Bachelor, made in Germany Neue Scherereien mit dem Turbostudium

Was ist ein Bachelor aus Deutschland im Ausland wert? Praktisch nichts, behauptet die "FAZ" und stützt sich auf eine Umfrage in den USA und Kanada. Die entsetzten deutschen Rektoren indes schimpfen über "unverantwortliche Panikmache". Denn mit den Unis ist es wie so oft im Leben: Man muss die Richtige finden.

Von Hermann Horstkotte


Dem deutschen Bachelor geht's wie einem Weltstar - er ist international bekannt, aber nicht schon deshalb überall gleichermaßen anerkannt. Gerade im Traumland der meisten deutschen Studenten mit Fernweh, also in den USA, scheint der Bachelor vom Rhein oder der Isar kein Sprungbrett ins weiterführende Masterstudium zu sein.

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Das jedenfalls berichtete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" unter der Schlagzeile "Deutscher Bachelor in Amerika nicht anerkannt" - eine Katastrophenmeldung just an dem Tag, als der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft bei einer Berliner Großveranstaltung das Erfolgsmodell Bachelor feierte.

Gerade die bessere internationale Vergleichbarkeit von Studienabschlüssen ist das Hauptargument für die Einführung des Bachelor - nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. 1999 haben sich die EU-Bildungsminister in Bologna, Europas ältester Universitätsstadt, auf einen "gemeinsamen europäischen Hochschulraum" geeinigt.

Das Ziel: Die Studienabschlüsse sollen bis zum Jahr 2010 vergleichbar werden. Der Weg: überall gestufte Studiengänge nach dem Bachelor- und Mastermodell. Rund 2500 davon haben die deutschen Hochschulen bereits gestartet, und die ersten Erfahrungen der Absolventen beim Berufsstart sind durchaus ermutigend.

Der Bachelor, eine glatte Niete?

Die "FAZ" aber sieht den Bachelor als klaren Flop. Sie stützt ihre Negativstory auf eine Umfrage zweier renommierter US-Stellen: Die Befragung des Institute of International Education (IIE) und der Agentur Educational Credential Evaluators zeige, dass die meisten amerikanischen und kanadischen Hochschulen von den neuen Bachelor- und Master-Studiengängen in der Europäischen Union wenig bis nichts wüssten. Auf Unverständnis und Ablehnung stoße insbesondere ein Bachelor mit nur drei Studienjahren, wie er jetzt vor allem in Nordrhein-Westfalen eingeführt wird. "Für 71 Prozent der Befragten muss ein im Ausland erworbener Abschluss" wie in den USA "ein vierjähriges Studium umfassen", heißt es in der FAZ.

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Das ist fast schon ein Totschlagargument im innerdeutschen Streit um drei oder vier Studienjahre. Die Hochschulrektorenkonferenz reagierte prompt und erbost: "Das ist unverantwortliche Panikmache, die mit der Realität nichts zu tun hat", erklärte Präsident Peter Gaehtgens. Der Bericht schade "dem Ansehen des Europäisierungsprozesses der Hochschulen und verunsichert die jungen Leute in unverzeihlicher Weise". Generelle Anerkennungsprobleme seien weder aus den USA noch aus Großbritannien bekannt. Bei einer Konferenz zur Ingenieurausbildung hätten sich auch amerikanische Teilnehmer empört geäußert. "Wir schauen nicht auf Abschlüsse oder Regelstudienzeiten, sondern auf Studienprogramme und messbare Ergebnisse", so George Peterson, Präsident der US-Akkreditierungsagentur ABET.

Gemeinsam mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und anderen Organisationen wollen die Rektoren gerade "in Amerika für mehr Transparenz sorgen". In den USA, Kanada und Großbritannien gebe es immer nur die individuelle Anerkennung von Studienleistungen durch die Hochschulen. "Die Deutschen müssen sich von der Erwartung verabschieden, dass in diesen Staaten eine automatische Anerkennung garantiert wird", sagte Gaehtgens.

Eine "amerikanische Entscheidung" zum deutschen Bachelor gebe es keineswegs, allenfalls Einzelmeinungen, kommentierte der DAAD die "Kassandrarufe der 'FAZ'". Generalsekretär Christian Bode: "Wir vermitteln jährlich Hunderte Stipendiaten in die USA und haben keinen Beleg, dass dreijährige Bachelor-Absolventen dort nicht zu Masterstudien zugelassen werden."

Jede Hochschule entscheidet nach eigenen Kriterien

Hat der deutsche Bachelor wirklich ein Akzeptanzproblem? SPIEGEL ONLINE wollte von Linda Tobasch, Mitautorin der aufsehenerregenden US-Studie, mehr über ihre Untersuchung wissen. Tobasch stellt klar: "Unsere Befragung beansprucht keinerlei statistische Repräsentativität. Wir haben einfach bei 90 von über 3000 Colleges in Nordamerika nach ihren Kenntnissen vom gemeinsamen europäischen Bildungsraum gefragt. Das war ein erster Schritt, um festzustellen, welches Aufklärungsmaterial über europäische Hochschulgrade unsere Universitäten noch brauchen."

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Die Ergebnisse wurden zunächst nur in einem internen Newsletter für Hochschulverwalter verbreitet. "Nach der Aufregung in Deutschland haben wir unsere Arbeit nun aber auch ins Netz gestellt", fügt Tobasch hinzu. In der Sache betont die IIE-Abteilungsleiterin: "Von einer generellen Nichtanerkennung etwa der deutschen Bachelor in Amerika kann gar keine Rede sein. Die Entscheidung, inwieweit akademische Vorleistungen angerechnet werden, trifft jede Hochschule nach eigenen Kriterien." Das gilt nicht nur für Bachelor und Master, sondern genauso auch für das Diplom oder den Magister.

"Darauf hat die Hochschulpolitik lange nicht klar genug hingewiesen, als sie Bachelor und Master als internationale Studiengänge anpries", bemängelt Burkhard Rauhut, der Rektor der Technischen Hochschule Aachen. "Die internationalen Abschlüsse sind keineswegs so uniform und allgemeinverbindlich, wie das auch die Hochschulrektorenkonferenz oft propagiert hat."

"In der Regel offene Türen"

Der Streit um die Internationalität des deutschen Bachelors geht nun schon in die zweite Runde. Anfang 2003 hatte die "FAZ" behauptet, dass "der deutsche Bachelor in Großbritannien nicht als gleichwertig anerkannt wird" - und so beschreibt es die Zeitung auch heute noch.

Auch dort hat wie in den USA niemand ein Anrecht auf einen Studienplatz, ob als Erstsemester oder mit einem Abschluss. "Entscheidend ist die individuelle Prüfung", erläuterte Christian Bode vom DAAD schon vor knapp zwei Jahren. "Diese Prüfung fällt je nach Uni und Studiengang unterschiedlich selektiv aus." Dabei erschweren speziell deutsche Fachhochschulen jede Einstufung dadurch, dass sie ihr Diplom (FH) offiziell für etwas Besseres halten als den "einfachen" Bachelor.

Was bleibt, ist ein Sturm im Wasserglas. Das Hauptproblem der deutschen Bachelor-Absolventen: Ihr Abschluss ist eben neu und muss sich erst herumsprechen - bei den Arbeitgebern wie bei ausländischen Hochschulen. Jeder ist also gut beraten, sich vor einem Studienwechsel, ob in die USA, nach Kanada, Großbritannien oder Australien, genau nach den jeweiligen Zulassungskriterien zu erkundigen.

Rolf Hoffmann, Direktor der deutschen Fulbright-Kommission, bemerkt dazu: "Wer mit einer Empfehlung von uns oder vom DAAD kommt, wird in der Regel offene Türen finden. Selbstverständlich auch der, der an eine offizielle Partneruni seiner Heimathochschule geht. Wer allerdings als Free-Mover auf eigene Faust anklopft, darf bei einer Ablehnung nicht aus allen Wolken fallen."



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