Bachelor-Schelte Warum die Wirtschaft irrt

Zu viele junge Menschen studieren - und wenn sie nur einen Bachelor haben, taugen sie nicht für den Arbeitsmarkt. Mit einer pauschalen Schelte hat der Industrie- und Handelskammertag Absolventen vor den Kopf gestoßen. Eine Ehrenrettung in Zahlen.

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Voller Hörsaal an der Uni Koblenz: Der Wirtschaft wäre es lieber, es wären ein paar weniger
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Voller Hörsaal an der Uni Koblenz: Der Wirtschaft wäre es lieber, es wären ein paar weniger


Das saß. Eric Schweitzer, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) und damit einer der wichtigsten Sprecher der deutschen Wirtschaft, forderte von den Hochschulen, Studienplätze abzubauen.

Es studierten viel zu viele - und wenn sie die Hochschule mit dem Bachelor verlassen, seien zu viele nicht für den Arbeitsmarkt geeignet. Die Thesen vertrat Schweitzer in einem Interview mit der Tageszeitung "Die Welt", unterfüttert mit einer Umfrage seines Verbandes bei 2000 Unternehmen. Dieser Befragung zufolge werden deutsche Firmen mit Bachelor-Absolventen immer unzufriedener.

Kritik üben Industrie- und Wirtschaftsvertreter gerne an deutschen Bildungseinrichtungen. Die Schulen bereiten nicht für die Lehre vor, die Hochschulen nicht für den Arbeitsmarkt.

Schweitzers harsche Pauschalkritik ist ein weiterer Aufguss davon - und sie trifft jedes Jahr rund 200.000 Absolventen, die mit einem Bachelor ihren ersten berufsqualifizierenden Studienabschluss erreichen. Einige der Thesen sind unsachlich, einige widersprüchlich. Ein Überblick:

These 1: Bachelor-Studenten taugen nicht für den Arbeitsmarkt

Nur noch 47 Prozent der Unternehmen, die der DIHK befragte, sind mit den Bachelor-Absolventen zufrieden. Der Wert ist kontinuierlich gesunken: 2007 waren es 67, 2011 noch 63 Prozent.

Allerdings: Die Firmen bekommen nur einen Teil der Bachelor-Absolventen zu Gesicht, weil der Großteil direkt weiterstudiert und erst mit einem Master bei den Firmen vorstellig wird. 53 Prozent der Uni- und 77 Prozent der FH-Bachelor-Absolventen schlossen einen Master an, heißt es im Bologna-Bericht der Bundesregierung. Wer nicht weiterstudierte, hatte gute Gründe dafür, nämlich die Aussicht auf einen Job in einer Branche, die auch Bachelor-Absolventen einstellt.

Streben Studenten keinen Master an, liegt das auch an Überforderung: Immerhin 18 Prozent der Uni- und 14 Prozent der FH-Bachelor-Absolventen, die 2009 keinen Master anstrebten, nennen hohe Anforderungen als wichtigen Grund. Auch vor diesem Hintergrund bieten Bachelor-Absolventen in Firmen nicht unbedingt ein repräsentatives Bild.

These 2: Zu viele junge Menschen studieren

Seit geraumer Zeit ist die Rede von "Überakademisierung", auch der DIHK-Präsident warnt wieder davor. Über einen "Akademisierungswahn" wird mal von Professoren-, mal von Industriellenseite geklagt. Tatsächlich studieren mit 2,7 Millionen Menschen in Deutschland so viele wie noch nie - ein Trend, den Politik und Wirtschaft mit ihrem Ruf nach mehr Akademikern und vor allem Absolventen in Technikfächern - Stichwort: Ingenieursmangel - selbst jahrelang befördert haben. Im Frühjahr 2014 dann leitete die Bundesregierung die Kehrtwende ein und müht sich seither, Schulabgänger mit Hochschulreife für Lehrberufe zu begeistern.

Bislang zumindest kann, rein ökonomisch betrachtet, von einem Überangebot an Akademikern keiner sprechen. 2013 lag die Arbeitslosenquote unter Menschen mit Hochschulabschluss bei 2,5 Prozent - Ökonomen nennen das Vollbeschäftigung.

Und laut aktueller DIHK-Umfrage sind bestimmte Akademiker bei der Industrie sehr gern gesehen: Mit Master-Absolventen sind 78 Prozent der befragten Unternehmen anders als mit den geschmähten Bachelor-Absolventen, zufrieden - ein besserer Wert als noch 2011. Die Zahl der Hochschulabgänger mit Master ist gestiegen, das Niveau hat darunter aus Sicht der Wirtschaft offenbar nicht gelitten.

These 3: Es studieren die Falschen

"Es studieren zu viele, die besser eine Ausbildung machen würden", sagt der DIHK-Sprecher. 2014 hatte eine Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) dieses Vorurteil befeuert, mit einer methodisch eigenwilligen Interpretation der Schulleistungsstudie Pisa: Weil heute mehr junge Menschen an die Hochschule wechseln als 2007, kämen rein rechnerisch auch Menschen mit einem schlechteren Pisa-Punktwert an die Uni als früher. Ergo: Das Niveau sinkt. "Super Abi, aber nichts dahinter", schrieb eine Kommentatorin in der "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung".

Der Haken dabei: Von dem Ergebnis, das 15-Jährige in einer Schulleistungsstudie erbringen, lässt sich nicht einfach auf die Studienaufnahme von 18- oder 19-jährigen Gymnasiasten schließen. Und die Lektion, die die Pisa-Studie lehrt, ist unterm Strich eher eine andere: Das Niveau steigt. Im Schnitt stehen deutsche Schüler besser da als noch zu Beginn des Jahrtausends.

These 4: Zu wenige junge Menschen machen eine Berufsausbildung

Je mehr junge Menschen studieren, desto weniger beginnen eine Lehre. 37.100 Lehrstellen blieben im Ausbildungsjahr 2013/2014 unbesetzt, das waren zehn Prozent mehr als im Ausbildungsjahr zuvor.

Dass die Betriebe partout keine Azubis mehr finden könnten, wie oft behauptet wird, stimmt allerdings nicht. Im selben Zeitraum nämlich gab es 20.900 Bewerber, die ohne Ausbildungsplatz blieben. Und gut 250.000 junge Menschen wechselten in "Maßnahmen" im sogenannten Übergangssystem, das zu keinem Berufsabschluss führt.

Das Problem ist also nicht, dass zu wenig junge Menschen eine Lehre machen wollen. Das Problem ist eher, dass es nicht die sind, die die Wirtschaft gerne hätte. Für Hauptschulabsolventen, das zeigte kürzlich eine Untersuchung des Deutschen Gewerkschaftsbundes, werden kaum noch Lehrstellen ausgeschrieben.

These 5: Die Azubis sind nicht ausbildungsreif

Warum bleiben Lehrstellen frei? Die Wirtschaft behauptet: Bewerber, die sich nicht schon für ein Studium entschieden haben, sind häufig nicht ausbildungsreif.

Tatsächlich hat aber ein beträchtlicher Teil der Jugendlichen ohne Lehrstelle durchaus eine höheren Schulabschluss. Die Hälfte aller Jugendlichen im Übergangsbereich hat laut aktuellem Berufsbildungsbericht einen Hauptschul-, ein Viertel sogar einen mittleren Schulabschluss. Die Unternehmen verschmähen also keineswegs nur die Schulabbrecher, sondern auch Bewerber, die einen Haupt- oder Realschulabschluss mitbringen.

Der richtige Ansatz wäre daher, den Übergang von der Schule zum Ausbildungsbetrieb zu verbessern. Der DIHK fordert jedoch, dass Gymnasien bei ihren Schülern stärker als bisher für die Berufsbildung werben sollen.

Was Chancengleichheit angeht, ist das ein fataler Vorschlag: Eine Studie des Bildungsforschers Steffen Schindler, Juniorprofessor für Soziologie an der Uni Bamberg, zeigte, dass vor allem diejenigen Abiturienten auf ein Studium verzichten, die aus nicht-akademischen Elternhäusern kommen. Gerade bei dieser Abiturientengruppe, den potenziellen Bildungsaufsteigern, dürfte die Werbung für eine Berufsausbildung daher besonders verfangen. Die Unis würden dann wieder mehr zu dem, was sie früher waren: eine Bastion des privilegierten Bildungsbürgertums.



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insgesamt 117 Beiträge
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Seite 1
rolli 23.04.2015
1.
Man kann es schönreden wie man will, die Bildungsreform weg vom Diplom zu Schmalspurstudium ist eines der grössten Standortprobleme Deutschlands. An den zahlen, die genannt sind, bezüglich des Masterstudiums kann ich nicht glauben,. das sind Fantasiezahlen. So viele Masterstudienplätze gibt es in D. gar nicht. Ein Bachelor ist weniger als ein früherer Techniker, weil zu wenig fachbezogen, und ein Master ist untauglich für den realen Einsatz im Betrieb. Weg damit, dringend. rolli
viwaldi 23.04.2015
2. Tja, so stellt sich der Hr. Kramer die Welt vor
Der Artikel offenbart ein naiv-linkes Weltbild, das es einen schüttelt. Wenn Herr Kramer mal eine Firma oder einen Handwerksbetrieb geleitet hätte, würde er nicht so ein weltfremdes Geblubber von sich geben. Das Niveau sinkt, und wenn sie irgendeinen Freak (der seine Rechte kennt) in ihren Verkaufsladen stellen, bleiben einfach die Kunden weg. Unzuverlässigkeit, Unfreundlichkeit, Mangel an Empathie - was nützt da ein Hauptschulabschluss oder ein Realabschluss? Abitur ist der neue Realschulabschluss. Bachelor??? Was is dat denn? Von Rot-Grün installiert, um der OECD einen Gefallen zu tun. Brotlos, fehlkonstruiert. Wer einen weltweit geachteten Dipl.-Ing. in Europa herschenkt, kann nicht bei Troste sein. Herr Kramer, haben Sie einen Journalisten-Bachelor?
gimmendorf 23.04.2015
3. Wie gehabt
Es gab eine Zeit, da wurden Ingenieure schlechter bezahlt als Facharbeiter. die jungen Leute wandten sich in noch größerem Umfang von den naturwissenschaftlichen Fächern ab. Dann stellte die "Wirtschaft" plötzlich fest, dass man viel zu wenig Ingenieure hätte und drängte auf Erleichterungen der Zuwanderung. Damals war Herr Henkel noch in Amt und Würden und in jeder Talkshow einer der größten Fürsprecher.Mit dem Bachelor ist es genau so: Erst drängt die Wirtschaft auf eine Verkürzung der Ausbildung und dann beschwert sie sich über zu wenig Praxis. Was tut sie dagegen? Nicht viel, denn schon bei der Bereitstellung der während des Studiums benötigten Praktikumsplätze ist die Bereitschaft äußerst gering. Man wünscht sich die 26jährigen mit abgeschlossener Berufsausbildung, dem Bachelor und einer wenigsten 5jährigen Berufspraxis. Oder man schreit nach Zuwanderung.
cherrypicker 23.04.2015
4. Nennen wir das Kind doch beim Namen
Die Unternehmen wollen Abiturienten als Azubis, um sie dann wie Hauptschulabsolventen entlohnen zu können. Hauptschulabsolventen hingegen gelten ihnen als "bäh! die können ja nix!" Wer so viel Borniertheit vor sich herträgt, der verdient es auch, seine Stellen besetzen zu können. An die Unternehmer: Zahlt anständige Löhne, dann bekommt ihr auch gute Mitarbeiter. Oder geht gefälligst pleite. Aber mault hier nicht rum.
noalk 23.04.2015
5. Eine Frage der Interpretation
Man kann die Zahlen auch gegenteilig auslegen, in Schweitzers Sinne. Das würde aber so lang werden wie der Artikel. "Die Azubis sind nicht ausbildungsreif" - diese Aussage mit dem Argument zu kontern, die Unternehmen verschmähten auch Bewerber, mit Haupt- oder Realschulabschluss, lässt die Tatsache unberücksichtigt, dass diese Abschlüsse nicht automatisch eine Ausbildungsreife attestieren.
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