Auslandsstudium mit Kind "Warum macht das eigentlich nicht jeder?"

Für manche sind sie Rabenmütter auf dem Ego-Trip, weil sie ihr Kind zum Auslandssemester mitnehmen. Bei der Vorlesung muss ja jemand den Zwerg betreuen. Aber Kindergärten gibt es auch anderswo. Courage, Mutti: Milena, Lukas und Luise sind jetzt Erasmus-Profis.

Von Sebastian Erb


Das kleine Mädchen strahlt und sagt: "Wir waren heute im Park." Warm eingepackt in einen rosa Anorak rennt die Milena, 5, ihrer Mutter in die Arme. Violetta Splitter ist erleichtert, wenn sie ihre Tochter Milena so erlebt. Vor wenigen Wochen noch war alles ganz anders. Milena heulte jeden Abend. "Brüssel ist blöd", sagte sie. Und dass die anderen eine komische Sprache sprechen und sie die ganze Zeit ärgern. Milena wollte einfach nur nach Hause.

In solchen Momenten fragte BWL-Studentin Violetta Splitter, 27, sich dann, ob ihre Familie mit ihren Bedenken doch Recht hatte. Ein Auslandsstudium mit Kind - warum tue ich Milena das an? Bin ich eine schlechte Mutter?

Das glaubten ihre Freunde zwar nicht. Doch für mutig hielten auch sie das Erasmus-Semester. Und scherzten, die kleine Milena werde auf eine Zukunft als Managerin vorbereitet. Darum ging es Splitter natürlich nicht. "Meine Motivation ist doch die gleiche wie bei allen anderen: Ich will Erfahrungen im Ausland sammeln", sagt sie und rührt gedankenverloren im Milchkaffee. Was blieb ihr anderes übrig, als ihre Tochter mit nach Brüssel zu nehmen?

Auf nach Kopenhagen

So beherzt wie Violetta Splitter sind nur wenige. Die genaue Zahl der jungen Väter und Mütter, die sich für ein Auslandssemester entscheiden, ist unbekannt. Der Deutsche Akademische Auslandsdienst (DAAD) förderte letztes Jahr nur zwanzig Studierende mit Kind. In den Jahren davor waren es noch weniger. "Für die Chancen auf dem Arbeitsmarkt ist Auslandserfahrung heute sehr wichtig. Daher wird man eher in Kauf nehmen, auch mit Kind ins Ausland zu gehen", so Hannelore Cauillaud vom DAAD.

Jobaussichten hin oder her - Hannah Scholz schminkte sich den Traum vom Auslandsstudium erstmal ab, als sie mit 20 Jahren Mutter wurde. Erst als sie 26 war, dachte sie wieder darüber nach. An der Uni Köln, wo sie Jura studiert, konnte man ihr wenig Tipps geben. Doch Hannah gab nicht auf. Inzwischen verbringt sie gemeinsam mit ihrem fünfjährigen Sohn ein Semester in Kopenhagen.

Ein Auslandsstudium - das bedeutet ein ungewohntes Umfeld, eine fremde Sprache, eine andere Kultur. Mit Kind kommt noch eine weitere Herausforderung hinzu: Wer passt auf den Nachwuchs auf, wenn man selbst in der Vorlesung sitzt?

Hannah Scholz schickt ihren Sohn Lukas in den internationalen Kindergarten, dort wird er auf Englisch betreut. Dafür muss sie zwar einiges bezahlen. Doch während des kurzen Aufenthalts auch noch Dänisch zu lernen, das wollte sie Lukas dann doch nicht zumuten. Ab und zu passt Hannah auf die Kinder einer Nachbarsfamilie auf - und bekommt im Gegenzug auch mal frei. Alles läuft so gut, dass sie sich inzwischen fragt: "Warum macht das eigentlich nicht jeder, mit Kind?" Für sie und ihren Sohn ist die Zeit in Kopenhagen eine "ganz tolle Erfahrung".

"Die hielten es für einen ziemlichen Ego-Trip"

Nicht überall klappt es mit der Kinderbetreuung so reibungslos. Die Kunststudentin Eva Weymann, 36, wollte schon immer nach Paris. In ihrem letzten Studienjahr bekam sie das begehrte Stipendium. Doch dann kam die Schwangerschaft dazwischen. Ein Jahr später zog sie trotzdem nach Paris - mit ihrer inzwischen 13-monatigen Tochter Luise. Sie wollte sich die Auslandserfahrung nicht nehmen lassen. Obwohl ihre ganze Familie dagegen war. "Die hielten es für einen ziemlichen Ego-Trip."

Auch die Dame im Pariser Bürgermeisteramt schaute sie nur ungläubig an und fragte: "Wie haben Sie sich das eigentlich vorgestellt?" Denn kurzfristig bekommt man in Frankreichs Hauptstadt keinen Kindergartenplatz. Doch Eva Weymann dachte gar nicht daran aufzugeben. Sie nahm ihre Tochter ein paar Mal mit in die Uni - und fand schließlich eine private Tagesmutter.

Hätte ihr Freund nicht weiter in Deutschland gearbeitet, hätte sie sich die Kinderbetreuung trotz Stipendium nicht leisten können. Als sie und ihre Tochter einmal gleichzeitig krank wurden, wusste sie nicht mehr weiter. "Ich hatte dort nicht das soziale Netz wie in Deutschland."

Kein klassisches Erasmus-Leben

Und noch einen Haken hatte das Auslandssemester mit Kind: "Vom studentischen Leben habe ich im Grunde nichts mitbekommen", sagt Weymann. Dafür hat sie zusammen mit ihrer Tochter die Parks und Spielplätze der Stadt erkundet und Museen besucht. Die neun Monate Paris möchte sie nicht missen.

Auch Violetta Splitter bereut es nicht, mit Tochter Milena nach Brüssel gegangen zu sein. Natürlich führe sie kein klassisches Erasmus-Leben, sagt die BWLerin. "Ich kann nicht einfach abends in der Kneipe Leute kennen lernen." Trotzdem genießt sie die Zeit - und ist überzeugt, dass auch Milena vom Auslandsaufenthalt profitiert. "Man kann nicht zu jung sein, um die Erfahrung zu machen: Woanders ist es anders."

Um ihre Tochter während der BWL-Vorlesungen unterzubringen, suchte sie einen Platz in staatlichen "Ecoles maternelles". Die sind sogar kostenlos, aber bekommt man dort überhaupt so schnell einen Platz? Splitter war skeptisch. Sie schrieb ein Dutzend E-Mails und bekam genauso viele Antworten: Das sei kein Problem, sie solle einfach vorbeikommen. Violetta wunderte sich - denn aus München war sie ganz anderes gewohnt. Manchmal ist das Leben mit Kind im Ausland sogar leichter.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.