Blockhütte als Bachelorarbeit Ein Sommerhaustraum

Jonas Becker und Timm Bergmann, beide 25, bauen als Bachelorarbeit ein Holzhaus in der finnischen Einöde. In Kypäräjärví leben sie ohne Strom und fließend Wasser, ihr Kühlschrank ist drei Kilometer entfernt.

Politaire

Von Isabel Lochbühler


Wochenlang in stickigen Bibliotheken sitzen und an der Bachelorarbeit schreiben - das wäre nichts für Jonas Becker und Timm Bergmann. Ihre akademische Arbeit erledigen sie in Gummistiefeln, mit Axt und Säge.

Seit Mai leben die beiden ohne Strom in einem Sumpfgebiet Finnlands, direkt am See Kypäräjärví, wo sie als Abschlussprojekt der Uni Kassel ihr selbst entworfenes Sommerhaus zimmern. "Wir wollen uns damit eine Alternative zum schnellen Leben in Großstädten schaffen", sagen sie. Jonas Becker, 25, studiert Stadt- und Regionalplanung an der Uni Kassel, Timm Bergmann, 25, ist dort für Architektur eingeschrieben.

Nur mit Haus-Bausatz und zwei Menschen, die sich auf das Nötigste beschränken wollen, kommt dieser Bachelor aus. 17 Rahmen bilden ein Grundgerüst, dieses wird mit Seekieferplatten, einem günstigen und stabilen Holz, von beiden Seiten verkleidet. Vier Hände reichen aus, um die einzelnen Rahmen nach dem Baukastenprinzip zusammenzustecken und zu verschrauben. Dann kommt der Fußboden in das Haus. Die Fenster werden abgedichtet, Dämmwolle zwischen Außen- und Innenwand gesteckt und ein kleiner Kamin eingebaut. So soll die Hütte an kalten Tagen warmgehalten werden, das Holz dafür bekommen sie aus einem nahen Sägewerk.

Das Grundstück, auf dem das Haus steht, haben Becker und Bergmann für eine symbolische Summe von Bergmanns finnischer Familie gepachtet. 3,5 Kilometer entfernt liegt ein leerstehender Gutshof, dort haben sie Strom und können Lebensmittel in einem Kühlschrank lagern. Alle zwei Wochen besorgen sie mit dem Auto ein paar Lebensmittel in der nächsten Stadt.

Budget: Drei Euro am Tag

Gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Mitarbeiter für architektonisches Entwerfen Jan Kampshoff haben Becker und Bergmann vor einem Jahr das Sommerhaus entworfen. Finanziert haben sie die Kosten von 10.000 Euro aus ihrem Ersparten. Davon bezahlen sie Baumaterial, Krankenversicherung, Spritgeld und Verpflegung. "Wir müssen sehr sparsam leben. Wir brauchen am Tag zwei bis drei Euro", sagt Jonas Becker. "Aus dem See holen wir Hechte oder Barsche, wir backen Brot, sammeln Pilze und Beeren. Auch einen kleinen Garten mit Kräutern, Salat und Mohrrüben haben wir angelegt."

Das Projekt habe einen Abgabetermin, der nicht nur von der Uni vorgegeben werde, sagt Jonas Becker. Der Winter kommt in Finnland früh, der erste Schnee fällt oft schon im Oktober. "Das ist unsere Deadline, bis dahin muss das Haus winterfest sein", sagt Becker. "Sonst ist alles, was wir bisher investiert haben, weg." Gleichzeitig erwartet auch die Uni Kassel die schriftlichen Ausarbeitungen über das Projekt, das sie "Back to the basics" genannt haben.

Bloß nicht zimperlich

Bisher sind die Studenten die Einzigen, die am See Kypäräjärví gebaut haben. Der Sumpf ist der Hauptgrund, warum dort bisher noch kein anderes Haus steht. "Wir mussten erstmal einen 250 Meter langen Steg aus Bäumen bauen, um über den Sumpf zu kommen", erklärt der Stadtplanungsstudent. Auch wenn es um die blutsaugenden Insekten geht, dürfen die beiden nicht zimperlich sein. Die Abgeschiedenheit scheint der Freundschaft der beiden nicht zu schaden. "Wir sind 24 Stunden beieinander, aber bisher haben wir uns noch nicht gestritten", versichert Becker.

Auch eine beachtliche Menge Papierkram mussten die Studenten bewältigen. Sie reichten einen offiziellen Bauantrag bei den finnischen Behörden ein, setzten Vorschriften für Fundamente, Dächer und Kaminrohre um. Auch der Müll musste angemeldet, ein Briefkasten an der weit entfernten Landstraße angebracht und das Abwasser gefiltert werden, ganz wie bei einem großen Wohnhaus. Da das Haus mitten im Wald liegt, schlugen Becker und Bergmann einen Weg durch das Dickicht und legten einen neuen Forstweg an. Die finnische Bauaufsichtsbehörde wird bald kontrollieren, ob alles den Standards entspricht. Die Hausbauer hoffen, dass sie dann den schmalen Weg selbst benennen dürfen, etwa "Köpfe mit Nägeln".

Ans Auswandern denken Becker und Bergmann aber nicht: "Für uns soll das Haus ein Rückzugsraum werden. Wenn wir zwei Wochen konzentriert an etwas arbeiten müssen, haben wir dort unsere Ruhe." Die Idee sei in erster Linie, die theoretischen Kenntnisse aus dem Studium anzuwenden.

Hin und wieder kommen Freunde in Kypäräjärvi vorbei und helfen beim Hausbau. Jeder Besucher muss hier mitanpacken. "Wir entschieden uns, ein Haus für zwei zu bauen, um den Bau nicht zu aufwendig zu machen", sagt Jonas. Doch die beiden hegen bereits Erweiterungspläne, wenn der Winter in Finnland vorbei ist. Mindestens einmal im Jahr wollen sie nach Kypäräjärví fahren und ihre freie Zeit im Waldhaus am See verbringen - Fische fangen, Beeren sammeln und in den finnischen Sternenhimmel gucken.

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insgesamt 24 Beiträge
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outwiper 23.08.2014
1. Schlechte Überschrift
Mit einer Blockhütte hat das Projekt null gemein. Die wird nämlich aus ganzen Stämmen gebaut. Etwas Besonderes kann ich an der von den beiden angehenden Bachelorn (ich sag extra nicht Architekten oder Ings) geplanten Papphütte auch nicht finden. Gut, sie bauen es aus eigenen Mitteln und in Eigenleistung, aber mit herkömmlichen Baumaterialien und scheinbar ohne nennenswerte Maschinen. Das ist aber wohl eher ne Gesellenprüfung für nen Zimmerer als für nen Architekten. Aber Bachelor heisst ja auch Geselle. Ist ein witziges Lowkostprojekt, aber taugen u massenfähig ist sowas nicht. Welchen wissenschaftlichen Beitrag soll das Projekt leisten? Dass wir 2014 noch primitive Schuppen im Wald bauen können?
outwiper 23.08.2014
2. Ach ja
und von guter energetischer Planung kann auch keine Rede sein. Sonst wär das Haus kompakter u nicht so verwinkelt u die Sauna wäre näher an den Wohnräumen u könnte so zur Gebäudeerwärmung mit beitragen. Aber gut, nach 4-5 Semestern... Sowas kommt halt bei Bologna raus.
kulinux 23.08.2014
3. Ach du grüne Neune …
… und mit diesem absolut unsinnigen Entwurf sind die beiden beim beratenden "wissenschaftlichen Mitarbeiter" nicht achtkantig rausgeflogen? Es sieht aus wie der Versuch, in einer Gegend, in der also bereits im Oktober Schnee fällt (= mind. 6 Moate Winter?), ein Haus mit der größtmöglichen Außenfläche zur Abgabe aller Energie zu nach außen konstruieren. Es mag zwar ein "guter Vorsatz" sein, das Universum zu heizen – aber für ein Wohnhaus? - Kleiner Tipp: In fast allen Gegenden, in denen Menschen seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden siedeln, haben sie gelernt, aus den örtlich verfügbaren Materialien kostengünstig und nachhaltig so zu bauen, wie es besser kaum geht. Angehende "Architekten", die diese Binsenweisheit nicht zumindest respektieren oder auch nur in kalten Gegenden wie dieser eine kompakte Bauweise entwickeln können oder wollen, sollten schleunigst den Beruf wechseln.
felisconcolor 23.08.2014
4. Nach der europäischen
dingensrichtlinie sollen der staatl. geprüfte Techniker und der Bachelor gleich gestellt sein. Wenn ich jetzt sehe für was es den Bachelor gibt ... dann geb ich meinen Techniker zurück. Deutschland deine undichten Denker. Mann Mann Mann
sonnix 23.08.2014
5. Genial
Super Idee. Und auch klasse von der Uni, dass sie die Idee unterstützt. Ich wünsch euch viel Glück. Lasst euch von den Hatern hier nicht runterziehen.
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