Bachelor-Arbeit "Das Schlimmste ist das streberhafte Tippen der anderen"

Die letzten Wochen einer Abschlussarbeit können quälend sein. Tabea Mußgnug berichtet von eiskalten Bibliotheken im Sommer, tiefenentspannten Copyshop-Mitarbeitern - und dem schlimmsten Fehler überhaupt.

Starren auf den Laptop: Missmutig in der Institutsbibliothek
Corbis

Starren auf den Laptop: Missmutig in der Institutsbibliothek


Warum sagen eigentlich so viele Leute Thesis statt Bachelorarbeit? Bin ich die Einzige, die das Wort Thesis irgendwie ein bisschen affig findet für eine Vierzig-Seiten-Arbeit, also quasi zwei Hauptseminararbeiten aneinandergehängt? Hat man früher auch Magisterthesis gesagt? Ich glaube nicht.

Leider schrieb ich im Sommersemester. Ich möchte hier allen Erstsemestern oder zumindest allen, die noch nicht ganz kurz vorm Bachelorthema-Anmelden sind, den heißen Tipp geben, lieber ein Semester länger zu studieren (zumindest, falls sie im Wintersemester angefangen haben). Denn dann fallen Bachelorarbeitsmühen und Sommer nicht so ungünstig zusammen.

Ich saß jedenfalls zehn Wochen sehr missmutig in diversen Institutsbibliotheken und sah draußen unverhältnismäßig viele braungebrannte, schöne junge Menschen in Espadrilles und schwingenden Röckchen vorbeilaufen, lachend und glücklich, während ich im überklimatisierten Lesesaal fröstelnd die Strickjacke enger um meinen madig-weißen Leib zog.

Eines ist aber egal, ob Sommer oder Winter: Irgendjemand direkt neben dir schnieft immer, entweder wegen der Grippewelle oder wegen der Hasel-Allergie. Ich finde, dass in dem Moment, in dem man ohne Idee und ohne Motivation vor seinem Laptop sitzt und außer den Formatierungen der Seitenränder seit zwei Stunden noch überhaupt nichts gemacht hat, das irgendwie die Arbeit vorangetrieben hätte, alle Geräusche um einen herum plötzlich zu einem nervtötenden Crescendo anschwellen voller lauter Buchblätterei, Schniefen, überlastet-brummenden Laptoplüftungen, pseudogeflüsterten Gesprächen, zischend geöffneten 1,5-Liter-Mineralwasserflaschen "classic" und nervösem Kugelschreiberklicken. Ich schwöre: Manche schreiben sogar unverschämt laut auf Papier.

Drei Tage Pause sind wohl okay, oder?

Schlimmer als all diese Geräusche finde ich persönlich aber das, was ich streberhaftes Tippen nenne. Dieses selbstzufriedene, schnelle Tippen, das allen sagt: "Hört her, ihr Loser, hier sitze ich und schreibe in Sekundenschnelle eine Seite … uuuuuuund wieder eine Seite von meiner hervorragenden Arbeit, die mühelos den Fachpreis in Wirtschaftsmathe UND Ethnologie gewinnen wird und die mir obendrein Spaß macht. P.S.: Ich habe ein Semester übersprungen."

Am Anfang ging es jedenfalls mit meiner Bachelorarbeit gut voran, denn das ist auch die Phase, in der man nette Dinge tut: Erst mal ein bisschen rumlesen, so querbeet, und was man eben so interessant findet. Gedankenverlorene Mindmaps auf jungfräuliche Blockseiten zeichnen und allen erzählen, dass man eigentlich schon recht weit ist. Das erzählt man vor allem deswegen, weil man es auch wirklich selbst glaubt.

Dann kommt die Phase, die irgendwie nicht mehr so federleicht ist, aber trotzdem noch okay. Ein bisschen anfangen zu schreiben. Muss ja noch nicht perfekt sein, Hauptsache, es steht schon mal was da. Da kann man ja später noch mal drübergehen, und außerdem: Es sind ja noch sechs Wochen, eine Ewigkeit. Das ist die Zeit der gelb markierten Textstellen und in Klammern gesetzten Großbuchstaben-Anweisungen wie (HIER NOCH WEITERSCHREIBEN) oder (NOCH MAL NACHGUCKEN). Ich schreibe manchmal sogar (BITTE NOCH MAL NACHGUCKEN), bin also sehr höflich zu mir selbst. Ein, zwei, drei Tage Pause dazwischen wird man sich ja wohl auch noch gönnen dürfen.

Tja, und dann hat man plötzlich nur noch eine Woche, weiß nicht mehr genau, wo das eigentlich stand, was man da BITTE NOCH MAL NACHGUCKEN wollte, gleichzeitig ist die Motivation, es herauszufinden, sehr gering, und überhaupt will man den ganzen Text am liebsten nicht mehr sehen.

Zum Schluss steht man im Copyshop und fleht den Dreadstragenden und wesentlich zu entspannten Mitarbeiter an, die Arbeit in fünf Minuten zu drucken und zu binden. Mit cremefarbenem Einband, den man sofort wieder bereut, nachdem man die Arbeiten hektisch in einer Tasche voller Krimskrams ins Prüfungsamt gezerrt hat und beim Auspacken schon merkt, dass vorne drauf jetzt ein paar seltsame graue Flecken sind.

Hilfe!
  • Corbis
    Jeder hat mal Angst und Stress. Jeder fühlt sich mal hilflos, machtlos, überfordert, im Studium zum Beispiel, im Praktikum oder in der Schule. Wenn Freunde, Eltern oder Geschwister nicht weiterhelfen können, wollen oder sollen - dann melde Dich bei uns, eine Psychologin weiß Rat. Eine Auswahl der Fragen und Antworten werden veröffentlicht. Anonymisiert natürlich!
  • spon_input@spiegel.de
Ich habe, das muss ich ohne jeden Stolz sagen, den Creme-Fehler tatsächlich sowohl beim Bachelor als auch beim Master gemacht, und deswegen jetzt zwei Arbeiten im Regal stehen, die aussehen, als hätte ich sie auf dem Flohmarkt gekauft.

Immerhin war ich allerdings nie so knapp dran mit dem Abgeben, dass es nicht wenigstens noch dafür gereicht hätte, mein Werk diversen netten Menschen zu schicken, die es dann Korrektur lesen mussten und allesamt bis heute auf das ihnen von mir als Lohn versprochene Mittagessen beim Studenten-Inder warten. Einer der schlimmsten Momente beim Schreiben einer Abschlussarbeit ist meines Erachtens der, in dem man dann das Ganze von den ehrenamtlichen Korrekturlesern wieder zurückbekommt.

Man sieht die Mail "Fdw: Daaaaanke schon mal fürs Korrekturlesen <3", und der Mund wird trocken, während man den Anhang öffnet. Da ist er: Der eigene Text, aber man erkennt ihn kaum, vor lauter rot-gelber Word-Kommentar-Funktion. Und man hasst für eine halbe Minute erstens den Korrekturleser und zweitens das ganze Leben. Aber ich will nicht jammern: Immerhin hatte ich wie gesagt immer noch ein bisschen Zeit, um wenigstens die schlimmsten Satzverdreher und die übersehenen (BELEG FEHLT)-Anmerkungen noch vor der Abgabe auszumerzen.

Meine Freundin Sarah nicht. Sie machte den Fehler, ihre in allerletzter Sekunde gedruckte und deswegen genau nullmal korrekturgelesene Bachelorarbeit zum Thema "Kleist und das Motiv des Weltschmerzes" auf dem Weg zum Prüfungsamt noch einmal aufzuschlagen. Auf der ersten Seite fand sie sechs Tippfehler sowie ein (???ACHTUNG, VLLT RAUSLASSEN!). Die restlichen Seiten schaute sie dann lieber gar nicht mehr an.


Auszug aus: Tabea Mußgnug, Nächstes Semester wird alles anders... Zwischen Uni und Leben! Für alle, die denken, sie bräuchten einen Plan, Fischer 2015.

Zur Autorin
  • S. Fischer Verlag
    Tabea Mußgnug, Jahrgang 1987, hat in Heidelberg Kunstgeschichte, Religionswissenschaft und Byzantinische Archäologie studiert und musste sich oft fragen lassen: "Und was macht man dann damit?". In regelmäßigen Abständen durchlitt sie deshalb Welchen-Sinn-hat-mein-Fach-Krisen. Heute promoviert sie in Kunstgeschichte und hofft auf das große geniale Jobangebot.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 98 Beiträge
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Seite 1
Vaen 24.08.2015
1. Bald...
ist das ganze Buch hier abgedruckt. Stecke gerade in der Examensphase und kann bei dem, über was die Autorin sich beschwert, nur bitter lächeln. Bei uns ist jedenfalls niemand mehr in gymnasialen Unterteilungen wie Streber/Nichtstreber stecken geblieben.
themistokles 24.08.2015
2.
Ich habe in Heidelberg Alte Geschichte, Ur- und Frügeschichte sowie Klassische Archäologie studiert. Wir haben also unsere Zeit vermutlich in den gleichen Bibliotheken verbracht. Meine Uni- Zeit ist zwar schon ein Weilchen her, aber die von der Autorin beschriebenen Situationen habe ich so nie erlebt. Entweder haben sich die Studenten und ihr Verhalten in den letzten Jahren dramatisch verändert, oder hier hier (leider) hoffnungslos übertrieben. Auch wüsste ich gerne, wo es diese "Tiefkühlbibliothek" gegenen hat. Die Instituts- Bibs, die ich kenne, waren im Sommer brüllend heiß.
Celegorm 24.08.2015
3.
Frage: Wieso hängen eigentlich so viele Studenten, die sich von den Bedingungen in den Bibliotheken derart furchtbar genervt fühlen, ständig in eben diesen Bibliotheken rum? Die grösste Errungenschaft der Drahtlos-Technologie ist doch, dass man heute überaus flexibel sein kann bei der Wahl des Arbeitsplatzes. Bei schönem Wetter sogar draussen. Zum Schreiben reicht schliesslich ein Laptop und wenn man sich noch über das Uni-Wifi/VPN einloggt hat man meist auch Zugang zu einem Grossteil der relevanten Literatur. Feststellung: Die Problematik erübrigt sich weitgehend, wenn anstelle der drögen Literaturarbeiten auch in einer Bachelor- oder Masterarbeit effektiv wissenschaftlich gearbeitet wird. Gibt zwar am Anfang tendenziell mehr zu tun, dafür schreiben sich hinterher zumindest Methoden und Resultate wie von selbst..
Tiberias 24.08.2015
4. Es ist schon...
...lächerlich, dass man die einst so umfassende Abschlussarbeit im Diplom nun beim Bachelor auf den Umfang einer popligen Seminararbeit zusammengedampft hat. Umso unverständlicher finde ich es, dass in diesem Artikel darüber gejammert wird, welch Herkulesaufgabe es doch ist, knappe 40 Seiten Text zusammenzutippen. Wenn man sich diszipliniert ans Werk macht und ansatzweise Konzept hat, ist das Drama in zwei Wochen erledigt. Ich habe damals zu Diplom-Zeiten knappe 3 Monate an meiner Abschlussarbeit gewerkelt (auch mit kleineren "Kunstpausen), die dann aber auch knappe 220 Seiten lang war. Mein Tipp: Nicht so viel jammern über immer simplere Abschlussarbeiten und einfach mal ein wenig Disziplin aufbringen! Schließlich lockt dann ein Uni-Abschluss, mit dem man dann ungefähr den Arbeitsmarktstatus eines gerade fertig gewordenen Azubi besitzt.
patrick6 24.08.2015
5. Für meine Examensarbeit...
...hatte ich 8 Wochen. Tagsüber am Strand gelegen, abends angefangen zu schreiben, das so bis 0200. Nach 6 Wochen 2 Leute Korrektur lesen lassen und dann 3 Tage vor Termin abgegeben. War zwar über der Seitenvorgabe, trotzdem 'uneingeschränkt 1'. Das war die entspannteste Zeit meines Lebens.
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