Studieren mit Spaß Werdet Uni-Partisanen!

Liebe Studenten! Sind Sie genervt von Prüfungsamt und Dozenten? Fehlt Ihnen die Zeit zum Experimentieren, Grübeln, Leben? Dann sollten Sie dringend etwas ändern. Fünf Tipps für ein glückliches Studium.

Ein Gastbeitrag von Birger Priddat

Studentin beim Bildungsstreik (2009): Wenn sonst nichts hilft, hilft Aufbegehren
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Studentin beim Bildungsstreik (2009): Wenn sonst nichts hilft, hilft Aufbegehren


Das Studium ist die experimentelle Lebensphase der Neugier, eine kulturelle Instanz und ein großer Spaß. Das Bologna-System aber hat diese Lebensphase in vorgeschriebene Abschnitte eingeteilt. Bachelor und Master haben aus ihr einen Verwaltungsakt gemacht, mit mehr Pflichtanteilen als je zuvor: Leistung abliefern, Punkte sammeln, alles für einen möglichst schnellen Abschluss.

Jedes Semester müssen für beinahe alle Vorlesungen und Seminare Prüfungen absolviert werden. Ein völlig unnötiger Aufwand für Lehrende und Studenten! Sie werden mehr und mehr mit Wissen vollgestopft, die Qualität nimmt ab, das Studium wurde vielerorts verdorben.

Intelligente und neugierige Studenten muss so ein Studium enttäuschen. Demotivation, Desinteresse, Studienabbruch sind nur drei negative Folgen in einer langen Liste. Wie sollen sich fordernde Studenten in diesem Milieu bewegen? Wie können Sie, trotz 2,6 Millionen Kommilitonen in verschulten Studiengängen, hochwertig studieren?

Ich rate: Werden Sie Uni-Partisanen! Das heißt: Jeder macht nur noch, was er wirklich will. Das ist kein Freibrief für Beliebigkeit, sondern stellt einen selbst in die Verantwortung, nur das zu studieren, was einen erregt und tiefer nachdenken lässt. Folgende Schritte helfen dabei:

Schritt 1: Planen Sie gut!

Eine Laufbahn als Uni-Partisane will gut vorbereitet sein und beginnt damit, sich die Universität auszusuchen, an der Sie sich wohlfühlen und die Sie intellektuell fordert. Also suchen und besuchen, hinfahren, sich vor Ort informieren. Oder, billiger: Bei Facebook Studenten der Wunsch-Uni anschreiben und ausfragen, Vorlesungsverzeichnisse durchsuchen, Professoren stalken. Leute, die was drauf haben, geben in der Regel Auskunft und schreiben auch zurück.

Schritt 2: Wählen Sie Ihre Lehrer selbst!

Man muss sich im Studium die Professoren aussuchen, die interessant und anregend sind. Das ist schwierig, aber nicht unmöglich. Notfalls wechselt man das Seminar, oder das Fach. Oder gleich die Universität. Zur Not auch zweimal. Oft merkt man erst nach Semestern, dass einen das Fach nicht bewegt. Dann wechseln! Denn nur was einen erregt, trägt dann auch fürs Leben.

Schritt 3: Bilden Sie Allianzen!

In Vorlesungen oder Seminare, die einen anöden, muss keiner gehen. Sind die Informationen, die dort lieblos abgelesen werden, klausurrelevant, dann bilden Sie Arbeitsgruppen. Einzelne Delegierte gehen in die Veranstaltungen, wirklich studiert wird dann im engeren Kreis der Partisanen-Gruppe. Quält Sie die Uni mit Anwesenheitspflicht? Besetzen Sie das Rektorat oder schlagen Sie sonstwie Lärm, bis der Unsinn abgeschafft ist - erfolgreich geschehen hier, hier und hier.

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Bildungsstreik: "Wir werden leerer"
Schritt 4: Bewegen Sie sich flexibel!

Das Höchste ist: Universität studieren, und damit meine ich kein Fach. Besuchen Sie viele unterschiedliche Seminare, erweitern Sie Ihr Wissen, und konzentrieren Sie sich zwischendurch auf das Fach, in dem der Abschluss angestrebt wird. Breit studieren heißt für echte Partisanen: natürlich auch in anderen Fakultäten.

Schritt 5: Lernen Sie nicht nur auswendig!

Wer für Prüfungen lernt, nur um sich danach entlastet zurückzulehnen, wird den Stoff weder durchdringen noch über die Klausur hinaus behalten. Das ist eine Vergeudung der eigenen Fähigkeiten. Viel wissen ist nicht das einzige Ziel. Denn was Sie nicht verstanden haben, wissen Sie nicht wirklich. Sie müssen lernen, Wissen zu beurteilen und kritisch zu hinterfragen, sonst bleibt Ihr Wissen 'leer'.

Natürlich weiß man zu Anfang kaum, was man studieren soll. Das erste Kriterium ist: Was erregt die intellektuelle Neugier? Der spätere Beruf ist erst einmal zweitrangig. Wenn man sich intensiv auf das stürzt, was einen begeistert, bilden sich eine Kompetenz und ein Charakter, der später immer einen Lebensweg findet. Wer aber keine intellektuelle Tiefenbohrungen betreiben will, der sollte vielleicht an eine exzellente Fachhochschule gehen. Oder doch eine Lehre machen.

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Prominente Studienabbrecher: Es gibt ein Leben nach der Uni
Das klingt vielleicht streng, arg optimistisch, manche werden sagen: naiv. Außerdem hört es sich an wie das "Früher war alles besser"-Gerede eines alten Herren. Natürlich waren Hochschulen auch vor Bologna schon bürokratische Monster, gegen die es sich zu wehren galt. Doch die Masse an Prüfungen, die Punkte-Stasi in manchen Prüfungsämtern sind erst mit dem Bachelor- und Master-Regime gekommen.

Um diese Hindernisse gilt es, sich herumzumogeln. Denn die Universität ist immer noch einer der wenigen Orte in der Gesellschaft, an dem tieferes Nachdenken gelingen kann. Oft das einzige Mal im Leben. Wer will das vergeuden? Und wer will Ihnen raten, das nicht zu nutzen?

Zur Person
  • UW/H
    Birger Priddat, 64, hat Volkswirtschaftslehre, Philosophie und Arbeitspsychologie an der Uni Hamburg studiert und 1986 dort promoviert. Heute ist er Dekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Privat-Universität Witten-Herdecke und Gastprofessor an der privaten Zeppelin University. Ende September erschien sein Buch "Wir werden zu Tode geprüft - Wie man trotz Bachelor intelligent studiert".
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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Msc 14.10.2014
1.
Ah, soviele gute Ratschläge auf einmal: Planen sie ihr Studium vorher gut durch, obwohl sie gar nicht wissen wie studieren eigentlich so ist! Wissen sie genau was sie wollen, aber probieren sie viel aus! Nicht nur auswendig lernen, aber nicht zu den Vorlesungen gehen! Und mein absoluter Favorit: Wechseln sie ruhig alle paar Jahre die Uni und womöglich auch noch das Fach, sobald sie auf einen schwierigen Kurs stoßen, der ihnen nicht liegt. Weil Studiengebühren, Miete, Kaution, Umzugskosten ja kein Problem sind als Partisan. Und die möglicherweise vertane Lebenszeit einem zwar Erfahrung bringt, aber eines ganz sicher nicht: Den in der Überschrift erwähnten Spaß. gez. (mittlerweile) Dr. Msc
belisarius_d 14.10.2014
2. Nichts Neues
Wirklich nichts gegen den Herren Autor aber als Student sag ich ihnen mal folgendes: Punkte 1+3: Das nennt man gesunden Menschenverstand, das macht jeder soweit es möglich ist (NC Beschränkungen z.B. können dazu führen, das die TraumUni nicht zu haben ist). Punkt 5: Ach tatsächlich? Das sollte eigentlich jedem Studenten klar sein Punkt 2+4: Schlicht und ergreifend realitätsfern, sagt ihnen der Begriff Langzeitstudiengebühren etwas? Um überall mal reinzuschauen und aufgrund von Dozenten, die man nicht leiden, die Uni zu wechseln, dafür braucht man Zeit, dafür braucht man Geld und raten sie mal, was man als Student in der Regel NICHT hat.
fopa 14.10.2014
3.
Die Tipps sind gut gemeint. In der Realität treten allerdings Problemchen auf. Wer sich selbst seinen Weg quer durch Veranstaltungen, Institute, Fakultäten und Unis bewegt, wird es schwer haben, Kontakte und Lerngruppen über mehrere Semester hinweg zu festigen, die einem bei der Bearbeitung der Veranstaltungsinhalte helfen können. Der Partisane ist zwangsläufig ein Einzelkämpfer. Der "Schritt 3" ist im Partisanen-Szenario schlicht unrealistisch, weil die Gruppen viel zu heterogen wären, um ausreichend Schnittmengen in der Veranstaltungswahl zu haben. Wem das Einzelkämpferdasein nichts ausmacht, der kann die anderen Ratschläge durchaus ernst nehmen. Bloß muss man sich bewusst sein, dass all der Spaß, die "Charakterbildung" und die Befriedigung der intellektuellen Neugier möglicherweise nur zum Preis einer längeren Studiendauer zu haben ist. Außerdem ist die Chance auf karriereförderliche Bekanntschaften geringer. Tatsache ist: Wer sich an den "Studienverlaufsplan" hält, mit seinen Kommilitonen über die gesamte Studiendauer feste Lerngruppen bildet und gut durch die vorgegebenen Prüfungen kommt, hat letztlich die deutlich besseren Aussichten, frühzeitig einen gutbezahlten Job zu bekommen - auch wenn er (oder sie) ein "Langweiler" ist.
Mars82 14.10.2014
4.
Für StudentenInnen aus wohlhabendem Hause, die ewig Zeit, ein aussichtsreiches Erbe und daher Null Leistungsdruck haben, da Papa schon die Praktika und Jobs bei den Freunden aus dem Golfclub organsiert, mag das Studium sicherlich ein toller, abwechslungsreicher Langzeiturlaub sein. Für Aufsteiger und Selfmade-Leute heißt es ranklotzen, um ins Hamsterrad überhaupt einsteigen zu können.
Reg Schuh 14.10.2014
5. Wie ein Schlag ins Gesicht
Wie ein Schlag ins Gesicht liest sich der Text. Auch wenn das Studium schon lange her ist. Da war zum Beispiel: Das andere Seminar war arg überfüllt, und war am Montagnachmittag, und auf Dauer konnte ich so mein Laborpraktikum nicht fertigmachen. Und ich habe dann auch auf Dauer ein schlechtes Gewissen bekommen, weil ich ein schon überfülltes Seminar mit Studenten, die da wirklich hinmußten, noch voller machte, nur zu meinem persönlichen Vergnügen. Oder hätte ich meinen Spaß an höhere Stelle stellen sollen als anderer Studenten Studienplan? ---Zitat--- Der spätere Beruf ist erst einmal zweitrangig. ---Zitatende--- Im Falle Herrn Priddats.... hm.. studierte VWL, ist heute Professor und Dekan der WiWi-Fakultät... Ah, ich sehe: PRIVAT-Uni Witten-Herdecke.... Er macht also Werbung für seinen Arbeitgeber. Keine weiteren Fragen.
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