass China Tibet friedlich vom Feudalismus befreit hat.

Bei solchen Gelegenheiten wird uns klar, dass wir aus so unterschiedlichen Kulturen und politischen Systemen kommen, dass es manchmal einfach unmöglich ist, die Einstellung des anderen in so kurzer Zeit zu verstehen. Wenn wir das merken, dann gehen wir nicht tiefer und akzeptieren die Differenzen einfach.

Männer auf der Straße belauscht

Singapur hat vier Amtssprachen: Chinesisch Mandarin, Malaiisch, Indisch und Englisch. Die meisten Menschen sprechen Mandarin, die offizielle Amtssprache des großen Bruders im Norden, der Volksrepublik China.

Ostasiatische Metropole: Die Skyline Singapurs
GMS

Ostasiatische Metropole: Die Skyline Singapurs

Nach meinem Studium möchte ich in einem internationalen Konzern oder einer großen Organisation im chinesischen Sprachraum arbeiten. Ohne exzellente Sprachkenntnisse kein anspruchsvoller Job, das ist klar. Also habe ich bereits zu Hause begonnen, neben dem Studium Mandarin zu lernen. In Singapur studiere ich die Sprache nun zusammen mit dem Fach Ostasiatische Politik.

Ich wollte keine Ausländerkolonie bilden und habe mich deshalb gleich zu Beginn mit Yang, einer Chinesin, angefreundet. Wir wohnen zusammen mit 14 anderen Studentinnen auf einem Flur im sechsten Stock des Prince-Georges-Park-Wohnhauses, einem gerade fertig gestellten, modernen Gebäudekomplex. Fremde können dort nicht rein, denn der Fahrstuhl bewegt sich nur mit Chip-Karte.

Auf dem Campus gibt es überall Wachpersonal. Studentinnen und Studenten haben getrennte Flure. Wenn ich mit Jason aus New York in meinem Zimmer büffele, muss ich einen Schuh in die Tür stellen. Das ist jedenfalls die offizielle Regel. Frauen und Männer hinter geschlossenen Türen, das geht im sittenstrengen Singapur nicht.

Auf unserer Etage ist der Meeting Point, eine große Küche. Richtig gekocht wird hier aber kaum, denn das Essen in den Cafeterias und Garküchen ist so preiswert, dass es sich nicht lohnt, sich selbst an den Herd zu stellen. Ein komplettes Gericht kostet umgerechnet 1,50 Euro. Zur Auswahl stehen alle asiatischen Geschmacksrichtungen, jede für sich ein kulinarischer Genuss.

Auch das Wohnen ist bezahlbar. Für 240 Euro im Monat habe ich ein 15 Quadratmeter großes, klimatisiertes Appartement, studentenmäßig und gemütlich eingerichtet mit Schreibtisch, Bett, Kleiderschrank, Badezimmer und einem grandiosen Blick auf den Tropenwald. Einmal in der Woche kommen fünf indischen Putzfrauen auf unsere Etage. Von meinem Zimmer aus kann ich in der Ferne sogar das Chinesische Meer mit den vorüberziehenden Kreuzfahrtschiffen sehen. Da kommt Urlaubsfeeling auf.

Aber ich bin ja zum Studieren hier. Täglich verbessert sich mein Mandarin. Die chinesische Gebrauchssprache hat 3000 Schriftzeichen. Im ersten Monat habe ich bereits 250 davon gelernt. Bei 30 Wochenstunden und nur zehn Tagen Ferien pro Semester ist es oft ein Balanceakt, Studieren und Freizeitgestaltung unter einen Hut zu bringen. Aber ich lerne ja auch auf der Straße, weil ich dort Chinesisch sprechen muss.

Interkulturelles Kochen: Julia Holtz mit ihren chinesischen Freunden
Julia Holtz

Interkulturelles Kochen: Julia Holtz mit ihren chinesischen Freunden

Einmal, als ich mit meiner Freundin Yang joggen ging, überraschte ich zwei chinesische Männer, die sich in ihrer Sprache laut über mich unterhielten: "Ta hen gao keshi ye hen piaoliang" - "Ist die ja groß, aber sie sieht gut aus. "You de ren tebie tiaoqing" - "Ganz schön keck", konterte ich mit einer chinesischen Redensart. Die Verblüffung der beiden konnte nicht größer sein. Sie lachten und winkten mir hinterher.

Armani in China Town

Anders als in Europa ist hier auch das soziale Leben geordnet. Der Dresscode bestimmt die Kleidung auf dem Campus: keine Shorts, Mini-Röcke oder weite Ausschnitte. Singapur hat die strengsten Gesetze der Welt, die Stadt gilt aber auch als eine der sichersten und saubersten: Klauen kostet 500 Euro, öffentliches Rauchen 250 Euro, Kaugummikauen oder Spucken 250 Euro. Wer in den Lift pinkelt, muss ebenfalls 250 Euro Strafe zahlen.

Das Leben in Singapur ist aber alles andere als ein sittenstrenger Alptraum. Ausflüge auf die Nachbarinsel Sentosa oder ein Tauch-Wochenende in Malaysia sind normal. Auch Shopping lohnt sich. Bei unseren Bummeln auf den brodelnden Märkten in Little India, China Town oder in der Hauptgeschäftsstraße Orchard Road duftet es nach exotischen Gewürzen und das Feilschen der Händler ist ohrenbetäubend laut. Man findet Schnäppchen, von denen meine Freunde in Europa nur träumen können: Armani-Jeans, Louis-Vuitton-Taschen, Cartier-Uhren zu Spottpreisen - aber leider auch gefälscht.

In zwei Wochen ist mein Semester vorbei und ich muss die Rückreise nach Deutschland antreten. Leider. Dann werde ich auch meine dicke Thermojacke wieder hervorholen, die ganz oben im Schrank liegt. In Singapur, das etwa 140 km nördlich des Äquators liegt, ist es durchschnittlich 28 Grad warm und die Luft ist sehr feucht - tropisches Klima eben. In den Koffer für Singapur gehören also wirklich nur leichte Sommerkleidung und ein Schirm.

Mein Fazit: Es hat sich gelohnt. Neben meinem Sprachstudium konnte ich in Singapur meine Selbständigkeit, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit trainieren. Allesamt Fähigkeiten, die ich brauche, wenn ich in einer internationalen Organisation oder einem Konzern arbeiten will. Und noch etwas: Die große Toleranz gegenüber fremden Kulturen, die ich hier erfahren habe, werde ich ein Leben lang bewahren. Es hat Spaß gemacht. Am liebsten würde ich noch einmal von vorn anfangen.

Von Julia H. Holtz



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