BahnCard zum Studententarif "Unser Angebot war nicht so gemeint"

Die Bahn rät ihren Kunden: Glauben Sie uns bloß nicht, wenn wir Ihnen persönlich ein günstiges Angebot unterbreiten - vergewissern Sie sich lieber im Kleingedruckten, ob wir nicht doch teurer sind. Falls das Unternehmen damit nicht durchkommt, können viele Hochschulabsolventen bei ihrer nächsten BahnCard 100 Euro sparen.

Von Andreas Ross


Stefanie F. hat kürzlich Post von Claudia Lösche bekommen. Lösche ist Chefin des BahnCard-Marketings und gar nicht schreibfaul: Zigtausend Briefe hat sie am 15. Oktober versandt, um Kunden wie Stefanie F. daran zu erinnern, dass ihre BahnCard im Dezember ausläuft. Wie viele Briefe es genau waren, weiß Claudia Lösche wohl selbst am wenigsten. Eigentlich hat ja nur der Kollege Computer für sie unterzeichnet.

Bahncard: Schriftliches Angebot ohne Vorbehalte
DPA

Bahncard: Schriftliches Angebot ohne Vorbehalte

Und der hatte viel zu tun, denn in den ersten beiden Dezemberwochen des vorigen Jahres hatten so viele Bahnreisenden wie nie zuvor ihre BahnCard gekauft. Auch Stefanie F. war noch kurz vor dem 15. Dezember zum Schalter geeilt, bevor die Karte abgeschafft wurde, um Platz für das berüchtigte neue Preissystem zu machen.

Wie viele Bahnkunden sich im Dezember 2002 die einjährige Gnadenfrist erkauft haben, um der Preisreform auszuweichen, will die Bahn lieber nicht verraten. Schon an normalen Tagen werden jedoch etwa 10.000 BahnCards verkauft. Damals muss es ein Vielfaches gewesen sein.

"Wie gewohnt zum halben Preis"

70 Euro musste Stefanie seinerzeit berappen, für die damals 26-jährige Studentin galt gerade noch die Ausbildungsermäßigung. Das war nicht zu teuer für das beruhigende Gefühl, ein weiteres Jahr lang zu den bekannten Konditionen mobil zu sein, während Restdeutschland immer hysterischer daran scheiterte, das laut Werbung zweiteinfachste Preissystem der Welt (nach Lummerland) zu begreifen.

Bahn-Werbung: Das zweiteinfachste Preissystem der Welt. Nach Lummerland.
MICHAEL PROBST/AP

Bahn-Werbung: Das zweiteinfachste Preissystem der Welt. Nach Lummerland.

Bahn-Chef Hartmut Mehdorn selbst machte dabei mitunter eine höchst unglückliche Figur. So bekannte er in einem Interview freimütig, dass Zugfahrten über viereinhalb Stunden "eine Tortur" seien und er auf der Strecke zwischen Berlin und München lieber fliege. Zur Strafe wählten Teilnehmer den Konzernboss bei der Wahl zum "Marketingflop 2002" zum Loser Nummer 1. Und die Bahn landete wegen einer wirren Anzeige zum neuen Tarifsystem auch gleich noch auf Platz 2.

Da Mehdorn allerdings nach eigenem Bekunden inzwischen "verstanden hat", wurde die BahnCard 50 im August wieder eingeführt, wenn auch zum deutlich höheren Preis. Es ist Frau Lösches Job, die Karte an den Mann zu bringen. Und da gilt ihr die direkte Kundenansprache als die effektivste Form der Werbung.

Deshalb schrieb Lösche jeden sehr geehrten Kunden persönlich an und resümierte die vielfältigen Vorzüge des ermäßigten Bahnreisens in fünf Absätzen und einem Postscriptum. Umseitig allerlei Werbebotschaften; beiliegend ein Bestellformular, auf dem Adresse und Geburtsdatum des Kunden bequemerweise bereits eingetragen waren.

Wer ist denn diese Frau Lösche?

An Stefanie F. richtete Claudia Lösches Computer ein besonderes Angebot: Alle Vorteile der BahnCard sollte sie "wie gewohnt zum halben Preis für nur 100 Euro (2. Klasse)" erhalten. Irgendwelche Vorbehalte brachte Lösche nicht zu Papier. Dass Stefanie die Altersgrenze für die Ermäßigung mittlerweile überschritten hat, wusste der Computer zwar, doch es interessierte ihn offenbar nicht.

Studentin ist Stefanie auch nicht mehr, aber egal: Ein gutes Angebot soll man nicht ausschlagen. Also rief die Berlinerin die angegebene Servicenummer an und berief sich auf die Marketingchefin. Allein, dort wollte man einer 27-Jährigen partout keine BahnCard zum halben Preis verkaufen. Der Tipp von der Hotline: Lesen Sie doch unsere Geschäftsbedingungen! "Aber Frau Lösche hat mir doch geschrieben..." - "Wer ist denn diese Frau Lösche überhaupt?"

Nun hat die Bahn nicht nur Stefanie F. die günstige Offerte unterbreitet, sondern allen, die im letzten Jahr Anspruch auf Ermäßigung hatten - unabhängig davon, ob sie mittlerweile die Altersgrenze überschritten oder ihre Ausbildung beendet haben. Wie vielen genau? Auch das ist bei der Bahn geheime Kommandosache.

Die Betroffenen interessiert ohnehin eine andere Frage: Steht das Unternehmen zu seinem Wort? Die Antwort lautet: Nein. Hilflos seufzt Bahnsprecher Achim Stauß: "Es ist ja offensichtlich, dass das Angebot so nicht gemeint war. Im Einzelfall hätte man über Kulanz reden können, aber so...".

Muss der Kunde jedes Angebot überprüfen?

Juristisch ist der Fall nicht eindeutig. Einerseits liegen die korrekten Geschäftsbedingungen dem Schreiben ja bei. Auch aus dem Formular geht klar hervor, wer Anspruch auf Ermäßigung hat. Andererseits könnte man den Brief als individuelles Angebot interpretieren. Kann ein Unternehmen von seinen Kunden wirklich verlangen, dass sie die Richtigkeit eines Angebots überprüfen, das an sie persönlich gerichtet wurde?

Bahnchef Mehdorn
REUTERS

Bahnchef Mehdorn

Günter Hörmann von der Hamburger Verbraucherschutzzentrale fände es "ganz spannend, wenn das mal jemand vor Gericht ausfechten wollte". Nett wäre es aber auch schon, meint Hörmann, wenn die Bahn in den kommenden Tagen einen Haufen einschlägiger BahnCard-Bestellungen bekäme. "Man könnte sich ja einfach auf das Angebot berufen."

Stefanie F. wartet derweil auf den Rückruf, den ihr genervte Ich-weiß-von-nichts-Telefonisten an der Hotline schon in der vorigen Woche versprachen. Schon bald dürfte der Sachverhalt den Mitarbeitern im Call-Center geläufiger sein.



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