Bachelor & Bildung Schlau trotz Studium

Der Bachelor erschwert akademische Seitensprünge - ein verschultes Studium lässt wenig Zeit für fachfremde Vorlesungen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Sascha Spoun, Präsident der Uni Lüneburg, wie sich Allgemeinbildung und Bologna-Reform vereinbaren lassen.


SPIEGEL ONLINE: Sie haben am großen Wissenstest von SPIEGEL und studiVZ teilgenommen. Wie haben Sie beim Studentenpisa abgeschnitten?

Sascha Spoun: Ich habe 39 Punkte von 45 möglichen erreicht. Es hätte besser sein können.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin rund 13 Punkte über dem Durchschnitt der Studenten.

Spoun: Die stehen auch noch am Anfang ihres Lebens.

SPIEGEL ONLINE: Sie legen an der Lüneburger Universität großen Wert auf Allgemeinbildung: Bachelor-Studenten aller Fachrichtungen müssen allgemeinbildende Seminare belegen, wie "Kunst und Ästhetik" oder "Sprache und Kultur". Wieso?

Spoun: Allgemeine Bildung war für Universitäten schon immer wichtig und kennzeichnend für ein akademisches Studium. Dieser Tradition räumen wir hier großen Platz ein, weil wir von ihr auch den größten Nutzen erwarten - Bildung durch Wissenschaft. Der zweite Grund ist, dass das Studium nicht nur der Berufsvorbereitung dient, sondern der Lebensvorbereitung insgesamt. Wenn ich andere Disziplinen und Methoden gelernt habe, verliere ich die Scheu vor fremden Dingen.

SPIEGEL ONLINE: Am Anfang des Studiums in Lüneburg steht das "Leuphana-Semester". Dabei geht es vor allem um wissenschaftliche Methodik, weniger um klassische Allgemeinbildung.

Spoun: Das ist richtig. Es werden exemplarische Probleme herangezogen und in ihrem Wesen betrachtet. Die Studierenden müssen selbst im Feld recherchieren und forschen und eigene Thesen bilden. Da werden erstmals andere Maßstäbe angelegt als noch im Gymnasium.

SPIEGEL ONLINE: Auch beim Auswahlverfahren prüfen Sie weniger das Allgemeinwissen der Anwärter als deren Fähigkeiten, logisch zu denken und zu argumentieren. Warum?

Spoun: Die Anwärter müssen ein kurzes Referat zu einem umstrittenen Thema halten und anschließend eine Diskussion moderieren. An einer Universität geht es um die Auseinandersetzung mit Problemen. Wir wollen bei der Zulassungsprüfung feststellen, inwieweit die Studierenden zum Denken in der Lage sind, ob sie Sachverhalte rasch aufnehmen, eine These bilden und dann hypothesengetrieben vorgehen können. Entscheidend ist doch, dass Studierende lernen, die richtigen Fragen zu stellen - und nicht, dass sie immer schon die Antworten parat haben.

SPIEGEL ONLINE: Sind das nicht Fähigkeiten, die man erst im Studium entwickelt?

Spoun: Die Grundlage des Zulassungsverfahrens ist immer noch das Abitur. Die Tests bieten die Chance, sich zu verbessern. Da geht es nicht um Wissen, sondern um die Frage, inwieweit ich bereit bin, mich auf Neues einzulassen, neugierig zu sein und Standpunkte von Kommilitonen für die eigene Weiterentwicklung zu nutzen. Das sind ganz wesentliche Voraussetzungen, die auf verschiedene Weise dokumentiert werden können.

SPIEGEL ONLINE: In einer aktuellen Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages unter Arbeitgebern war Praxisferne der häufigste Grund, dass sie sich noch in der Probezeit von Berufsanfängern mit Diplom trennten. Ist es an Ihrer Universität möglich, dass Studenten neben dem ja intensiven Studienprogramm Praktika absolvieren?

Spoun: Praxisferne meint ja, dass Wissen nicht verfügbar ist. Deswegen fangen wir hier schon in der ersten Studienwoche mit problembezogenen Arbeiten an. Es gibt Probleme, die die Studierenden in Zusammenarbeit lösen müssen. Und sie sollen lernen, ein Problem unter Zuhilfenahme von Theorien und empirischer Forschung so zu bearbeiten, dass sie zu ersten Aussagen kommen können, die sie dann weiterentwickeln. Damit bekommt das Studium einen sehr hohen praktischen Bezug - aber nicht im Sinne einer Abhängigkeit von Unternehmen, sondern im Sinne des Arbeitsstils. Dazu trägt unser Kleingruppenkonzept bei, das wir hier ganz bewusst fahren. Im ersten Semester und im Komplementärstudium sitzen in allen Seminaren höchstens 30 Studierende, damit dieser Austausch stattfinden kann.

SPIEGEL ONLINE: An Massenunis wird so ein auf Kleingruppen basierendes Programm aber kaum möglich sein.

Spoun: Das ist prinzipiell überall möglich, wenn man es will und sich mit den Grundfragen von Lehre und Studium intensiv auseinander setzt. Es braucht dazu große Anstrengungen der Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeiter. Die zentrale Frage ist: Kann man eine gemeinsame Idee finden, die verfolgt wird, und kann man die Energie mobilisieren, sich für diese Idee einzusetzen?

SPIEGEL ONLINE: Sie haben allerdings das Verhältnis zwischen der Zahl der Studenten und der der Lehrenden auch dadurch verbessert, dass Sie die Studienplätze von 10.000 auf knapp 7500 gekürzt haben.

Spoun: Das war notwendig. Hier geht Qualität vor Quantität. Die Studierenden müssen sich intensiv auseinandersetzen mit den Studieninhalten und brauchen viel Feedback.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, wenn andere Universitäten Ihr Programm als Vorbild nähmen, würde das zwangsläufig mit einem Studienplatzabbau einhergehen?

Spoun: Uns geht es nicht darum, weniger Studienplätze zu haben. Entscheidend ist, dass es gelingen muss, ein gutes Betreuungsverhältnis zu erreichen. Das geht aber nur, wenn wir massiv in die Lehre investieren. Das Land Niedersachsen hat uns inzwischen 15 Prozent mehr Landeszuschuss gewährt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn mehr Mittel zur Verfügung stehen, warum kann dann die Betreuung nicht verbessert werden, indem die Uni mehr Personal einstellt?

Spoun: Genau das tun wir derzeit. Wir haben gerade die ersten 25 neuen Professuren ausgeschrieben. Noch einmal in der gleichen Größenordnung werden weitere Ausschreibungen folgen.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie derart von der klassischen Idee der Universität als Ort der Persönlichkeitsbildung getrieben?

Spoun: Weil für mich die Freiheit zur persönlichen Entfaltung durch die Auseinandersetzung mit Wissenschaft das Wesen der Universität ausmacht. Diese Idee finden sie heute vor allem an guten angelsächsischen Universitäten verwirklicht. Wir wollen als öffentliche Universität in Deutschland dieser humanistischen Tradition folgen und so Studierenden, die diese Chance sonst vielleicht nicht hätten, ermöglichen, einen großen Schub für ihre Entwicklung zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Durch Ihren Auswahlprozess sind die angehenden Studierenden aber Kinder einer Familie aus dem Bildungsbürgertum.

Spoun: Nein. Wenn sie beispielsweise eine Lehre gemacht haben, gibt das zusätzliche Punkte im Auswahlverfahren, weil wir sagen, dass dies praktische Erfahrungen sind, die von Nutzen sind. Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Es geht natürlich um die Voraussetzung, sich auf Bildung einzulassen und sich anstrengen zu wollen. Aber gerade Menschen ohne akademische Prägung aus dem Elternhaus wollen wir mit unserem Studienmodell unterstützen.

Das Interview führte Birger Menke

insgesamt 1657 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 26.04.2008
1.
Gegenfrage: Ist die Uni denn Selbstzweck?
Senfkorn, 26.04.2008
2.
Das Bachelorstudium ist mittlerweile eine Fortsetzung von Schule. Auswendiglernen, Testen, Vergessen. In Deutschland lebt man nicht behütet auf dem Campus, sondern wohnt vielleicht zum ersten Mal alleine, muss Wohnung, Haushalt organisieren, dazu die neue Situation an der Uni. Wenn dann in den ersten Monaten schon Prüfungen geschrieben werden, die für die Endnote relevant sind, braucht man sich über hohe Abbrecherquoten auch nicht wundern. Dazu wird duch die enge Taktung Studenten das Leben erschwert, die sich selbst finanzieren müssen. Der Verdacht liegt nahe, das dies auch so gewollt ist, wozu gibt es Studienkrdite und schon hat man neue Kunden für die Finanzwirtschaft gewonnen. Insgesamt wird zur Zeit in der Bildung nur gehetzt, ohne Sinn und Verstand, früher Einschulen, G8, Bachelor. Vielleicht läuft sich das ein, aber einige Generationen werden dabei wohl verloren gehen.
Kristian Viesmann, 26.04.2008
3. Alter Wein in neuen Schläuchen
Der Bologna (http://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess) Prozess ist mir ein Graus. Wenn ich die Bachelor Informatiker in meinen Tutorium ein wenig nach mathematischen Hintergrundwissen frage, ist es sehr still. Was hat das noch mit Informatik zu tun? Das gleiche höre ich von vielen Kollegen, die selbst mit Diplom abgeschlossen haben, und nun mit Bachelor-Studenten Umgang haben - Es geht nur noch um pauken pauken pauken. Wissen, Lust am Fach? Uninteressant, wichtig sind nur die Klausuren, von den es reichlich jedes Semester gibt. Das sollen Wissenschaftler werden? Das ist Pfusch, das hat doch nichts mehr mit der Jahrhunderten alten Tradition zu tun - Humbold (http://de.wikipedia.org/wiki/Humboldtsches_Bildungsideal) muss im Grabe sich nicht nur drehen, sondern schon rotieren!
ondrana 26.04.2008
4. Studium Generale?
Zitat von Kristian ViesmannDer Bologna (http://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess) Prozess ist mir ein Graus. Wenn ich die Bachelor Informatiker in meinen Tutorium ein wenig nach mathematischen Hintergrundwissen frage, ist es sehr still. Was hat das noch mit Informatik zu tun? Das gleiche höre ich von vielen Kollegen, die selbst mit Diplom abgeschlossen haben, und nun mit Bachelor-Studenten Umgang haben - Es geht nur noch um pauken pauken pauken. Wissen, Lust am Fach? Uninteressant, wichtig sind nur die Klausuren, von den es reichlich jedes Semester gibt. Das sollen Wissenschaftler werden? Das ist Pfusch, das hat doch nichts mehr mit der Jahrhunderten alten Tradition zu tun - Humbold (http://de.wikipedia.org/wiki/Humboldtsches_Bildungsideal) muss im Grabe sich nicht nur drehen, sondern schon rotieren!
Von mir behaupte ich, eine außergewöhnlich breite Allgemeinbildung zu haben. Die ist mir nur zum Teil von zu Hause anerzogen worden, denn meine Eltern waren sehr einfache Leute, die mir aber den Drang anerzogen haben, mich umzuschauen und mehr als meine kleine Welt wahrzunehmen. Im Studium habe ich mit vielen Dingen Kontakt gehabt, die mir von zu Haus aus fremd waren, die aber mein Leben und meine Grundeinstellung zum Leben und den Menschen geprägt haben. An den Cafeteriatischen der Uni hatte ich Kontakt mit Musikern - also machte ich beim Unichor mit und bekam tiefe Einblicke in die klassische Musik. Im Unichor lernte ich dann Biologen kennen und ich half ihnen im Labor bei den Versuchen für ihre Examensarbeit. Eine völlig neue Welt! Aktiv zu sein im ASTA prägte mich hinsichtlich meiner späteren politischen Aktivitäten. Ein Literaturzirkel interessierter Studenten entwickelte sich zu einer Theatergruppe und wir hatten wunderbare Aufführungen auf höchstem Niveau. Dort lernte ich Selbstvertrauen, Mut, Konzentration. Außerdem verbrachte ich ein Jahr in England an einer englischen Schule als Assistant Teacher. Trotz alle dem - oder vielleicht GERADE DESWEGEN- habe ich mein Studium mit guten Noten in der Regelstudienzeit abgeschlossen. Vielleicht bin ich ja eine Bildungsromantikerin, aber ich bin der Meinung, dass zu Menschen, die ja irgendwie später zur Führungsschicht gehören (fachlich oder politisch), etwas mehr gehört als Fachidiotentum. Studenten muss die Möglichkeit gegeben werden, über den Tellerrand hinauszuschauen. Sie müssen sich ausprobieren können und ihre Stärken und Schwächen herausfinden, sowohl menschlich als auch fachlich. Das Bachelorstudium schient in dieser Hinsicht nicht der richtige Weg zu sein.
Kristian Viesmann, 26.04.2008
5.
Zitat von ondranaVon mir behaupte ich, eine außergewöhnlich breite Allgemeinbildung zu haben. Die ist mir nur zum Teil von zu Hause anerzogen worden, denn meine Eltern waren sehr einfache Leute, die mir aber den Drang anerzogen haben, mich umzuschauen und mehr als meine kleine Welt wahrzunehmen. Im Studium habe ich mit vielen Dingen Kontakt gehabt, die mir von zu Haus aus fremd waren, die aber mein Leben und meine Grundeinstellung zum Leben und den Menschen geprägt haben. An den Cafeteriatischen der Uni hatte ich Kontakt mit Musikern - also machte ich beim Unichor mit und bekam tiefe Einblicke in die klassische Musik. Im Unichor lernte ich dann Biologen kennen und ich half ihnen im Labor bei den Versuchen für ihre Examensarbeit. Eine völlig neue Welt! Aktiv zu sein im ASTA prägte mich hinsichtlich meiner späteren politischen Aktivitäten. Ein Literaturzirkel interessierter Studenten entwickelte sich zu einer Theatergruppe und wir hatten wunderbare Aufführungen auf höchstem Niveau. Dort lernte ich Selbstvertrauen, Mut, Konzentration. Außerdem verbrachte ich ein Jahr in England an einer englischen Schule als Assistant Teacher. Trotz alle dem - oder vielleicht GERADE DESWEGEN- habe ich mein Studium mit guten Noten in der Regelstudienzeit abgeschlossen. Vielleicht bin ich ja eine Bildungsromantikerin, aber ich bin der Meinung, dass zu Menschen, die ja irgendwie später zur Führungsschicht gehören (fachlich oder politisch), etwas mehr gehört als Fachidiotentum. Studenten muss die Möglichkeit gegeben werden, über den Tellerrand hinauszuschauen. Sie müssen sich ausprobieren können und ihre Stärken und Schwächen herausfinden, sowohl menschlich als auch fachlich. Das Bachelorstudium schient in dieser Hinsicht nicht der richtige Weg zu sein.
Die Bachelor-Studiengänge haben nur ein Ziel: Die Wirtschaft schnell mit Fachkräften zu versorgen. Toller Lebenslauf, sollen wir jetzt alle klatschen und uns geehrt fühlen, mit einem Vertreter der geistigen Elite ein Thread teilen zu dürfen? Kopfschüttelnd, Kristian Viesmann
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