Bachelor und Master Endspurt zum Campus Europae

Bis 2010 soll die Umstellung auf das Bachelor- und Master-Studium geschafft sein - für deutsche Hochschulen die größte Reform seit Jahrzehnten. Ab morgen treffen sich 45 europäische Bildungsminister in London. Sie müssen noch viel Arbeit schultern.

Von Hans-Christoph Stephan


Für Prof. Dr. Christoph Ehman ist der Europäische Hochschulraum kein Ziel, sondern seit drei Jahren Wirklichkeit. Jedenfalls ein bisschen. Mehrere Hochschulen - von Aveiro in Portugal bis Vilnius in Litauen - schlossen sich 2003 zum "Campus Europae" zusammen und legten gemeinsame Studienprogramme auf, zu denen Auslandsaufenthalte dazugehören. Derzeit sind es 15 Universitäten. Ehmann wurde 2004 Generalsekretär der in Luxemburg ansässigen Universitätsstiftung und hat seither einen Plan: Aus jedem europäischen Land soll eine Hochschule dem Netzwerk beitreten. Das wäre für ihn der perfekte Hochschulraum. Denn: "Ein Campus Europae ist nicht für alle Hochschulen in Europa machbar. Viele von ihnen sind sehr stark regional und national eingebunden", sagt er.

Bachelor-Zeremonie (in Bremen): Deutsche Hochschulen haben den halben Weg geschafft
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Bachelor-Zeremonie (in Bremen): Deutsche Hochschulen haben den halben Weg geschafft

Europas Politiker sehen das ganz anders. 29 Staaten unterschrieben im Juni 1999 in Bologna eine Deklaration, in der sie verkündeten, bis 2010 einen Europäischen Hochschulraum zu schaffen. Die Ausbildung des akademischen Nachwuchses sollte vergleichbarer werden. Seither hält mit Bachelor (BA) und Master (MA) in ganz Europa ein zweistufiges System von Studienabschlüssen Einzug, das die Mobilität der Studierenden auf ein Maß erhöhen soll, wie es zuletzt zu Zeiten von Thomas von Aquin Alltag war. Der Italiener studierte in Neapel und Köln, war Professor in Paris und beschloss als Rektor seine Laufbahn dort, wo er sie begann, in Neapel.

Seit in Bologna, der ältesten Universitätsstadt Europas, beschlossen wurde, diese Vergangenheit in die Gegenwart zu holen, hat sich viel verändert - vor allem in Deutschland. Denn während in Ländern wie Großbritannien die BA/MA-Struktur Tradition ist oder Russland bereits in den neunziger Jahren das alte sowjetische System auf die neuen Abschlüsse umstellte, muss sich Deutschland von Magister und Diplom verabschieden. Es ist nicht weniger als die größte Hochschulreform, die Deutschland in der Nachkriegszeit erlebt hat. Da mitzugehen, kostet viele Professoren Zeit und Nerven. Denn sie sind es, die die Arbeit schultern, indem sie neue Studiengänge konzipieren und von den Akkreditierungsagenturen absegnen lassen müssen.

Deutschland muss sich sputen

Den halben Weg haben sie geschafft: An den 340 deutschen Hochschulen sind knapp fünfzig Prozent der Studiengänge auf BA/MA umgestellt. Aber nur 12,5 Prozent aller Studenten sind darin eingeschrieben. "In den meisten anderen Ländern ist die Situation bei der Umstellung besser", sagt Peter Greisler, Ministerialdirigent im Bundesforschungsministerium (BMBF). So sind etwa in Norwegen rund 90 Prozent aller Studenten angehende Bachelor oder Masterabsolventen, in Italien sogar 98,5 Prozent.

Während sich also Deutschland noch gewaltig beeilen muss, um bis 2010 wirklich ein adäquater Teil des Europäischen Hochschulraumes zu werden, können sich andere Länder schon etwas entspannter zurücklehnen. Aber gerade wegen dieser eklatanten Unterschiede zwischen den Bologna-Ländern werden die Bildungsminister auf ihrem Treffen Mitte Mai in London deutlich machen müssen, dass ein halbwegs funktionierender gemeinsamer Hochschulraum ohne einen Endspurt bis 2010 nicht zu erreichen ist.

Die Zeit, sich über ein solch deutliches Signal zu verständigen, hätten die Minister durchaus. Denn viel zu tun haben sie in London nicht. Das Gros der Arbeit ist längst erledigt, bevor sie sich treffen. Die eigentliche "Regierung" des Bologna-Prozesses, die "Bologna Follow Up Group" (BFUG) - in der Vertreter aus allen Mitgliedsländern, Hochschulen und Studentenvertretungen sitzen - hat bis dahin alles vorbereitet. Das abschließende Communiqué ist schon so gut wie vorformuliert, sodass am 17. und 18. Mai nur noch jeweils zwei Stunden im Londoner "Queen Elizabeth II. Conference Centre" darüber diskutiert wird, bis der Fahrplan für die nächsten zwei Jahre steht.

Darin wird es vor allem darum gehen, wie man die Qualität der nationalen Studienangebote auf ein vergleichbares Niveau bekommt. Ziemlich sicher ist, dass die Minister empfehlen werden, ein Europäisches Register für Akkreditierungsagenturen einzurichten, in dem solche Agenturen gelistet werden, die neue Studiengänge nach vergleichbaren und hohen Standards prüfen.



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