Bachelor-Alarm Hinein in den Beruf, aber in welchen?

Sechs Semester und ab auf den Arbeitsmarkt - der Professorenlobby geht das zu schnell. Auch Berufsverbände der Lehrer, Ärzte und Juristen warnen vor dem Bachelorstudium. Ihre Befürchtung: Nach der Uni landen die Absolventen als Halbgelehrte direkt auf dem Abstellgleis.

Von Jens Radü und


Die deutsche Bildungspolitik wird seit Jahren von italienischen Städtenamen bestimmt: Der "Pisa"-Schock erschütterte im Jahr 2000 das Land und wirkt nach. In den Universitäten geht unterdessen das "Bologna"-Gespenst um: Bei einer Konferenz in Bologna hatten die europäischen Bildungsminister 1999 das "Europa des Wissens" ausgerufen und wollen die Mobilität der Studenten fördern. In 45 Staaten sollen bis 2010 alle Studiengänge vergleichbarer und bürokratische Hürden abgebaut werden.

Bachelor-Absolventen: Bei Studenten beliebt, bei Verbänden umstritten
DPA

Bachelor-Absolventen: Bei Studenten beliebt, bei Verbänden umstritten

Für Deutschland bedeutet das vor allem: Adios Diplom, au revoir Magister, welcome Bachelor - eine komplette Umstellung von den traditionellen Abschlüssen zu gestuften Studiengängen. Seitdem beherrscht Bologna die Hochschulgremien an den deutschen Universitäten und Fachhochschulen. 2002 wurde das Hochschulrahmengesetz geändert, überall sind die Studiengänge im Umbruch. 34 Prozent führen inzwischen nach Angaben der Hochschulrektorenkonferenz zu einem der international üblichen Abschlüsse. Und allein vom Sommer- zum Wintersemester dieses Jahres ist die Zahl der Bachelor- und Master-Studiengänge um 29 Prozent auf 3797 gestiegen.

Je stärker der Bachelor-Strudel die Unis erfasst, desto heftiger brodelt es dort auch. Es ist beinah wie bei der Rechtschreibreform: Zunächst gab es die Beschlüsse, dann machten die Gegner nach Kräften mobil. Der traditionsfesten Professorenlobby war nie wohl bei der Umstellung auf Bachelor und Master. Nun schlägt der Deutsche Hochschulverband lautstark Alarm: "Der Bachelor ist für einige Studiengänge ein Irrweg", erklärt DHV-Präsident Bernhard Kempen.

Bachelor-Mediziner für das rechte Knie

Umstritten sind vor allem jene Studiengänge, die mit einem Staatsexamen enden: Jura, Medizin, Lehramt. "Wir haben schon von Beginn an gesagt, dass es für diese Fächer Ausnahmen geben muss", sagt Kempen und entwirft ein grelles Horrorszenario von 20.000 arbeitslosen Bachelor-Juristen binnen drei Jahren. Auch für Bachelor-Mediziner sieht er keine Perspektiven: "Das wird zu einer Erosion des Arztberufs führen. Wir brauchen keine Spezialisten für das rechte Knie oder das linke Ohr."

Grafik: Arbeitslose Akademiker
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Grafik: Arbeitslose Akademiker

Die Technischen Universitäten bangen um das gute, alte deutsche Diplom und protestieren schon länger. Im Juli wachte auch der Deutsche Lehrerverband auf und sorgte sich gemeinsam mit einigen Fakultätentagen der Unis um die Qualität der Ausbildung - der Bachelor jedenfalls qualifiziere nicht für den Lehrerberuf. Bald darauf stemmten sich die Mediziner gegen die Bachelor-Abschlüsse, und letzte Woche probten auch die Juristen den Aufstand. Immer mit an Bord: der Deutsche Hochschulverband.

Der Protest kommt spät, ist aber mehr als nur ein trotziges Aufbäumen der Reformallergiker. Die Bundesländer und die Hochschulen haben selbst noch nicht entschieden, wie es mit den Examens-Studiengängen weitergehen soll. Doch Bernhard Kempen meint, die Richtung sei eindeutig: "Es mehren sich die Anzeichen, dass auch die Examensstudiengänge flächendeckend und rigoros auf das sechssemestrige Bachelor- und Master-System umgestellt werden sollen. Da gibt es non-paper-Beschlüsse von der Hochschulrektorenkonferenz."

Die HRK jedoch widerspricht. "Das ist falsch. Über eine Reformstruktur der Examensstudiengänge wie Medizin oder Jura gibt es keine Regelungen", sagt Andrea Frank, Projektleiterin des Kompetenzzentrums Bologna der HRK. Es sei lediglich eine Veranstaltung Mitte Oktober geplant, auf der über die Möglichkeiten und Grenzen von Bologna im Medizinstudium diskutiert werden soll.

Hinein in den Beruf - aber in welchen?

Auch im Fach Jura ist die Zukunft ungewiss. "Wir sollten uns davor hüten, den Studierenden mit einem juristischen Bachelor falsche berufliche Hoffnungen zu machen", sagte Bundesjustizministerin Brigitte Zypries letzte Woche auf einer Fachtagung zum Bologna-Prozess und zur Juristenausbildung. Nach geltendem Recht sei die Rechtsberatung nur besonders qualifizierten Personen vorbehalten - also von Bachelor-Absolventen nicht zu leisten.

Grafik: Studienabbruch nach Fächern
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Grafik: Studienabbruch nach Fächern

Während man bei der Tagung noch über das "Ob" der Bachelor-Juristen debattierte, saß in den Zuschauerrängen jemand, der schon über das "Wie" berichten kann. Stefan Haussmann ist Koordinator für den ersten "Bachelor of Laws", der seit fünf Jahren mit wirtschaftsrechtlicher Ausrichtung an der Greifswalder Universität angeboten wird. "Unsere Studenten sitzen in klassischen Jura-Vorlesungen und hören Strafrecht, aber sie haben auch Betriebswirtschafts- und Rhetorik-Kurse", erzählt er.

Echte Absolventen-Erfahrungen gibt es noch nicht: Den ersten Bachelor-Studenten vor fünf Jahren war das neue Modell allein noch zu unsicher - sie schrieben sich zudem auch für den klassischen Jura-Studiengang ein, stecken also noch im Studium. "Jetzt sagen die Erstsemester, dass sie schon nach drei Jahren in den Beruf einsteigen wollen", berichtet Haussmann. Aber in welchen? Schnittstellen besetzen, in der Wirtschaft, bei Verbänden und Vereinen arbeiten - das schwebt Haussmann vor.

"Ein klares Berufsfeld gibt es für unsere Absolventen nicht, das stimmt", räumt er ein. Die Politik sei nun in der Pflicht, dafür zu sorgen, den Arbeitsmarkt für die Bachelor-Juristen zu öffnen. Viel Hoffnung hat Haussmann da nicht - obwohl die Nachfrage groß ist: 100 Studenten drängen zum Wintersemester in das Greifswalder Bachelor-Modell, mehr als doppelt so viele als in den letzten Jahren.

Der Pionier Greifswald findet überall in der Republik Nachahmer. Und auch in die Lehrerausbildung kommt Bewegung: Nun geht die Universität Dortmund den Weg nach Bologna und bietet einen Lehramts-Bachelor an. In sechs Semestern sollen die Studenten mit vielen Praxisphasen schnell erkennen, ob der Lehrer-Beruf überhaupt zu ihnen passt. "In der klassischen Lehrerausbildung kommt die Praxisphase ja relativ spät. Wer dann erst merkt, dass der Lehrerberuf vielleicht gar nichts für ihn ist, der hat dann lange umsonst studiert", erklärt Uni-Sprecher Ole Lünnemann. Die Bachelor-Scheine könne man sich einfacher in anderen Studiengängen anrechnen lassen - ein Trost für Fachwechsler.

Vater Staat kann sich nicht entscheiden

Lünnemann schließt jedoch aus, dass die Bachelor-Lehrer wirklich in die Schulen gelangen; ohne Referendariat gebe es für sie keine Chance. Auch das Berliner Modell der "pädagogischen Lehrassistenten" lehnt Lünnemann ab: "Ziel sollte es sein, dass die Masterprüfung das erste Staatsexamen ersetzt."

Der Bachelor allein soll berufsqualifizierend sein und eine "für den europäischen Arbeitsmarkt relevante Qualifikationsebene" nachweisen. So steht es in der Bologna-Deklaration von 1999. Und das stellt alle Unis vor Probleme: Wohin mit den Bachelor-Absolventen, wenn es keinen Arbeitsmarkt für sie gibt? Für wen sollen die zukünftigen Bachelor-Mediziner, Lehrer oder Juristen arbeiten? Einerseits treibt der Staat den Umbruch voran. Andererseits lässt er als der größte Arbeitgeber in Studiengängen mit Staatsexamen die Studenten über ihre Berufsperspektiven im Unklaren.

Das wurmt nicht nur die Reformgegner im Deutschen Hochschulverband, sondern auch Bachelor-Pragmatiker wie Eberhard Schaich, Präsident der baden-württembergischen Landesrektorenkonferenz: "Es ist ein Widerspruch, dass die Politik zum einen die neuen Abschlüsse forciert, sie andererseits in wesentlichen Bereichen gar nicht in die Diskussion bringt." Das ganze System habe nur Sinn, wenn es flächendeckend eingeführt werde - auch für Examens-Studiengänge.

Schaich argumentiert sozialpolitisch. "Vor allem für die Mittelklasse unter den Studenten ist der Bachelor ein Vorteil, da er schon nach sechs Semestern zum Berufseinstieg befähigt", erklärt er. Überdies werde die Zahl der Studienabbrecher sinken.

Um die Studienabbrecher scheren sich die deutschen Universitäten traditionell wenig. Dass in manchen Fächern nicht einmal die Hälfte der Erstsemester das Studienziel erreicht, dass zum Beispiel in Jura gut jeder fünfte Examenskandidat scheitert und nach fünf oder sechs Jahren Studium mit völlig leeren Händen dasteht - das blenden die Reformgegner bei ihren Anti-Bachelor-Attacken gern aus.



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